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Ausgabe 1/00


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Ein Ort der NS-Verbrechen schlechthin

Chronologie der Geschichte des ehemaligen KZ Mauthausen von 1938 bis heute

 

Mauthausen nimmt in Österreich eine Sonderstellung ein. Als größtes Nazi-Konzentrationslager auf dem heutigen Staatsgebiet, dem fast alle Nebenlager in der damaligen „Ostmark“ unterstellt waren, ist es heute die Gedenkstätte für Naziverbrechen in Österreich schlechthin, in der „das … Neben- und Miteinander westlich-konfessioneller und kommunistischer Erinnerungsmomente immer noch weiter (lebt,) wenngleich abgeschwächt und von einem (vor allem sozialdemokratisch geprägten) Erinnerungsritual überlagert“ (Botz:1997).

 

Während die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen durch viele Publikationen relativ gut aufgearbeitet ist, ist über die Geschichte der Gedenkstätte Mauthausen nur wenig Material vorhanden. Die einzige ausführliche historische Darstellung zu diesem Thema ist die unter dem Titel „Memorandum“ erschienene Schrift von Hans Marsalek aus dem Jahr 1993.

 

 

Chronologie ab 1938

 

1938-45 Kurz nach dem „Anschluss“ kommen am 8. August die ersten Häftlinge aus Dachau nach Mauthausen, wo sie mit dem Aufbau des Konzentrationslagers beginnen und im Steinbruch zur Arbeit gezwungen werden. 1941 werden alle KZs in Lagerstufen eingeteilt. Mauthausen wird als einziges KZ der höchsten Stufe III zugeteilt. Im Klartext bedeutet dies, dass Mauthausen, abgesehen von den reinen Vernichtungslagern im Osten eines der schlimmsten Lager wird. Die durchschnittliche Lebensdauer der Gefangenen beträgt sechs Monate. In diesem KZ werden mit all seinen 49 Nebenlagern über 105.000 Männer und Frauen ermordet. Die Liste der dort verbrochenen Grausamkeiten ist ebenso lang wie unfassbar.

 

1945 Am 5. Mai wird das Konzentrationslager Mauthausen von US-amerikanischen Truppen befreit. In weiterer Folge werden die befreiten Gefangenen in verschiedene Krankenhäuser verlegt, die Heimkehr vieler Gefangener organisiert und im Lagergelände ein Friedhof für die Verstorbenen angelegt. Wegen Seuchengefahr tragen die Amerikaner bereits erste Teile des Lagers ab. Im Juli räumen die US-Streitkräfte das Mühlviertel und übergeben das ehemalige Konzentrationslager den Sowjets, die dort eine Kaserne einrichten.

 

1946 Nach fast einem Jahr, in dem auch die Sowjets Teile des Lagers demontieren, übergeben sie das Lager dem Bürgermeister der Marktgemeinde Mauthausen. In der Zeit der Eigentümerschaft der Marktgemeinde Mauthausen wird das ehemalige Lager nur mangelhaft bewacht, was zu vielen Diebstählen durch die notleidende Bevölkerung führt. Das ehemalige Lager verfällt immer mehr. Ein Lokalaugenschein von Mitgliedern des Bundesverbandes der ehemals politisch Verfolgten veranlasst diese zur Feststellung: „Es ist ganz einfach unfassbar. Ein Platz, der in jedem anderen Lande eine Weihestätte wäre, ist bei uns eine Mistg’stättn (sic!) und ein Kartoffelacker.“ (n. Freund: 1995)

 

1947 Am 20. Juni erfolgt die feierliche Übergabe des Lagers an die österreichische Bundesregierung, vertreten von Bundeskanzler Leopold Figl. Die Bundesregierung wird dabei von den Sowjets verpflichtet „die Gebäude des ehemaligen Konzentrationslagers Mauthausen als Denkmal zur Erinnerung an die durch nazistische Henkersknechte hingemordeten Opfer in ihre Obhut zu nehmen und zu erhalten.“

 

1949 beschließt der Ministerrat , die Gedächtnisstätte der oberösterreichischen Landesregierung zu übergeben und die bauliche Gestaltung eines Weiheraumes sowie diverse Instandhaltungsarbeiten zu genehmigen. Im Ministerratsbeschluss heißt es nun bezeichnenderweise, dass das ehemalige Lager „zu Ehren der im Kampfe um ein freies demokratisches Österreich gefallenen Opfer als öffentliches Denkmal“ erklärt wird. Im Gegensatz zum sowjetischen Wortlaut wird der Personenkreis der Opfer drastisch eingeschränkt.

Zwei Tage später kommt aus dem Innenministerium die Weisung dass, da „es sich bei der Feier des Bundesverbandes der KZ-ler (diese Feier war die erste Befreiungskundgebung mit internationaler Beteiligung in Mauthausen und erfolgte im Auftrag der internationalen Organisation der politischen Opfer) vom 8. 5. 1949 um keine offizielle Feier in Mauthausen handelt, … eine Beteiligung österreichischer Behörden aus diesem Grunde nicht angezeigt erscheint.“ Die oberösterreichische Landesregierung protestiert einstimmig dagegen. 1949 wird von den Franzosen das erste nationale Denkmal eingeweiht. Andere Nationen und Opfergruppen folgen künftig diesem Beispiel.

 

50-er Errichtung des KZ-Friedhofs in Ebensee durch das BMI. In den folgenden Jahrzehnten werden bei einigen ehemaligen Nebenlagern, oft durch Initiative engagierter Vereinigungen, Mahnmale errichtet und betreut.

 

60-er Die jährlichen Gedenkfeiern werden von 1949 – 64 vom Bundesverband Österreichischer Widerstandskämpfer und Opfer des Faschismus organisiert. Dieser Verband ist von den drei Parteien paritätisch besetzt, jedoch immer kommunistisch etikettiert und großen Schwierigkeiten ausgesetzt. Im Jahr 1964 wird die Österreichische Lagergemeinschaft Mauthausen (ÖLM) als überparteiliche Organisation gegründet, die von da an die jährlichen Befreiungskundgebungen durchführt. 1964 genehmigt die Bundesregierung die Einrichtung eines seit den 50-er Jahren geforderten Museums, das unter dem Koordinator der Gedenkstätte und ehemaligen Häftling Hans Marsalek in Angriff genommen wird. Seit 1965 findet jährlich ein freiwilliger Arbeitsdienst von Berliner BerufsschülerInnenstatt. SchülerInnen verschiedenster Sparten kommen mit ihren BetreuungslehrerInnen zwei bis drei Wochen nach Mauthausen wo sie neben diversen Rahmenprogrammen auch Instandhaltungsarbeiten an der Gedenkstätte verrichten. Von Seite österreichischer Schulen gibt es keine vergleichbaren Initiativen.

 

1970 Eröffnung des Museums in der Gedenkstätte , im Rahmen der 25-Jahr-Feierlichkeiten. 1971 wird die Gedenkstätte wieder in die Verwaltung des Innenministeriums zurückgegeben.

Bis in die 80-er Jahre führt die ÖLM

ohne jegliche staatliche Subvention die Befreiungskundgebungen durch. Ab dann bestreiten AktivistInnen des ÖGB und der röm.-kath. Kirche in Zusammenarbeit mit der ÖLM und mit finanzieller Unterstützung des Innenministeriums Organisation und Koordination der Feiern in Mauthausen und in vielen der ehemaligen Nebenlager. 1982 wird eine weitere ständige Ausstellung über ÖsterreicherInnen in nationalsozialistischen Konzentrationslagern eröffnet. Zur gleichen Zeit protestieren jüdische Organisationen, dass die Zahl jüdische Opfer zu niedrig angegeben ist.

 

In den 80-ern übernimmt Min.Rat. Peter Fischer die Agenden der Gedenkstätte, die er bis heute führt. Wichtigste Aufgaben dieser Abteilung sind die Betreuung der Gedenkstätte Mauthausen und ehem. Nebenlager (z. B. Melk, Ebensee). Im Hauptlager stehen 15 Personen, darunter vier Zivildiener, im Dienst des BMI. Aufgabenbereiche sind: Administration, Archiv des Museums (Realien, Schrift- und Bildquellen), Bibliothek, wissenschaftliche Arbeit (Dokumentenankauf, Datenerfassung, Publikationen, Auskünfte).

 

90-er Ausgelöst durch einen Auftrag des Bundeskanzleramtes erscheint 1991 das sog. Fliedl-Gutachten, in dem eine Bestandsaufnahme aller zum Thema KZ Mauthausen relevanten Quellen erstellt wird. Es werden Vorschläge für eine Um- bzw. Neugestaltung der Gedenkstätte erarbeitet, in denen auf die sich verändernden Formen des kollektiven Gedächtnisses (Sterben der ZeitzeugInnen, Enttabuisierung in der Zeitgeschichte, polit. Wandel in Osteuropa …) reagiert wird. 1994 erstellt die Lagergemeinschaft eigene Vorschläge, in denen den Zeitzeugnissen mehr Stellenwert eingeräumt wird als der geschichtswissenschaftlichen Forschung und die eher für die verstärkte Sichtung und Sammlung von Dokumenten und Artefakten denn für eine Umgestaltung oder grundlegende Neukonzeption der Gedenkstätte eintritt.

 

1995 Im Rahmen der 50. Wiederkehr der Befreiung und im Auftrag des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst erscheinen die „Vorschläge der Sachverständigenkommission zur Gedenkstätte KZ Mauthausen“ unter Beteiligung zahlreicher renommierter internationaler HistorikerInnen. Hier wird dem neuesten Forschungsstand Rechnung getragen, jedoch wenig Wert auf Gestaltungsprobleme der Ausstellung gelegt. Dieses Papier folgt dem Trend zur faktenorientierten, nüchternen Gestaltung von ehem. KZs als Zeitgeschichtemuseen. Trotz Nicht-Akkordierung mit dem Innenministerium und trotz einer eher traditionellen geschichtstheoretischen Argumentation erhält dieses Gutachten eine bemerkenswerte Öffentlichkeit und bringt einige Initiativen in Gang.

 

1997 findet in Wien die Gründung des Vereins Mauthausen Aktiv Österreich durch Bischof Maximilian Aichern und ÖGB Präsident Fritz Verzetnitsch statt. Diese Organisation soll als Koordinationsstelle aller Aktivitäten und Initiativen fungieren, die sich mit der Geschichte des KZ Mauthausen befassen. Ebenfalls 1997 erscheint ein Rahmenkonzept zur Neugestaltung der Gedenkstätte (Botz/Ellmauer), das i. w. auf älteren Vorschlägen basiert, jedoch eine stärkere Einbeziehung der Überlebenden fordert.

 

1998 Am 9. Mai wird unter Beteiligung verschiedener Roma- und Sinti-Vereine aus dem In- und Ausland das Denkmal für die ermordeten Roma und Sinti errichtet.

Von 1970, dem Jahr der Eröffnung des Museums, bis 1999 besuchten ca. 5,5 Millionen Menschen die Gedenkstätte Mauthausen.

 

Günther E. Sturm, Helmut Wartlik, Gedenkdienstmitarbeiter in Wien

 

Literatur:

Gerhard Botz, Daniela Ellmauer: Gedenkstätten-Museum Mauthausen (Salzburg 1997)

Freund, Perz, Stuhlpfarrer: Historische Überreste von Tötungseinrichtungen im KZ Mauthausen. in: Zeitgeschichte 9/10 (Wien 1995)

Hans Marsalek: Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen (Wien 1980), ebd.: Memorandum (Wien, 1993)

[mauthausen], Tätigkeitsbericht 1996 der Abt. IV/7, BMfI (Wien 1997)

Vorschläge der Sachverständigenkommission (Wien 1995)

Webpage der Gedenkstätte Mauthausen: http://www.mauthausen.memorial.gv.at/