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Ausgabe 1/00


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Antisemitismus in Russland – ein Beispiel für das zeitlose Konzept ,Angst‘

Gefragt nach ,dem Schuldigen‘ tauchen in unserem historischen Bewusstsein zumindest zwei Gruppen von Minderheiten auf, die ständig zu den Opfern zählen – als Sündenböcke, als Schuldige für Ereignisse, Zustände und Ängste der Mehrheit herhalten müssen: Sinti und Roma – vielfach als ‚Zigeuner‘ benannt – und Juden.

 

‚Angst‘ ist immer etwas Unkonkretes, im Gegensatz zur ‚Furcht‘, die einen bestimmten Ursprung kennt. Diese Ungewissheit, manchmal auch Hilflosigkeit der ‚Angst‘ bedient sich konstruierter Erklärungsmechanismen, die der unerklärlichen Angst eine Form zu geben versuchen. Ein wehrloser Schuldiger übernimmt die Funktion des Sündenbocks, den man nur zu verjagen oder zu vernichten braucht, um sich aus der eigenen ‚Angst‘ zu befreien. Ein Vorhaben, das nicht gelingen kann, vorerst aber erleichtert und in Zukunft die Möglichkeit bietet, beliebig wiederholt zu werden.

Im Russischen Reich, der Sowjetunion oder in der Russischen Föderation der Gegenwart begegnen wir einer Vielzahl von Bewegungen und Ideen, die sich vielleicht durch ihren Träger unterscheiden lassen, die aber in ihrer Grundgesamtheit kaum reell zu unterscheiden sind. Gleich ist ihnen allen die ‚Angst‘: die Angst einer Gesellschaft in der Transformation vor einer ungewissen Zukunft, die Angst vor einer verschworenen Vergangenheit, die unbewusste Angst vor sich selbst …

Es ist hier nicht der Platz für eine umfassende Darstellung des Antisemitismus in Russland, gleichwohl ist es aber auch nicht zielführend, einfach in die Gegenwart einzusteigen und in statistischer Gleichmut gesammelte Ergebnisse und Zustände über den Antisemitismus im heutigen Russland aufzuzählen. Vereinzelte generalisierende Blicke in die Vergangenheit müssen hier genügen, um Klarheit für die Erläuterung einiger Haupttendenzen zu schaffen.

 

 

Das zaristische Russland

 

Der zum Staatsprogramm erhobene Konservativismus Zar Nikolaus II. versuchte jede Reform von vornherein zu verhindern. Die ‚Intelligenz‘ mit ihren vom Westen genährten Ideen einer Umgestaltung des Staates nach neuen Kriterien war dem Staatsapparat Feind und Symbol seiner Angst vor der Zukunft. Die jüdische Bevölkerung, deren größter Teil des Lesens und Schreibens mächtig war – im Gegensatz zur übrigen Bevölkerung – war dem Staatsapparat suspekt. Die meist trostlose wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage der Juden  ließ revolutionäre Bewegungen entstehen. Zu dieser negativen Haltung des Staates gesellte sich noch ein Jahrhunderte alter, von der Vorstellung der ‚Juden als Christusmörder‘ genährter Antijudaismus. Zu oft benutzte der Staat in Ablenkung von Problemen die Juden als Zielscheibe seiner Politik der gefährlichen zweischneidigen Kraftumlenkung des unzufriedener werdenden Volkes.

Der Beilis-Prozess (Kiew, 1913) kann als manifestierter Ausdruck dieser Haltung verstanden werden: 1911 verschwindet in Kiew ein christlicher Junge, dessen Leichnam später gefunden wird. Obwohl der Sachverhalt sowie der Mörder den Behörden bekannt waren, begann man daraus einen Ritualmord der jüdischen Bevölkerung zu konstruieren. Die Pogrome von 1903 in Odessa und 1905 in Kischnew waren noch in frischer Erinnerung. Sehr schnell wurde aus diesem Prozess ein offener politischer Kampf der ‚Intelligenz‘, die sich hinter die Juden stellte, und dem nur mehr scheinbar allmächtigen Staat.

 

 

Die Ära der Sowjetunion

 

Die Russische Revolution brachte für viele Juden nicht die erhoffte Befreiung aus ihrer kleinen, eingegrenzten Welt des Schtetls der hungernden Luftmenschen – wie Manès Sperber den Großteil dieser Bevölkerungsschicht beschrieb - mit ihrer ständigen Bedrohung durch eine feindliche Umwelt.

Die Revolution, die Partei – mit dem Vorwurf einer jüdischen Verschwörung gegen Russland konfrontiert – wird zum Sammelbecken für Antisemitismus. Juden bekamen bald zu spüren, dass die Revolution in ihnen eine Gefahr sah – die Gefahr des ‚privaten Kleinunternehmers‘, eine mit den Idealen der Neuerung unvereinbare Lebenssituation. Später kam noch eine Facette der Verachtung den Juden gegenüber hinzu:

„Der Jude“, so der Schriftsteller Andrej Sinjawskij (besser bekannt als Abram Terz) über seine Erfahrungen in den Lagern des GULAG, „ist die objektivierte Erbsünde Russlands, von der es sich ständig reinigen will und nicht kann.“ Sinjawskij weiter: „Man könnte freilich auch paraphrasieren: Der Antisemitismus ist das einzige glaubwürdige Mittel eines schwer belasteten Staats- und Parteikaders, sich von den Sünden der sowjetischen Geschichte reinzuwaschen.“ (Sinjawskij: Literatur als Prozess, 1977; ex: Koenen/Hielscher (Hg.): Die schwarze Front – Der neue Antisemitismus in der Sowjetunion, Hamburg 1991, S. 36).

 

Die Schicksale des Jüdischen Antifaschistischen Komitees, dessen Aufgabe es war, die (jüdischen) Massen für den Krieg gegen den Faschismus zu organisieren, des Staatlich Jiddischen Theaters, der Schriftsteller Ilya Ehrenburg, David Grossman, Ossip Mandelstamm, der Schauspieler Salomon Michoels, Benjamin Suskin u. v. a. wurden zum Manifest dieser ‚reinzuwaschenden Erbsünde‘. Das stalinistische totalitäre System der ‚Angst‘ forderte neue Opfer für sein Fortbestehen. Die Ermordung des weltberühmten Schauspielers Salomon Michoels am 13. Jänner 1948 in Minsk, dem kurz zuvor noch hohe staatliche Auszeichnungen (Stalin-Preis) für seine Verdienste verliehen worden waren, stand am Beginn einer nunmehr offen antisemitischen Politik der „Kosmopoliten und Ärzteprozesse“, die zwar mit dem Tod Stalins 1953 ein Ende nahmen, deren Wurzeln aber weiterbestanden.

Das Foto der Erhängung der 17-jährigen Mascha Bruskina in Weißrussland im Oktober 1941 ist weltweit bekannt. In der Sowjetunion, in der heutigen russischen Föderation und in Weißrussland gilt sie als Abbild einer furchtlosen Partisanin. Obwohl seit den 60-er Jahren bekannt war, dass Mascha eine jüdische Krankenpflegerin war die half, verwundete sowjetische Offiziere zu den Partisanen zu bringen, bleibt dieses Faktum konsequent unerwähnt.

 

 

Russische Föderation heute

 

Obwohl demokratische Kräfte in Russland erkannt haben, dass „die offene Äußerung des Antisemitismus nicht nur gegen Juden gerichtet, sondern, [dass] sie ein wirksames Instrument in den Händen der rechten und linken Kräfte in ihrem Bestreben, die Entwicklung der Demokratie zu stoppen“ (Resolutionstext eines int. Seminars, Moskau, 1993) sei, ist man weit davon entfernt, diese Erkenntnis wirksam umzusetzen. Die Vielschichtigkeit des russischen Antisemitismus kommt im weiten Spektrum seiner Anwendung in den verschiedenen Institutionen der Gesellschaft immer wieder zum Ausdruck.

Die kommunistische Partei, die sich von ihrer Vergangenheit nicht zu lösen vermag, sucht seit Jahren ihren Weg in einer verstärkt nationalistischen Politik, in der vermehrt von einer grassierenden „Russophobie“, einem „Genozid am Russischen Volk“ gesprochen wird. Dazu kommen die beispielhaften Äußerungen des Generals Makashov – Abgeordneter der KPRF, der im Oktober 1998 offen ein Vorgehen gegen die Juden forderte. Es ist kein ‚Ausrutscher‘ in dieser Partei: Genadi Sjuganov, Chef der KP oder Genadi Selesnjow, bis vor kurzem Sprecher in der GossDuma, dem Unterhaus des Parlaments, vertreten dieselben, wenngleich auch im Westen nicht immer gehörten Ansichten – oder will man sie nicht hören?

 

Radikale Parteien, wie die kirchlich-national-antikommunistische Pamjat-Bewegung, deren zeitungsverteilende, in schwarze Uniformen gekleidete Anhänger in den russischen Städten zum Alltagsbild gehören, oder die sich offen als Nationalsozialisten bezeichnende Bewegung der Russisch Nationalen Einheit (RNE), eine Absplitterung der Pamjat, sind zwar in der Öffentlichkeit präsent, aber in ihrem direkten politischen Einfluss zu vernachlässigen. Allein viel gefährlicher ist ihre unkritisierte Existenz. Weder der Staat noch die Orthodoxe Kirche als verbleibende moralische Instanzen haben diese Bewegungen oder die vielfach frei verkauften rassistischen Pamphlete verurteilt. Im Gegenteil, die Orthodoxie bekundet ein gewisses Naheverhältnis zu solchen Gruppen. Antisemitische Schriften offizieller Kirchenangehöriger finden sich in vielen Kirchenläden. Der Staat und seine Institutionen sind vielleicht weniger offen antisemitisch als früher, konkrete Maßnahmen gegen Fremdenhass oder Antisemitismus gibt er nur spärlich. Die Putschisten des Oktober 1993 um Alexander Ruzkoj waren nicht nur Mitglieder der KP, der Großteil ihrer bewaffneten Unterstützer waren Anhänger der RNE. Diese Ereignisse sind sieben Jahre her. Ruzkoj ist mittlerweile Provinzgouverneur von Kursk, er war Gründungsmitglied jener überraschend siegreichen Partei „Die Einheit – Der Bär“, die den Weg zu einer Präsidentschaft Putins ebnete …

 

Antisemitismus ist in Russland keine Erscheinung, die mit einer einfachen Erklärung verstanden werden könnte. Zu viele unterschiedliche, in ihren Strukturen und Ideen oftmals gegensätzliche, aber in der Auffassung vom ‚Juden als Schuldigen‘ in ihrer Angst vor der Zukunft gleichen Strömungen begegnen sich im politischen Alltag. Der Krieg im Kaukasus, die tagtäglich gepredigte Gefährlichkeit und Unberechenbarkeit der ‚Schwarzen‘ hat (aus unserer westlichen Perspektive) den Antisemitismus etwas in den Hintergrund gedrängt. Aber schon werden wieder Stimmen laut, die erkannt haben, welche Rolle Boris Beresowskij und andere Magnaten bei den Wahlen und im Krieg im Kaukasus spielen. Schon gibt es Stimmen, die hinter Boris Abramovitsh Beresowskij & Co eine dunkle Machenschaft sehen.

Keinesfalls soll aber nur ein negatives Bild der Zukunft Russlands in dieser Hinsicht gezeigt werden. In vielen Orten und Städten gibt es Organisationen, die gegen die Vorurteile der Vergangenheit und Gegenwart, gegen den Antisemitismus, gegen das Vergessen des Holocaust, im besonderen gegen das Vergessen des Holocaust auf dem Territorium der von deutschen Truppen besetzten Sowjetunion ankämpfen, in Schulen gehen, Lehrmittel erstellen und in der Politik mitreden. In Russland und besonders in Moskau gibt es erstmals eine Reihe hebräischer Universitäten, jüdischer Hochschulen und zahlreiche andere Kultureinrichtungen (z. B. die Hebräische Universität Moskau, die Jüdische Staatliche Akademie ‚Maimonides‘, die Vereinigung jüdischer Hochschullehrer, den Russisch-Jüdischen Kongress). Vielleicht überhörbar, aber ein Beginn …

 

Kurt Scharr, Slawist, ehem. Gedenkdienstleistender am Wissenschaftlichen Zentrum „Holocaust“, Moskau