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Ausgabe 1/00


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Zloczów – Eine Geschichte aus Galizien

Zur Kritik an der Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht

 

Der polnische Historiker Bogdan Musial versuchte in vier konkreten Fällen nachzuweisen, dass die Ausstellung über die Verbrechen der deutschen Wehrmacht Bildmaterial verwendete, das fälschlicherweise Opfer des sowjetischen NKWD zeigte. Die Ausstellung wurde infolge der Vorwürfe von Musial ausgesetzt.

 

Im Juni 1941 begann Deutschland seinen Angriff auf die Sowjetunion. Hals über Kopf verließen die sowjetischen Truppen jene Teile Polens, die aufgrund des Hitler-Stalin-Pakts der Sowjetunion zugefallen waren. Vor seinem Rückzug erschoss der NKWD aber einen nicht geringen Teil der inhaftierten politischen Gefangenen (darunter PolInnen, UkrainerInnen und JüdInnen). So geschah es auch in Zloczów.

 

 

Musials Kritik

 

Musial kritisiert u. a. Fotos, die von den Ausstellungsmachern folgendermaßen betitelt wurden: „Unbekannte Orte, gefunden im Juli 1944 bei einem gefallenen deutschen Soldaten in Brest, Weißrussland“. Musial legt in einem Artikel dar, dass es sich um Fotos aus Zloczów handelt, die in Wahrheit Gräueltaten des NKWD zeigen. Seine Behauptung stützt er darauf, dass er in verschiedenen polnischen Institutionen Aufnahmen entdeckte, die einem Foto in der „Wehrmachtsausstellung“ täuschend ähnlich sind. Jedoch gelten sie nicht als Beweise für Verbrechen, die von Deutschen verübt wurden, sondern als Belege für den Massenmord des NKWD in der Zloczówer Zitadelle, die der sowjetischen Geheimpolizei als Gefängnis gedient hatte. Abgesehen von Bildquellen zieht Musial noch anderes Material zur Unterstützung seiner Kritik heran: So verweist er auf die Ermittlungsakten der Bezirkskommission zur Untersuchung der Verbrechen am polnischen Volk in Lód´z, die sich mit den Geschehnissen in Zloczów befassen. Aus diesen Unterlagen geht hervor, dass nach dem Abzug der sowjetischen Truppen im Garten der Zloczówer Zitadelle etwa 700 erschossene Menschen gefunden wurden. Tatsächlich erwähnt der NKWD-Offizier Filipow in einem Bericht, dass man die ermordeten Gefängnisinsassen von Zloczów im Garten verscharrt habe. Laut einer polnischen Augenzeugin, die von Musial befragt wurde, begannen die Einwohner von Zloczów mit den dazu gezwungenen Juden nach den Opfern zu graben.

 

Die Organisatoren der Ausstellung, Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung, reagierten auf Musials Kritik, indem sie in einem Brief an den polnischen Historiker die Leichen auf den Fotos als Juden bezeichneten, die von ukrainischen Nationalisten erschlagen worden seien. Der Wehrmacht warfen sie Billigung und sogar indirekte Unterstützung der Verbrechen vor. Somit bestünde kein Grund, die Bilder zu entfernen. Die Ausstellungsmacher vertreten die Ansicht, dass man in Zloczów mit zwei unterschiedlichen Opfergruppen zu rechnen hat: einerseits mit den vom NKWD ermordeten Gefangenen, andererseits mit den Juden, die nach dem deutschen Einmarsch getötet wurden. Menschen aus der letzteren Gruppe sollen auf den in der „Wehrmachtsausstellung“ verwendeten Fotografien abgebildet sein. Die Sachlage ist also deshalb besonders kompliziert, weil ein und derselbe Ort innerhalb kürzester Zeit zum Schauplatz zweier Massaker an Zivilisten wurde. Darauf verweisen auch verschiedene Zeugenaussagen, so jene von Shlomo Wolkowicz, mit dem ich im Februar ein Gespräch führte.

 

 

Erinnerungen eines Zeitzeugen

 

Shlomo Wolkowicz wurde im ostgalizischen Jagielnica geboren und besuchte ab 1937 das Jüdische Technische Gymnasium in Lwow (Lemberg). Mit dem Einmarsch der Sowjettruppen 1939 änderte sich das Klima schlagartig. Der scheinbare Friede konnte nicht über Denunziationen und die Präsenz des

NKWD hinwegtäuschen. Als Deutschland im Juni 1941 die Sowjetunion überfiel, zogen die sowjetischen Besatzer fluchtartig aus Lwow ab. Auch Shlomo Wolkowicz machte sich mit Schulkameraden auf den Weg. Er wollte über das 70 km entfernte Zloczów, wo sein Onkel wohnte, zu seinen Eltern nach Jagielnica gelangen. Nach dem Fall der Stadt Zloczów marschierten Truppen der Wehrmacht und später die Einsatzgruppe C der SS ein. Der Terror gegen die jüdische Bevölkerung begann sofort. Noch am selben Tag wurde auf einem Plakat angeordnet, dass sich alle Juden am nächsten Morgen bei der Stadtverwaltung zu melden hätten. Wer nicht käme, würde erschossen. Nicht alle Juden folgten dem Aufruf; auch Shlomo Wolkowicz blieb zu Hause. Er und die Familie seines Onkels wurden jedoch von Ukrainern denunziert und wie viele andere ins Schlossgefängnis gebracht. Am Eingang zur Zitadelle standen SS-Leute und misshandelten alle, die an ihnen vorbeigehen mussten. Als Shlomo Wolkowicz den Hof betrat, sah er in einer Grube eine große Zahl von Leichen. Die Juden, die sich zuvor bei der Stadtverwaltung gemeldet hatten, kletterten auf den Toten und mussten sie zum Rand der Grube schaffen. Shlomo Wolkowicz wurde ebenfalls gezwungen, Leichen zu schleppen. Dabei erfuhr er, dass dies alles Opfer des NKWD seien. Nach einiger Zeit eröffneten die SS-Einheiten, die um die Grube herum standen, das Feuer auf die in der Grube arbeitenden Juden. Immer wieder konnte man zwischen dem Aufschreien und Wimmern der Opfer das „Schma Israel“ hören, bis plötzlich die Schüsse aufhörten. Shlomo Wolkowicz erzählte mir, dass ein Mann erschienen sei, den er zuvor nicht gesehen habe. Später erfuhr er, dass es sich um den Wehrmachtsoffizier Korfes handelte, auf dessen Befehl die Frauen, die bisher unbehelligt an der Zitadellenmauer gestanden waren, freigelassen wurden. Danach eröffnete man erneut das Feuer. Shlomo Wolkowicz bückte sich und wurde vom Körper eines erschossenen Mannes begraben. „Voller Verzweiflung beschloss ich, aus dem Leichenhaufen nach oben zu kriechen, um endlich die erlösende Kugel zu kriegen.“ Gewiss, so Shlomo Wolkowicz, würden die Mörder nachher die Grube zuschütten und ihn somit lebendig begraben. Als jedoch plötzlich Regen einsetzte, brachen die Erschießungen ab. Nach einigen Stunden konnte sich Shlomo Wolkowicz aus dem Leichenberg befreien. Er kroch mit drei anderen Überlebenden aus der Grube und schlich sich zum Haus des Onkels. Nach zwei Tagen verließ er Zlozów. Die noch über drei Jahre dauernde deutsche Besetzung überlebte er teils in Verstecken in Jagielnica, teils mit „arischen Papieren“ bei einer polnischen Familie.

 

 

ZeitzeugInnen – HistorikerInnen

Als ich ihn auf die Kritik ansprach, die der Historiker Bogdan Musial geäußert hatte, wehrte Shlomo Wolkowicz ab und erklärte, dass er alles so erlebt habe, wie er es erzähle. Ob man ihm Glauben schenke oder nicht sei für ihn insofern gleichgültig, als er nicht zu den Historikern in Konkurrenz treten wolle.

Die Geschichtswissenschaft muss es allerdings beunruhigen, wenn Diskrepanzen zwischen ihrer Deutung schriftlicher oder bildlicher Quellen und der Aussage von ZeugInnen auftreten. Für die Klärung offener Fragen steht nur mehr relativ kurze Zeit zur Verfügung: Statistisch gesehen bleiben uns höchstens noch zehn Jahre, um mit Überlebenden des Holocaust Gespräche zu führen.

 

Christian Selinger, Gedenkdienstleistender in Warschau;

redaktionelle Bearbeitung: Oliver Kühschelm

 

Verwendete Quellen:

Interview mit Shlomo Wolkowicz

Wolkowicz, Shlomo, Das Grab bei Zloczów. Geschichte meines Überlebens. Galizien 1939-45. Berlin 1996

Musial, Bogdan, Kritische Anmerkungen zur Wehrmachtsausstellung. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte. Hg. von Karl Dietrich Bracher, Hans-Peter Schwarz und Horst Möller, (47. Jg.) 1999, 4. Heft/Oktober.