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Ausgabe 2/00


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Kommentar und Editorial

Kommentar

Sind ÖsterreicherInnen die besseren Menschen?

 

Es waren nur ein paar Zeilen in einem Interview. Zeilen, die jedoch tief blicken lassen. Maria Schaumayer, Österreichs Regierungsbeauftragte für NS-Zwangsarbeit wurde in einem Interview für die Wiener Stadtzeitung Falter (21/00) gefragt, warum Österreich – im Gegensatz zu Deutschland – KZ-Opfer die Zwangsarbeit verrichten mussten, nicht entschädige. Schaumayers Antwort war, Österreich hätte nie Vernichtungslager dieser Art errichtet. Auf den Nachsatz, dass auch ÖsterreicherInnen in der Maschinerie der Konzentrationslager beteiligt waren, antwortete sie: „Wenn sie beteiligt waren, dann aber nicht aus eigenem Antrieb, sondern über reichsdeutsche Weisung.“

Da ist er also wieder und noch dazu aus regierungsbeauftragtem Munde: Der österreichische Nachkriegsmythos lebt. Sein Tenor, oft subtil versteckt und manchmal ganz ungeniert offen: „Österreicher sind die besseren Menschen.“ Naja, zumindest bessere als die Deutschen. Und da die Deutschen alle Nazis waren, aber (echte) Österreicher keine Deutschen sind, können auch (echte) Österreicher keine Nazis und schon gar keine Kriegsverbrecher sein. Nachsatz: Wenn die Republik dennoch Entschädigungszahlungen

leistet, dann nicht wegen eines Schuldeingeständnisses, sondern weil wir ja (siehe Ungarn ’56, Prag ’68 usw.) erstens so human sind und zweitens in diesem Sinne eine weitere Geste setzen möchten.

Seltsam nur, dass Eichmann, die Brunners, Nowak, Kaltenbrunner, Muhrer, Hitler und viele andere Kriegsverbrecher Österreicher waren. Seltsam auch, dass in diesem Zusammenhang Simon Wiesenthal einmal nachrechnete, dass etwa die Hälfte der sechs Millionen ermordeten Juden und Jüdinnen auf das Konto von Österreichern gehen. „Es ist eine Geschichtsfälschung, wenn heute irgendwo in der Welt versucht wird, aus dem Hochverrat einiger weniger intransigenter staatsfeindlicher Elemente eine anti-europäische Gesinnung des österreichischen Volkes konstruieren zu wollen. Österreich war, ist und bleibt Vorkämpfer weltbürgerlicher Gesinnung und fanatischer Gegner jeder Art der Vergewaltigung des Geistes und der Menschlichkeit.“ Das sagte Bundeskanzler Figl anlässlich des ersten Jahrestages der Befreiung Österreichs am 8. Mai 1946.

Es spannt sich ein Bogen von den Aussagen Figls 1946 bis zu jenen Schaumayers 2000: Der Wunsch ein „unbeflecktes“ Österreich-Bild zu propagieren, indem die Verfehlungen und Verbrechen der eigenen Gesellschaft getilgt sind. Mit diesem Mythos, vermittelt durch Schule, Presse und Politik wuchsen ganze Generationen in den letzten 50 Jahren auf. Heute besitzen die meisten ÖsterreicherInnen ein verklärtes und realitätsfremdes Bild von sich und ihrer Gesellschaft. Dieses „Image“ lebt von der Illusion, dass die Probleme in diesem Land nur im „Verrat am Österreichischen“ zu suchen sind und verleugnet, dass es in Österreich z. B. bereits vor 1938 eine Diktatur und eine latente Pogromstimmung gegeben hat. Wer darauf hinweist, setzt sich dem Vorwurf aus „Nestbeschmutzer“ und „Österreich-Vernaderer“ zu sein. Fragt sich nur, wer der „Nestbeschmutzer“ ist: Der der den Schmutz gemacht hat oder der der versucht ihn

wegzuräumen …

 

Christian Klösch, Historiker, Mitarbeiter von GEDENKDIENST, Wien

Editorial

Liebe Leserin!

Lieber Leser!

 

Die letzten Monate waren bewegte Zeiten für GEDENKDIENST. Der

Regierungswechsel Anfang dieses Jahres hat rasch Befürchtungen aufkommen lassen, dass GEDENKDIENST nicht in die Vorstellungen der neuen politischen Verantwortlichen passen würde. Verbunden mit dem radikalen Sparprogramm, das der neue Innenminister bei den Zivildienern vollzogen hat, sind diese Befürchtungen auch weiterhin berechtigt. Obwohl am 15.Juli d. J. 23 Gedenkdienstleistende ihren Gedenkdienst angetreten haben, wissen wir bis heute nicht, in welchem Ausmaß diese jungen Idealisten für Ihren Einsatz von der Republik entschädigt werden.

Auf der anderen Seite haben wir aber auch im vergangenen halben Jahr eine große Welle an Sympathie und Unterstützung erfahren. Unsere Kooperationspartner im Ausland haben sich öffentlich hinter unsere Freiwilligen gestellt und bei allen Gelegenheiten auf die Bedeutung von GEDENKDIENST hingewiesen. Die Medien im In- und Ausland haben nicht zuletzt wegen der von der Bundesregierung unterzeichneten Präambel ein besonderes Augenmerk auf die Entwicklung von GEDENKDIENST gelegt. Dies hat uns zu einer sehr hohen Medienpräsenz in Zeitungen und Fernsehen verholfen. Und nicht zuletzt die wachsende Zahl an FörderInnen unseres Vereins hat uns gezeigt, dass GEDENKDIENST eine hohe gesellschaftliche Wertschätzung genießt. Für Ihre ideelle und finanzielle Unterstützung möchte ich mich daher im Namen aller MitarbeiterInnen sehr herzlich bedanken!

 

Ihr

Sascha Kellner, Obmann Verein GEDENKDIENST