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Ausgabe 2/00


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Gedenken ohne ZeitzeugInnen?

Überlegungen anlässlich der GEDENKDIENST-Studientagung 2000

 

Heute, 55 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, stellt sich uns folgende Frage: Was wird geschehen, wenn uns die Möglichkeit verwehrt ist jene zu fragen, die die Zeit des Nationalsozialismus erlebt haben? Dass das Thema der Studientagung „Gedenken ohne ZeitzeugInnen?“ als Frage formuliert ist, kommt nicht von ungefähr. Es sind vor allem Fragen, die auftauchen, versucht man sich Gedanken über zukünftiges Gedenken ohne ZeitzeugInnen zu machen. Wie kann das Wissen über Hintergründe und Auswirkungen des Faschismus tradiert werden? Wird die Shoah früher oder später zu einer Geschichtsperiode wie andere auch werden? Dennoch gibt es ein paar Beobachtungen, über die man sich klar werden sollte, bevor man versucht Antworten zu finden.

 

Über die vielfältigen Auswirkungen des Nationalsozialismus muss an dieser Stelle wohl nichts mehr gesagt werden. Dieser Artikel will die Rolle der ZeitzeugInnen im Diskurs über die NS-Vergangenheit und bei der Formierung einer postfaschistischen Gesellschaft beleuchten und die Frage nach

Perspektiven für eine Zukunft der Erinnerung ohne ZeitzeugInnen

stellen.

 

Gerade in Zeiten wie diesen – unter einer Regierung mit Beteiligung einer Partei der extremen Rechten – ist die Frage nach Kontinuitäten von Teilen faschistischer Ideologie sehr naheliegend. Doch solche Kontinuitäten lassen sich sicher nicht nur an einer Partei festmachen, vielmehr ist die gesamte Österreichische Geschichte seit 1945 zutiefst mit der Nicht-Bearbeitung der Vergangenheit verknüpft. Gestützt auf den Mythos der „Stunde Null“ proklamierte sich Österreich als erstes Opfer des Nationalsozialismus, wobei die eigentlichen Opfer bestenfalls unbeachtet, meist jedoch weiterhin ausgegrenzt und verfolgt wurden.

Spätestens seit 1949, als „minderbelastete“ (Ex-?) Nazis wieder an Wahlen teilnehmen durften, stand das kollektive Verdrängen und Beschweigen im Mittelpunkt des öffentlichen Umgangs mit dem Nationalsozialismus („Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen“, formulierte es etwa der damalige Innenminister Helmer). Durchbrochen wurde das öffentliche Schweigen immer nur von Außen – wenn wieder einmal ein Politiker etwas Unfassbares gesagt oder getan hatte (Kreiskys Wiesenthal-Verleumdungen, Frischenschlagers Handschlag mit dem Kriegsverbrecher Reder, Waldheims Erinnerungslücken, Haiders wohlbekannte Äußerungen …). Und auch dann folgte in Österreich meist zuerst eine Welle des Antisemitismus und dann die Forderung, doch endlich einen Schlussstrich zu ziehen.

 

 

Gegenpole zum offiziellen Geschichtsmythos

 

Die wohl wichtigste Funktion von ZeitzeugInnen war wohl das Durchbrechen dieses öffentlichen Geschichtsdiskurses, wenn auch nur im privaten und halböffentlichen Bereich. Dadurch, dass ZeitzeugInnen in Schulen gingen und ihre Lebensgeschichte erzählten, schafften sie es, in ihrem kleinen Bereich ein Gegenbild zur hegemonialen Geschichtsdoktrin zu geben und animierten viele dazu weiter nachzufragen und es nicht bei dem allseits vorgekauten Bild zu belassen. Für viele spielte bei der Begegnung mit ZeitzeugInnen aber auch die Authentizität der Überlebenden, ihre unmittelbare Wirklichkeit eine Rolle. Der Anstoß, sich kritisch mit dem

Nationalsozialismus zu beschäftigen war stärker, ja brutaler, wenn jemand

einem eine auf den Arm tätowierte Häftlingsnummer zeigte als wenn man nur aus zweiter Hand über Auschwitz hörte.

Der Anstoß, sich kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinander zu setzen, wurde oft gerade durch die Konfrontation mit der Unmittelbarkeit eines konkreten Schicksals erreicht, einer Unmittelbarkeit, die alles metaphorische Sprechen über Ausschwitz nicht erreichen kann.

 

 

Kritische Bewertung von Chancen und Grenzen

 

Bei all der Wichtigkeit, die ZeitzeugInnen beim Überwinden der nur zu gerne angenommenen Klischees spielten, darf in einer kritischen Bilanz aber auch die Frage nach dem Nicht-Erreichten nicht fehlen. Hier ist es insbesondere die Frage nach der Rolle, die Österreich und ÖsterreicherInnen während des Nationalsozialismus spielten, wo unserer Meinung nach die ZeitzeugInnen den Mythos der Opferrolle Österreichs nicht vollständig durchbrachen. Die Frage nach der Mitverantwortung Österreichs am Holocaust, die Frage nach ÖsterreicherInnen als TäterInnen, wurde von ihnen oft nicht wirklich thematisiert.

Einerseits sahen sie sich – zurecht – gleichzeitig als Opfer und Österreicher, verloren aber die Tatsache aus den Augen, dass sie nur eine marginale Minderheit innerhalb der ÖsterreicherInnen waren.

Andererseits waren sie – oft engagierte SozialdemokratInnen und KommunistInnen – stark durch den von ihren Parteien mitgetragenen Österreich-Patriotismus geprägt. Als Beleg sei hier erwähnt, dass gerade in von ZeitzeugInnen mitgestalteten Ausstellungen über Konzentrationslager meist der Hinweis auf Österreich als Täterland (im Gegensatz zu ÖsterreicherInnen als WiderstandskämpferInnen) minimal ist.

 

 

Vergangenheit ist gleich Vergangenheit?

 

Heute, 55 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, stellt sich uns die Frage, was geschehen mag, wenn uns die Möglichkeit verwehrt bleibt, jene zu fragen, die die Zeit des Nationalsozialismus erlebt haben. Dass das Thema der Studientagung „Gedenken ohne ZeitzeugInnen?“ als Frage formuliert ist, kommt nicht von ungefähr. Es sind vor allem Fragen die auftauchen, versucht man sich Gedanken über ein Gedenken ohne ZeitzeugInnen zu machen. Dennoch gibt es ein paar Beobachtungen, über die man sich klar werden sollte, bevor man versucht Antworten zu finden.

Fragt man die Geschichtsphilosophie, bekommt man oft die Antwort, dass mit einem solchen Generationswechsel die Gegenstände der Betrachtung eine immer kleinere Rolle als Bezugspunkt gegenwärtigen Handelns spielen werden. Der deutsche Historiker Reinhart Koselleck formuliert seine Überlegungen dazu so: „Die moralische Betroffenheit, die verkappten Schutzfunktionen, die Anklagen und die Schuldverteilungen der Geschichtsschreibung – all diese Vergangenheitsbewältigungstätigkeiten verlieren ihren politisch existenziellen Bezug, sie verblassen zugunsten von wissenschaftlicher Einzelforschung und hypothesengesteuerten Analysen.“

Dies hieße also, dass die Shoah früher oder später zu einer Geschichtsperiode wie andere auch werden würde. Möglicherweise ist die konträre Beobachtung, die man momentan machen kann – denn die Ereignisse im Dritten Reich liefern immer noch Stoff für Auseinandersetzungen – nur eine oberflächliche. Versucht man den Hintergrund der – zugegeben sehr präsenten – Diskussionen um den Nationalsozialismus zu analysieren, fällt bald auf, dass in vielen Bereichen der Thematisierung der NS-Vergangenheit ein Gedanke implizit mitschwingt der gemeinhin mit dem Schlagwort „Schlussstrich“ umschrieben  wird. Warum das Konzept „Schlussstrich“ obwohl vielzitiert doch so unsinnig ist, wird offensichtlich, wenn man sich vor Augen hält, dass Nationalsozialismus und Holocaust nicht nur Fragen von geschichtlichen Diskursen sind, denen durch Schweigen leicht ein Ende bereitet werden kann. Es geht hier auch um Fragen von politischen und gesellschaftlichen Kontinuitäten – Kontinuitäten, die um so wirkungsvoller sind, je mehr darüber geschwiegen wird. Durch ihr beständiges Hinweisen auf den wunden Punkt waren es gerade ZeitzeugInnen, die ein partielles – insgesamt natürlich unzureichendes – Durchbrechen dieser Kontinuitäten erreichten.

 

 

Perspektiven für unsere Zukunft der Erinnerung

 

Drei Punkte scheinen bei all den Fragen, die offen zurück bleiben klar zu sein:

Die Rolle der ZeitzeugInnen ist nicht nachbesetzbar. Gespräche mit Überlebenden waren und sind ein privilegierter Zugang zu diesem Thema. Wie auch immer Projekte aussehen mögen, die die Erinnerung an die Verbrechen und ihre Opfer wach halten wollen – sie werden die Rolle der ZeitzeugInnen nicht ersetzen können.

In jedem Fall geht es bei der Aufarbeitung darum, das Wissen über die Hintergründe und die Auswirkungen von Faschismus zu diskutieren und weiterzugeben. Damit wird natürlich auch die Diskussion über dafür angebrachte Formen zu führen sein.

Schließlich ist nicht zu übersehen, dass die Auseinandersetzungen um die NS-Vergangenheit in einem politischen Feld ausgetragen werden. Dem Folge zu tragen heißt zu erkennen, dass diese Auseinandersetzungen von gegenwärtigen Bezügen aus geführt werden; und es ist zu beachten, dass es immer auch darum gehen muss, vom Nationalsozialismus ausgehend, die Gegenwart zu verstehen und daraus die politischen Lehren zu ziehen.

 

Sebastian Markt, leistet Gedenkdienst am Leo Baeck Institute, New York

Stephan Sturm, ehem. Gedenkdienstleistender an der Fondation Auschwitz, Brüssel