AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 2/00


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Die Zukunft der Erinnerung

Der britische Historiker Eric Habsbawn beschrieb in seinem Buch „The Age of the Empire, 1875-1914“ eine Übergangsphase, die wir soeben auch in Bezug auf den Nationalsozialismus beobachten können: Mit zunehmendem Abstand von einem einschneidenden Ereignis beginnt eine „Zwielichtzone zwischen Erinnerung und Geschichte“, also zwischen der Vergangenheit als erinnertem Bestandteil des eigenen Lebens und der Vergangenheit als einem grob skizzierten, der nüchternen Überprüfung zugänglichen Bericht. (1)

 

 

„Grauzone“ oder „floating gap“ der Übergangszeit

 

Diese Übergangszeit wird auch als „Grauzone“ oder „floating gap“ bezeichnet, und sie dient dazu, das Erfahrungsgedächtnis der Zeitzeugen in das kulturelle Gedächtnis der Nachwelt zu übersetzen. (2) Dass es bei diesem Transformationsprozess zu Erscheinungen des Verschleißes, zu Verlusten und letztendlich zu einem „Vergessen“ kommen muss, ist offensichtlich, denn vieles ist unersetzbar: die Autorität, die Authentizität, die körperliche Präsenz, das politische Gewicht der Zeitzeugen.

 

 

Mediengestütztes kulturelles Gedächtnis

 

Die sich mit Erinnerung befassende Literatur setzt im allgemeinen den Beginn der „Zwielichtzone“ mit ca. 40 Jahren nach dem betreffenden Ereignis an. Im Falle des Nationalsozialismus sind das die 80er Jahre. Kennzeichnend dafür sind umfangreiche Erinnerungsarbeiten, die den Transformationsprozess vorbereiten: Interviews, Autobiographien, Dokumentationen. Das „Austrian Heritage Projekt“ des Gedenkdienstes am New Yorker Leo Baeck Institute erfüllt beispielsweise eine wichtige Funktion: Die Interviews junger Österreicher, die zumeist der dritten Generation angehören, nehmen die Chance wahr, die Erinnerungen der österreichisch-jüdischen Vertriebenen in Amerika für beide Seiten verständlich darzustellen. Damit werden das Projekt und seine Mitarbeiter selbst zu einer generationsübergreifenden Übersetzungsmaschine. Wenn in längeren Perspektiven gedacht wird, können die Mitarbeiter diese Erfahrung bis in die sechste Generation im Sinne des „kommunikativen Gedächtnisses“ übertragen. Solange wird es auch dauern, bis es zur endgültigen Historisierung des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen kommen kann.

Die Vorbereitung eines „mediengestützten Gedächtnisses“, das in Zukunft in das „kulturelle Gedächtnis“ der Gesellschaft einfließen wird, scheint mir für die jüdische Opferseite sehr weit gediehen zu sein, bei anderen, beispielsweise den Zeugen Jehovas oder den Homosexuellen hingegen werden Defizite immer evidenter. Mit weltweit über 50.000 geführten, technisch perfekten Videointerviews mit Überlebenden sicherte die Survivors of the Shoah History Foundation eine bislang unbekannte Dimension von mediengestützter Erinnerung für die Nachwelt. Das Projekt ist auch insofern von Bedeutung, als es sich der neuen Medien und digitaler Technik bedient und damit den Weg in eine Art „Cyberspatial Memory“ weist. Wenn auch noch nicht ganz absehbar ist, in welche Richtung das Internet in Verbindung mit audiovisuellen Medien geht, inwieweit sich die Kommerzialisierung als Haupttriebfeder der Entwicklung auswirkt, so lässt sich vorerst beobachten, dass die Themenbereiche Shoah und Nationalsozialismus in großem Umfang vertreten sind, allerdings auch in der revisionistischen Variante. D.h. auf dieser Ebene globaler Kommunikation findet der aktuelle Diskurs in komplexer Form statt. Dazu zählen auch immer öfter Gespräche mit Zeitzeugen, die am Internet abrufbar sind.

 

 

Die zentrale Bedeutung der Erinnerung an die Shoah

 

Die Geschichte der Shoah ist zu einem Schlüssel geworden, um das Projekt der „Moderne“ und unsere Gegenwart zu verstehen. Moderne steht hier für die mit der Aufklärung beginnende Epoche. Wenn einerseits die Vernunft die Triebfeder im Projekt der Moderne war, so hatte diese Entwicklung zugleich Schattenseiten zur Folge, deren düsterste sich in der Shoah festmachen lässt. Dass Juden mit der Aufklärung zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft gemacht werden sollten, implizierte den Fortbestand des „Unnützlichen“ von Gruppen. Rassistische Ideen, die sich später den Mantel der Wissenschaftlichkeit in Form von Sozial- und Rassenhygiene aneigneten, definierten weiterhin jene Gruppen, die als Außenseiter, als Last der Gesellschaft betrachtet wurden.

Für die Geschichtsforschung und die interdisziplinäre Analyse von Gewalt wurde die Shoah somit zu einem Ausgangspunkt, um die Vorgänge im 20. Jahrhundert besser deuten zu können. Das betrifft auch Vergleiche mit Genoziden, den armenischen oder jenen in Ruanda, bzw. mit den Massenmorden in Kambodscha. (3) D.h. die Analyse des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen wird auch in Zukunft auf wissenschaftlicher Ebene ein wichtiger Anknüpfungspunkt der Forschung bleiben.

Die Funktion der Zeitzeugen zielt eher auf die politische und pädagogisch verknüpfte Intention des „Nicht-Vergessens“ und der Anregung zur Auseinandersetzung ab. Ein Zitat aus der erfolgreichen Familiengeschichte von George Clare mag dies illustrieren:

„Vielleicht kann dieses Buch, weil es eine wahre Geschichte menschlicher Verzweiflung, die Geschichte der Vernichtung einer Familie erzählt, einige wenige zum Nachdenken und Nachempfinden bewegen. In dieser Hoffnung wurde es geschrieben.“ (4)

Der ursprüngliche „Nie Wieder“-Antifaschismus wich angesichts weltweiter Katastrophen dem bescheideneren Ziel, nämlich jenem der Information über die Verbrechen des Nationalsozialismus. Österreich-spezifisch war, dass die Zeitzeugen gegen den Opferkonsens (Österreich als erstes Opfer von Hitlerdeutschland) und die Verdrängungs- und Schlussstrichmentalität anzukämpfen hatten. Andererseits erzielten sie vor allem in den Zeitzeugenprogrammen an Österreichs Schulen eine gewichtige Rolle, und sie konnten die in Filmen aber auch in Schulbüchern aufgebauten Klischees mit ihren eigenen Erfahrungen kontrastieren. Etwa jenes in Schulbüchern manifestierte, das die jüdische Geschichte nur mehr in Katastrophenszenarios darstellte. (5) Die Zeitzeugen halfen, das Opferbild zu entdämonisieren. Sie werden unersetzbar für die Möglichkeit der Aussprache und des Gedankenaustausches sein.

 

 

Spannung zwischen Erinnerung und Geschichte

 

Zeitzeugen sind sich der Spannung, die zwischen Erinnerung und Geschichte besteht, oftmals bewusst. In Autobiographien finden sich immer wieder Hinweise darauf, wie die Autoren beim Schreiben selbst beobachten, dass Erinnern ein Prozess ist, bei dem sich die Geschichten und die Bewertung des Ichs verändern können. Der Schriftsteller Berthold Viertel versuchte die Muster, die seine Erinnerungen prägen, zu beschreiben:

„Das Ich hat so triftige Gründe, zu vergessen und sich falsch zu erinnern, falsch, weil um- und umdichtend. Der ernsthafte Versuch, die innere Kontinuität ein Leben lang zu erhalten, ist an sich ein heroischer, und keiner kann da restlos wählerisch in den Mitteln und Methoden sein, keiner, der lebendig ist, das heißt: ohne Aufgeben der ‚Logik’ – zu entrinnen wünscht. Die Logik, die ich hier mein, ist allerdings eine Märchen-Logik. Die innere Kontinuität, der lebendige Zusammenhang der Erlebnisse, welche die Erinnerung lebendig erhält, ist, was ich ‚Idealität’ nennen würde, da ich deutsch und humanistisch geschult bin. Man misst die Tatsachen an dem Ideal, das man von sich selbst hat, und biegt es sich zurecht.“ (6)

Innere Kontinuität, die Konsistenz einer Persönlichkeit, das Ideal von der eigenen Persönlichkeit können die Erinnerungen formen. Im Transformationsprozess wird es also wichtig sein, dass die nächsten Generationen verstehen lernen, von welchen Selektionsmechanismen die Erinnerungen der Zeitzeugen geformt wurden. Dazu gehört es auch zu akzeptieren, dass Erinnerungen vom Zeitpunkt des Entstehens her zu interpretieren sind. Also: Die aktuellen politischen Ereignisse, wie etwa der Kalte Krieg, der Golfkrieg, die Waldheim-Affäre oder die jüngste Regierungsbildung prägen auch den Blick auf die Vergangenheit. Bei den Erinnerungen passiert etwas, das sich auch in der Geschichtsforschung beobachten lässt: Die Interpretation der Vergangenheit geschieht in immer neuen, eben aktualisierten Versionen. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, die Vergangenheit lässt sich nicht rekonstruieren, sie wird immer wieder aufs Neue konstruiert, da sie sich den Bedürfnissen einer jeweils aktuellen Gegenwart anpasst.

 

 

Die vermittelnde Rolle von ZeitzeugInnen

 

In der Geschichtsforschung über die NS-Verbrechen gibt es zwei wesentliche Strömungen. Eine orientiert sich an Marc Bloch und sieht ihre Aufgabe dreistufig, und zwar im Beschreiben, Verstehen und Erklären. Die Postmoderne hingegen kümmert sich nicht um den Aspekt des Verstehens, sondern sucht nach symbolischen Ausdrucksformen und Repräsentationen der Vergangenheit. Der aus der Literaturwissenschaft übernommene Begriff der „textuality“ hielt Einzug in die Forschung. Dekonstruktion und das Fragmentarische sind Schlüsselbegriffe geworden. Bemerkenswert scheint es, dass auch die postmoderne Debatte die Analyse der Shoah als einen Schlüssel zur Entwicklung von Theorie und Methodik auffasst. (7)

Ein Manko der Geschichtswissenschaft ist ihre Verweigerung gegenüber der Narrativität. Sie entwickelte eine analytische Sprache und befasste sich mit Strukturen. Die Zeitzeugen halfen, das abstrakte Wissen zu konkretisieren und in ihm das individuelle Schicksal zu integrieren, und ihre Zeugnisse werden dies auch in Zukunft tun. (8)

 

 

Spannung zwischen Opfer- und Tätergeschichten

 

Wenn wir davon ausgehen, die Erinnerung an die Shoah sei von der Gegenwart geprägt, so ereignet sich diese zeitgleich in unterschiedlicher Form in verschiedenen Staaten. Die Amerikanisierung der Shoah mit den ritualisierten Erinnerungsformen, der Musealisierung an zentraler, nationale Identität stiftender Stelle, nämlich der Museumsmeile in Washington, D.C, und die damit einhergehende Entpolitisierung und Pädagogisierung finden selbstredend unter völlig anderen Bedingungen statt als etwa die Shoah-Erinnerung in Israel oder in Deutschland und Österreich. (9)

Die Wehrmachstausstellung in Deutschland und Österreich hat eine Schwachstelle in den Erinnerungsformen bloßgelegt: Es ist inzwischen opportun geworden, sich an Opfer zu erinnern und ihnen medialen Raum zu überlassen, aber dies funktionierte ohne die Benennung von Tätern.

Vielleicht muss immer wieder an die Dimension der aktiven Beteiligung von Österreichern am Nationalsozialismus erinnert werden, deswegen einige Zahlen:

 

Juni 1933 – 67.000 NSDAP-Parteimitglieder

Februar 1938 – 127.000 NSDAP-Parteimitglieder

März 1939 – 221.017 NSDAP-Parteimitglieder

schließlich: 693.007 NSDAP-Parteimitglieder

 

1945 machten die Östmärkler 8% der Gesamtbevölkerung des Deutschen Reichs aus, aber sie stellten 14% bei der SS. Der Anteil der Österreicher beim Vernichtungsprogramm von der Euthanasie bis zu den Vernichtungslagern wird mit 40% beziffert. (10)

 

 

Erinnerung lässt sich nicht totschweigen

 

„Es hat Diskussionen gegeben, aber die waren nicht sehr substanziell.“ Diese Aussage Jörg Haiders über Gespräche mit seinem Vater über dessen NS-Vergangenheit können vermutlich für die meisten Angehörigen der Zweiten Generation gelten. (11) Die Kinder sind an der Auseinandersetzung mit der Geschichte ihrer Eltern gescheitert, sie durchbrachen nicht die „Mauer des Schweigens“, auch weil sie diese selbst mit errichtet hatten und die Mauer somit eine gegenseitige war.

Österreichs schlampiges Verhältnis zur NS-Vergangenheit blieb bis in die 90er Jahre geprägt von einer Lebenslüge, der Opferthese. Das Gejammere und das auch zur Zeit wieder zu beobachtende Geraunze sind mentale Konstanten geworden. Der Wunsch, aus der Vergangenheit ausbrechen zu können, fand keine Erfüllung, und jene, die den Schlussstrich forderten, schwiegen am lautesten. Dabei kam es zu eigenartigen, Österreich-spezifischen Schulterschlüssen zwischen Opfer- und Täterseite. Bruno Kreiskys Regierungsmannschaft mit vier ehemaligen Nationalsozialisten als Minister und seine Verteidigung des früheren Waffen-SS-Angehörigen, dem FPÖ-Vorsitzenden Friedrich Peter, gegenüber Simon Wiesenthal war so eine Konstellation, die sich derzeit auf der Ebene der zweiten Generation mit Jörg Haider und Peter Sichrovsky wiederholt.

Erinnerung lässt sich nicht einfach unterdrücken, vor allem wenn sie in einem derartigen Spannungszustand schwebt. Wie sich dieser Spannungszustand auflösen wird, kann erst die Zukunft zeigen. Aus der Perspektive der Zeitzeugen übernehmen Initiativen wie der GEDENKDIENST eine unschätzbare Rolle in der Vermittlung ihres Wissens und ihrer Intention, gegen das Verdrängen anzukämpfen. Psychologen nennen jene Familienmitglieder, die die Rolle des „Erinnerns“ für die anderen übernehmen, „Erinnerungskerzen“. Sie sind es, die das Bewusstsein wach halten, dass unser „Jetzt“ immer auch von einem „Zuvor“ bestimmt bleibt. (12)

 

Univ.-Prof. Dr. Albert Lichtblau, Institut für Geschichte, Universität Salzburg

 

Zitierte Literatur:

(1) zitiert in: Saul Friedländer, Auseinandersetzung mit der Shoah: Einige Überlegungen zum Thema Erinnerung und Geschichte, in: Wolfgang Küttler, Jörn Rüsen u. Ernst Schulin (Hg.), Geschichtsdiskurs, Bd. 5: Globale Konflikte, Erinnerungsarbeit und Neuorientierung seit 1945, Frankfurt am Main 1999, S. 15.

(2) Aleida Assmann, Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München1999, S. 15.

(3) vgl. die hervorragende Studie von Ervin Staub, The Roots of Evil. The Origins of Genocide and Other Group Violence, Cambridge 1989.

(4) George Clare, Letzter Walzer in Wien. Spuren einer Familie, Frankfurt/M. 1984, S.320.

(5) Eine empfehlenswerte Analyse bietet: Reinhard Krammer, Zur Behandlung der Geschichte der Juden im österreichischen Geschichtsunterricht, in: Internationale Schulbuchforschung/ International Textbook Research Vol. 22, Nr. 1, 2000, S. 109 – 126.

(6) Berthold Viertel, Kindheit eines Cherub. Autobiographische Fragmente, hg. Von Siglinde Bolbecher u. Konstantin Kaiser, Wien 1991, S. 17 f.

(7) Dies zeigt sich in: Keith Jenkins (Hg.), The Postmodern History Reader, London – New York 1997, S. 384 - 433.

(8) Saul Friedländer, Auseinandersetzung mit der Shoah, S. 25.

(9) Ein aktuell, kontroversiell diskutiertes Buch: Peter Novick, The Holocaust in American Life, Boston – New York 1999.

(10) Evan Burr Bukey, Hitler’s Austria. Popular Sentiment in the Nazi Era, 1938-1945, Chapel Hill – London 2000, S. 43 f.

(11) Interview mit Jörg Haider in: Die Zeit vom 3. Februar 2000. Vgl. über Jörg Haiders Eltern: Christine Martin, Eine ganz normale Familie, in: Süddeutsche Zeitung vom 3. Juni 2000.

(12) Vgl. auch: Norbert Frei, Farewell to the Era of Contemporaries. National Socialism and its Historical Examination en route into History,

in: History & Memory, Vol. 9, No. 1/2, 1997, S. 59 – 79.