AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 2/00


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

„Keiner der Spiegelgrund-Leute hat geredet“

Johann Gross’ Leben in NS-Erziehungsanstalten

 

Johann Gross wurde 1930 in Wien geboren, in sogenannte „asoziale“ Verhältnisse. Er wuchs in Pflegefamilien auf, wo er sich zum Teil sehr wohl fühlte, wurde aber 1939 wieder in die Obsorge seines alkoholkranken Vaters zurückgegeben. 1940 kam er ins Hyrtelsche Waisenhaus nach Mödling und geriet damit in die Maschinerie der NS-Erziehung. Die öffentliche Fürsorge (Jugendämter, Erziehungsanstalten, Heime) war in relativ kurzer Zeit zu einem reibungslos funktionierenden Teil des NS-Systems geworden, das der Bekämpfung und Disziplinierung jeder Form abweichenden Verhaltens diente. In der gesamten Gesundheits- und Sozialpolitik wurde der Wert des Menschen für die Gesellschaft (v. a.  Leistungsfähigkeit und Anpassungsbereitschaft) zum wichtigsten Kriterium für ein Kontinuum von Maßnahmen, das von der Förderung besonders Begabter bis zur physischen Vernichtung „wertloser“ Menschen reichte.

Im Mödlinger Waisenhaus wurde den Jugendlichen die NS-Ideologie mit den brutalsten Mitteln „schwarzer Pädagogik“ eingebläut. Die schrecklicheren Erinnerungen sind für Johann Gross aber mit dem Spiegelgrund verbunden, wohin er aufgrund einiger Ausbruchsversuche aus Mödling kam: „In Mödling gab es noch Beziehungen, wenn auch Feindschaften“, so Johann Gross. Am „Spiegelgrund“ gab es nicht einmal mehr die von Angst und Gewalt geprägten Beziehungen von Mödling: Dort herrschte eine eisige Spitalsatmosphäre, in der sich in unmittelbarer Nachbarschaft die klinische Hinrichtung hunderter „Unbrauchbarer“ vollzog.

1945 bedeutete nicht, dass die Stigmatisierung als sogenannte „Asoziale“ beendet war. Johann Gross schloß 1948 seine Lehre als Maler und Anstreicher ab, was das Ende seiner Zeit in Heimen und Erziehungsanstalten war. Später absolvierte er die Meisterprüfung und war bis zur Pensionierung selbständig. 1997 erschien ein Artikel in der Zeitschrift „News“ über seine Kindheit und Jugend. Sein Buch „Spiegelgrund – Leben in NS-Erziehungsanstalten“ wurde 2000 veröffentlicht.

 

GEDENKDIENST: Die Behörden haben ihren Akt von Mödling und vom Spiegelgrund verwendet nach 1945?

Gross: Ja, und es war teilweise noch dasselbe Personal an diesen Orten.

 

GEDENKDIENST: Hatten sie später Kontakt zu anderen „Zöglingen“?

Gross: Nein, ich wollte auch nicht. Ich habe hie und da ehemalige „Zöglinge“ getroffen: „Na, wie geht’s dir, Servus.“ Damit war der Fall für mich wieder ziemlich erledigt. Erst in den letzten drei Jahren hab ich einige wieder getroffen, vor allen Dingen den Zawrel ( Friedrich Zawrel war als Kind am Spiegelgrund).

 

GEDENKDIENST: 50 Jahre lang wollten sie mit all dem überhaupt nichts mehr zu tun haben …

Gross: Völlig richtig, und zwar aus folgendem Grund: die KZ-ler zum Beispiel sind stolz, dass sie sagen können, wir waren im Widerstand. Ich hatte nur aufzuweisen, dass ich ein schwer erziehbares Kind war, dass ich „asozial“ war. Keiner von den Spiegelgrund-Leuten hat geredet. Meinen Kindern war ich – glaube ich – immer ein Vorbild. Ich habe erwachsene Söhne, und ich hatte Angst, dass die Vorbildwirkung wegfällt.

 

GEDENKDIENST: Ihre Kinder haben nie Fragen gestellt?

Gross: Ich hab Ausflüchte gehabt. Ich hab gesagt, ich will darüber nicht reden, es ist mir nicht gut gegangen …

 

GEDENKDIENST: Was hat sich nach 1945 für sie verändert?

Gross: Es war eine Hungersnot in Österreich, das hat für alle gegolten, aber es hat sich nie mehr jemand vom Jugendamt um mich gekümmert. Ich hab auf eigenen Füßen stehen müssen.

 

GEDENKDIENST: Sie waren allein?

Gross: Ja, völlig allein. Ich hatte eine zwei Jahre jüngere Schwester. Sie war auch am Spiegelgrund. Ich habe sie einmal gesehen, an der Hand einer Schwester. Das nächste Mal hab ich sie gesehen, da war ich schon Lehrling.

 

GEDENKDIENST: Sie war die einzige, mit der sie gesprochen haben?

Gross: Ja. Meine Schwester war nicht so lang am Spiegelgrund, sie war da einige Monate und kam dann in eine andere Anstalt. Es war auch eine strenge Erziehung, aber nicht vergleichbar mit dem Spiegelgrund.

 

GEDENKDIENST: Ist es ihnen gelungen, das so wegzuschieben?

Gross: Gelungen ist es mir nie. Mir hat in den ganzen Jahren oft davon geträumt, die grauslichsten Sachen hab ich immer wieder gesehen, also Dinge von der Spritze, den Keller in der Strafgruppe, verschlossene Türen, Mauern, derlei Sachen. Und das Gefühl einer nicht definierbaren Angst … Ich hab mich nie davon befreit. Ich merke es heute noch, wenn ich manchmal munter werde und schweißgebadet bin.

 

GEDENKDIENST: Erinnern sie sich an den Vogt-Prozess Ende der 70er?

Gross: Ja, ich habe das genau verfolgt, aber ich hatte damals nicht die Absicht zu reden. Der Vogt hat sich für den Zawrel eingesetzt, der war der Anlass. Er war ein Idealist, ich hatte aber das Gefühl, dass er nichts erreicht.

 

GEDENKDIENST: Letztlich war das aber der Anfang vom Ende der Karriere des Heinrich Gross?

Gross: Ja, das rechne ich ihm auch hoch an. Beruflich hat es dem Vogt aber nicht viel genützt, seine Beschäftigung mit der kritischen Medizin.

 

GEDENKDIENST: Wann war dann der Punkt „jetzt rede ich darüber“?

Gross: Anlässlich einer Fernsehsendung vor etwa drei Jahren, da war Dr. Gross zu sehen. Mein jüngerer Sohn war bei mir; da hab ich gesagt, ich glaub ich kenn den besser als die meisten, die da reden … ich kenn niemand, der über drei Jahre dort war. Da hat mein Sohn gesagt, warum redest du nicht darüber … und ich hab noch immer nicht wollen. Mein Sohn hat „News“ verständigt,  und dann kam der erste Artikel. Dann hat man mich verwiesen an Hannah Lessing, ich hab dann vom Fonds was gekriegt, und sie hat mir auch geraten, ich soll einreichen wegen einer Opferrente.

 

GEDENKDIENST: … der erste Versuch, eine Opferrente zu bekommen?

Gross: Richtig. Ich hab es nie versucht. Ich war zwar ein Opfer, aber ich habe mir gedacht, ich kann nicht konkurrieren mit einem KZ-ler.

 

GEDENKDIENST: Haben sie es nie bereut, dass sie diesen Schritt gemacht haben vor drei Jahren?

Gross: Ich bereue es, dass ich es nicht früher gemacht habe. Ich gehe jetzt viel an Schulen, ich hab mich ein bisschen schlau gemacht, mir Literatur besorgt über die Zeit. Ich weiß heute wesentlich mehr als vor 10 Jahren.

 

GEDENKDIENST: Was versuchen sie den Jugendlichen mitzuteilen?

Gross: Ich versuche sie ein bisschen zu immunisieren gegen Einflüsse, die heute wieder sehr stark sind. Ich erkläre ihnen, was man damals unter „asozial“ verstanden hat, wer „unwertes Leben“ war, was Euthanasie bedeutet hat, dass man aufgrund irgendeines Leidens nicht lebenswert ist und ich muss sagen, die Kinder verstehen das recht gut. Sie stellen oft gescheite Fragen, manchmal wenn die Pausenglocke läutet bleiben sie sitzen, spitzen die Ohren, das sind für mich schöne Erlebnisse.

 

GEDENKDIENST: Was denken sie sich, wenn sie gleichzeitig in der Politik hören von den Fleißigen und Tüchtigen, den Anständigen

Gross: Ich bin nach wie vor überzeugt, wenn Teile der Gesellschaft so könnten wie sie wollten, dann gäbe es wieder „unwertes Leben“.

 

GEDENKDIENST: Fühlen sie sich betroffen, wenn das gesagt wird?

Gross: Ja, und ich bin überzeugt, dass ein Haider den gleichen Gedankengang hat. Bei den Medizinern bin ich mir auch nicht sicher … Zu jener Zeit hat das jeder freiwillig gemacht. Das gibt mir zu denken: es ist keiner gezwungen worden Kinder zu töten.

 

GEDENKDIENST: Wussten sie, dass Heinrich Gross Karriere machte?

Gross: Ja, man hat immer wieder gelesen, wenn er Prozessgutachter war.

 

GEDENKDIENST: Ihr Verhältnis zu ÄrztInnen im Krankenhaus, wenn sie jetzt hinkommen, hat das Erinnerungen geweckt an diese Zeit?

Gross: Eigentlich nicht zu Medizinern, eher zu Psychologen, Psychiatern. Da hätte ich Hemmungen gehabt …

 

GEDENKDIENST: Bei ESRA war es das erste Mal, dass sie Kontakt mit einem Psychiater hatten?

Gross: Diese Gespräche dort in der Gruppe tun uns sehr gut; und noch mehr, wenn wir fertig sind, dann gehen wir in ein Kaffeehaus, kaufen uns dort

eine Kleinigkeit und reden untereinander. Das bringt meiner Ansicht nach mehr, als diese sogenannte Therapie. Man kann, wenn ein anderer dabeisitzt, der das nicht  kennt, nicht so reden. Das geht uns allen so.

 

GEDENKDIENST: War die Angst zu erzählen begründet?

Gross: Das kann ich nicht beurteilen, was Menschen sich denken; im Hinterkopf ist dieser Begriff „asozial“ immer noch da. Bei meinen Freunden war das Echo aber durchwegs positiv.

 

GEDENKDIENST: Wir danken für das Gespräch.