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Ausgabe 2/00


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Erinnerungsfilme – die Menschen als solche sehen und ihre Wahrheit entdecken

Mit wachsendem Abstand zur Zeit des Nationalsozialismus treten zunehmend künstlerische und dokumentarische Produktionen an die Stelle der persönlichen Erinnerungen von ZeitzeugInnen (siehe den Beitrag von A. Lichtblau). Eine Verarbeitungsform, die das kulturelle Gedächtnis der kommenden Generationen bezüglich des Nationalsozialismus bilden werden, ist der sogenannte Erinnerungsfilm.

 

Ruth Beckermann ist Autorin und Filmemacherin. In ihren Filmen („Wien retour“, 1984; „Die papierene Brücke“, 1987; „Nach Jerusalem“, 1990, „Ein flüchtiger Zug nach dem Orient“, 1999) spielen Interviews mit ZeitzeugInnen eine große Rolle. In „Jenseits des Krieges“ (1996) setzte sie sich als eine der ersten kritisch mit den Erinnerungen ehemaliger Wehrmachtsangehöriger auseinander.

Michael Kitzberger ist ebenfalls im Filmbereich tätig und ist Autor einer Untersuchung über Erinnerungsfilme (Michael Kitzberger, Erinnerungsfilme, Wien 1998).

Mit Ruth Beckermann und Michael Kitzberger sprachen Herwig Czech und Sebastian Markt.

 

GEDENKDIENST: Wodurch unterscheiden sich Erinnerungsfilme in bezug auf den Umgang mit ZeitzeugInnen von anderen Formen der Auseinandersetzung (z. B. Spielfilme, herkömmliche Dokumentarfilme oder „oral history“-Projekte)?

Kitzberger: In herkömmlichen Dokumentarfilmen werden ZeitzeugInnen sehr oft eingesetzt, um einen Kommentar zu illustrieren, um etwas, was eigentlich schon klar ist, zu beleuchten oder zu beweisen. Im Gegensatz dazu versucht man im Interview- bzw. Erinnerungsfilm, dem Menschen als solchen näherzukommen, seine Wahrheit zu entdecken.

Beckermann: Genau. Es geht uns nicht darum, die Leute zu Experten ihrer selbst zu machen, oder sie als Experten für historische Informationen einzusetzen. Film ist ja sehr oberflächlich, phänomenologisch, und daher ist das, was wir zeigen, immer die Gegenwart. Im Gesicht, in der Sprache und in den Worten der interviewten Person reflektieren sich ihre Erlebnisse und ihre Geschichte, aber zu sehen ist immer die Gegenwart. Was eine Person sagt, ist immer das, wie sie sich heute in ihren Verstrickungen darstellt und daher immer subjektiv. Und das Interessante ist ja gerade, diese Konstruktion der eigenen Lebensgeschichte oder der eigenen Lebenslüge darzustellen. Jeder von uns konstruiert seine eigene Geschichte.

 

GEDENKDIENST: Inwieweit beeinflusst die Interviewsituation diese Konstruktion?

Beckermann: Den größten Einfluss hat die Person der Interviewerin. Die Kamera, die Apparatur schafft eine sehr konzentrierte, intensive Situation. Bei Film mehr als bei Video, weil man bei Filmmaterial sparender arbeiten muss. Ich habe bei Film nie mehr als zwei Rollen pro Person gedreht, und in diesen 20 Minuten muss alles passieren.

 

GEDENKDIENST: Wie schafft man eine solche Konzentration, dass in 10 oder 20 Minuten „alles passiert“?

Beckermann: Man muss sich einfach einstellen auf eine Person, sich sehr gut vorbereiten, sich alle möglichen Fragen überlegen, und dann muss man es wieder vergessen. Sich ganz auf die Person konzentrieren, auf die eigene Spontaneität vertrauen und sich darauf verlassen, dass man irgendetwas findet, das eine Beziehung schafft: eine überraschende Frage, oder gar nicht sprechen und nur lächeln oder schauen oder eine Geste machen, um der Person die Möglichkeit zu geben, sich zu entfalten.

Kitzberger: Erinnerungen sind aber auch immer vom gesellschaftlichen Umfeld beeinflusst. So hat man z. B. nach 1986 oder auch 1988 in Österreich sehr viel bewusster über bestimmte Erfahrungen im Nationalsozialismus reden können als davor.

Beckermann: Außerdem gibt es nationale Unterschiede. In Österreich werden viele Themen noch gar nicht aufgegriffen, die in anderen Ländern, wie z. B. in Frankreich, schon lange diskutiert werden. Das österreichische Umfeld ist nicht sehr förderlich, zu differenzierteren Themen vorzudringen. Hier müssen wir immer noch darum kämpfen, dass gewisse Leute überhaupt Gehör finden.

 

GEDENKDIENST: Welcher politische Anspruch verbindet sich damit?

Beckermann: Wenn ich „Wien retour“ nehme, so war das damals, als er 1984 ins Kino kam, ein unglaublicher Tabubruch. Im Film geht es um Franz West, der im 2. Bezirk in jüdischer Umgebung aufgewachsen ist, sozialistischer Mittelschüler und später Kommunist wurde, emigrieren musste, zurückkam und 1968 dann die Partei verlassen hat. Da gaben wir jemandem das Wort, der damals nicht gehört wurde.

 

GEDENKDIENST: Wenn es politisch darum geht, Menschen Gehör zu verschaffen, die sonst nicht wahrgenommen werden, inwiefern gibt es einen Unterschied zur Arbeit mit Tätern, z. B. mit ehem. Wehrmachtsangehörigen?

Kitzberger: Gehör verschaffen heißt ja nicht unbedingt, dass man deren Position einnehmen will. Es kann ja auch bedeuten, dass man eine in der Gesellschaft vorhandene Position, die aus einem bestimmten Grundkonsens heraus überhaupt nicht mehr wahrgenommen wird, öffentlich macht. Man stellt etwas, das sonst nur im Privaten oder an den Stammtischen abgehandelt wird, öffentlich und provokant zur Diskussion. Dein Film Jenseits des Krieges, funktioniert auch deshalb, weil du sehr klar Stellung beziehst und damit die Zusehenden zu einer eigenen Position zwingst.

Beckermann: Ich glaube, es geht sehr stark darum, eine gewisse Distanz herzustellen, und das kann Film natürlich sehr gut leisten. Denn es ist natürlich ganz etwas anderes, diese Leute  auf der Leinwand zu sehen als sie am Nebentisch zu hören. Das kann eine reflektierende Haltung hervorrufen.

 

GEDENKDIENST: Was war Ihr Eindruck von den Gesprächen mit den ehem. Soldaten der Wehrmacht?

Beckermann: Die Mehrheit wollte, als sie sich da vor die Kamera hingesetzt hat, von sich selbst als Opfer reden. Von ihrer Kriegsgefangenschaft oder wie arm sie waren als Soldaten. Man hatte den Eindruck, einmal im Leben haben sie sich etwas getraut, nämlich für den Hitler zu sein, dann haben sie, zynisch gesprochen, was Tolles erlebt, sind ins Ausland gekommen, an die Ostfront, und dann haben sie eine auf den Deckel gekriegt. Und davon haben sie sich nie wieder erholt, das wurde nie reflektiert. Als diese Leute aus der Kriegsgefangenschaft zurückkamen, wurden sie damit völlig alleingelassen, das war kein Thema. Stattdessen war Wiederaufbau angesagt und sich in eine Partei eingliedern oder in den Kameradschaftsbund.

Kitzberger: „Jenseits des Krieges“ war das erste Forum, wo diese Leute dazu gebracht wurden, nicht über ihr eigenes Leid zu erzählen, sondern davon zu abstrahieren und zu verstehen, dass ihr Handeln anderen Leuten Leid gebracht hat und das auch öffentlich auszudrücken. Nur wenige schaffen das.

Beckermann: Man wollte das Leid der anderen gar nicht wahrnehmen. Ich glaube nicht, dass man das aus psychischen Gründen nicht konnte, sondern man wollte es aus ganz konkreten, ökonomischen und politischen Gründen nicht. Dazu hat die Opferlüge wunderbar gedient. Keine Juden zurückholen, um auf den Posten zu bleiben, die man inzwischen eingenommen hatte, möglichst viel von allem was geraubt wurde behalten. Das führte zu dieser Opferlüge, der Lebenslüge Österreichs. Und jetzt, seit wir diese Regierung haben, kannst du sehen, wie tagtäglich eine Lebenslüge konstruiert wird, wie alle darauf reinfallen. In einer Zeit, wo wir Internet und Kabel haben, wo überall ausländische Zeitungen zu bekommen sind, ist es dieser Regierung möglich, eine Wahnsituation in diesem Land zu schaffen, die wirklich hält. Das ist wie ein Brei, der sich um das Hirn legt. Immer wenn du Nachrichten aufdrehst, hörst du von Sanktionen. Kein Mensch spürt sie, kein Mensch würde sonst daran denken, und trotzdem funktioniert das wunderbar.

 

GEDENKDIENST: Wir danken für das Gespräch.