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Ausgabe 2/00


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Die Geschichte einer Geschichte erzählen …

„Mit ihrem Leben geben sie uns den Ansporn, kritisch zu sein“

 

Wir, Schülerinnen des Wahlpflichtfaches Geschichte unter der Leitung von Mag. Martin Krist am Bundesgymnasium 19 in der Gymnasiumstraße, hatten zu Beginn unserer Arbeit nur eine geringe Vorstellung von den Auswirkungen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft auf den einzelnen Menschen.

 

Wenn man sich mit der Geschichte Österreichs in der Zeit des Nationalsozialismus befasst, mit dem Schicksal österreichischer Juden und Jüdinnen, mit Ausgrenzung, Vertreibung und Ermordung, stößt man zwangsläufig auf Daten und Zahlen, die die schrecklichen Ereignisse belegen und die Ausmaße des Verbrechens darlegen. Wenn man noch verhältnismäßig jung ist, Schülerinnen und Schüler eines Gymnasiums, machen diese Zahlen zwar betroffen, entbehren aber doch einer gewissen Aussagekraft. Um zu begreifen, was wirklich hinter den Fakten steckt, bedarf es oft ein bißchen mehr als den herkömmlichen Geschichtsunterricht oder ein Lehrbuch.

 

 

„Umgeschult am 29. April 1938 ins G9 Wasagasse“

 

Ziel eines mehrjährigen Projektes war es zunächst, die Namen und Daten der Schüler und Schülerinnen zu erfassen, die im April 1938 von unserer Schule vertrieben wurden, weil sie jüdisch waren oder nach den Nürnberger Gesetzen als jüdisch galten. An sie wollten wir mit einer Gedenktafel erinnern, zu deren Enthüllung wir eine Ausstellung planten, die das bis dahin gesammelte Material, Lebensläufe und Dokumente, enthalten sollte.

Am Anfang stand die Suche nach dem Vermerk „Umgeschult am 29. April 1938 ins G9 Wasagasse“ in den Schülerkatalogen und das Entziffern der Namen, Adressen und Daten. Dann die Suche nach Überlebenden: Über das Meldearchiv und den Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus nahmen wir Kontakt zu emigrierten ehemaligen Schülern in den USA, in Großbritannien, Kanada und Australien, Israel und Argentinien auf. Eine Spur, die uns zu jenen führte, die zurückgekehrt waren oder noch in Wien lebten, war eine später ausgestellte Schulbesuchsbestätigung. Hatte der Betreffende eine abgeholt, fand sich ebenfalls ein Vermerk in den Katalogen und die Wahrscheinlichkeit, dass derjenige in Österreich lebte, war groß.

 

 

Immer mehr „Ehemalige“ schrieben uns …

 

Der nächste Schritt war der Griff zum Telefonhörer. Auf diese Weise machten wir vier Herren ausfindig, die alle sofort bereit waren, uns über ihr Schicksal und ihre Erfahrungen als Emigranten oder als „U-Boot“ in Wien zu berichten. Die Begegnung mit diesen Menschen war der erste Höhepunkt unserer bislang eher trockenen Recherchearbeit.

Einige Monate später, nachdem uns immer mehr Material aus Übersee und auch aus Österreich erreichte, kam der zweite Höhepunkt. Mit der Ausstellung, die die Gedenktafelenthüllung am 29. April 1998, dem 60.Jahrestag der Vertreibung, begleitete, war das ursprüngliche Ziel des Projektes erreicht. Und trotzdem war schon jetzt klar, dass das nur eine Zwischenstation bleiben würde. So meldete sich Otto Walter bei der Feier zu Wort, ein vertriebener Schüler, von dem wir nicht gewusst hatten, dass er noch in Wien lebt. Immer mehr im Ausland lebende „Ehemalige“ schrieben uns, immer mehr Lebensläufe ließen sich zusammenfügen, immer mehr Interviews wurden geführt. Wir waren so beeindruckt von der Fülle an Material, dass wir es nicht dabei belassen wollten, die Berichte und Dokumente in Mappen zu sammeln. So entstand die Idee, sie in Buchform festzuhalten.

 

 

Kultur der Erinnerung – Aufarbeitung der Geschichte

 

 Ein Jahr später erschien das Buch „Vertreibungsschicksale. Jüdische Schüler eines Wiener Gymnasiums 1938 und ihre Lebenswege“ beim Verlag  Turia+Kant in Wien. In diesem Buch verarbeitete Martin Krist die Ergebnisse unserer zweijährigen Spurensuche. Er beschreibt, wie die Vertreibung von der Schule vor sich ging und zeichnet die weiteren Lebenswege der Schüler nach. Den meisten der 104 gelang auf verschiedenste Weise die Emigration, zwei überlebten als „U-Boot“ in Wien, sieben fielen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zum Opfer. Neben einem Augenzeugenbericht von Reinhold Eckfeld, der seine Erlebnisse während der Novemberpogromnacht beschreibt, fanden auch die Erinnerungen und Eindrücke der anderen Betroffenen Eingang. Dokumente, Fotos und Kurzbiographien vervollständigen die Darstellung.

Bei der Buchpräsentation am 30. September 1999 war es uns ein Anliegen, nicht nur das Ergebnis unserer Arbeit vorzustellen, sondern zu einem Gespräch über Geschichtsaufarbeitung und Erinnerungskultur einzuladen. Teilnehmer an der Podiumsdiskussion waren Martin Krist, Erich Hackl, der das Vorwort zu diesem Buch verfasst hat, Fritz  Lantos und Harry Kaufmann, zwei ehemalige Schüler, Hannah Lessing vom Nationalfonds und zwei Schülerinnen des Wahlpflichtfaches.

Neben Fritz Lantos und Harry Kaufmann waren 12 andere vertriebene Schüler anwesend, teilweise aus dem Ausland angereist. So bot sich am nächsten Tag bei einem Heurigen in Sievering ein etwas ungewöhnliches Bild: Elf Jugendliche machten Bekanntschaft mit Menschen, die zwei Generationen vor ihnen eine der dunkelsten Zeiten in der Geschichte Österreichs miterlebt haben, sahen zum ersten Mal die Gesichter der Personen, mit deren Lebenswegen sie sich beschäftigt hatten und gewannen Respekt und Achtung vor der Art, wie sie mit ihrem Schicksal umgehen. Sie alle haben aus der Situation, in die sie der nationalsozialistische Rassenhass gebracht hat, das Beste gemacht, die meisten strahlen heute eine unglaubliche Lebensfreude aus, die Mut macht.

Aus den Gesprächen mit ihnen konnten wir vor allem eines herauslesen: Mit ihren Lebensgeschichten wollten sie uns den Ansporn geben, kritisch gegenüber allen Anzeichen von Ausgrenzung und Diskriminierung von Minderheiten zu sein. Als Generation, die die Schrecken des Zweiten Weltkrieges nicht miterlebt hat und in einer vergleichsweise heilen Welt aufgewachsen ist, tragen wir die Verantwortung, solchen Tendenzen nicht tatenlos gegenüberzustehen und das Wissen, das wir erworben haben, weiterzugeben.

 

 

Eine Erinnerung, bei der die Opfer nicht anonym bleiben

 

Dabei dürfen wir uns nicht nur auf die Daten und geschichtlichen Fakten beschränken, mit denen wir vertraut geworden sind. Denn irgendwann verlieren die bloßen Zahlen ihre schreckliche Bedeutung und an deren Stelle tritt eine gewisse Abgestumpftheit. Aber jede Person, das Schicksal eines Einzelnen, macht von neuem betroffen und ist wert, beachtet zu werden.

Wenn dieses Projekt auch nur einen Bruchteil der Geschichte der Verfolgung beschreibt, so glauben wir, dass es wichtig und sinnvoll ist, sich mit solchen Details zu beschäftigen. Wir hoffen, dass durch eine Art der Erinnerung, bei der die Opfer nicht anonym bleiben, dieser Teil der Geschichte für die zweite Generation danach, sechzig Jahre später, greifbarer und besser verständlich wird. Auf unsere Gruppe trifft das jedenfalls zu: Denn die Vertriebenen hatten denselben Schulweg wie wir.

 

Ulli Kittelberger, Gerda Heydemann und Karoline Schillinger,

Schülerinnen des BG 19, Wien