AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 2/00


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Telegramm

Gedenkdienst goes Europa

 

Seit kurzem ist GEDENKDIENST Teil des Europäischen Freiwilligendienstes (EFD). Dieses von der Europäischen Union finanzierte Projekt ermöglicht

Jugendlichen von 18 bis 25 Jahren ein einjähriges Freiwilligenjahr bei gemeinnützigen Einrichtungen. Unter dem Projekttitel „Aufklärungsarbeit über Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit in Österreich“ werden wir ab 1. September eine Freiwillige aus Deutschland im Büro von GEDENKDIENST aufnehmen. Die Freiwillige, vermittelt über das Anne Frank Zentrum Berlin, wird v. a. für die inhaltliche Koordination der Ausbildung unserer MitarbeiterInnen verantwortlich sein (z. B. wöchentliche Mittwochtreffen, überregionale GEDENKDIENST-Veranstaltungen, Studienfahrten). In der nächsten Ausgabe werden wir ein Portrait unserer neuen Mitarbeiterin bringen.

 

 

"Der Kaiser von Atlantis"

 

Ein Sommertheater der anderen Art wird von der ARGE ATLANTIS inszeniert. Insgesamt 15 Aufführungen der Oper „Der Kaiser von Atlantis“ von Viktor Ullmann und Peter Kien werden an vier verschiedenen Aufführungsorten gezeigt. Die Oper wurde 1943/44 im Konzentrationslager Theresienstadt komponiert. Komponist und Autor wurden kurze Zeit darauf nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Aufführungsorte sind die KZ-Gedenkstätten Mauthausen

(8. 8.) und Ebensee

(18.8.) sowie das Schloss Wildberg

(9.-17. 8.) und das Odeon in Wien

(10.-12. 9.). Karten können bei den lokalen Veranstaltern bestellt werden.

 

 

Einäugige Justiz

 

„Die einäugige österreichische Justiz in der Nachkriegszeit“ war Thema eines von der Regionalgruppe organisierten Vortrags am 5. Mai (NS-Opfer-Gedenktag) in Graz. Die Historiker Heimo Halbrainer und Thomas Karny berichteten über den Fall Franz Murer. Murer, genannt der „Schlächter von Wilna“, war von 1941 bis 1943 stv. Gebietskommissar der Stadt Wilna in Litauen und zuständig für „Judenangelegenheiten“. Für GhettobewohnerInnen war Murer der Inbegriff von Terror, Angst und Schrecken. Obwohl seine Vergangenheit bekannt ist, wird er nach dem Krieg zum Obmann der Landwirtschaftskammer Liezen gewählt.1961 wird Murer von Simon Wiesenthal im Telefonbuch „entdeckt“, verhaftet und angeklagt. Nach zwei Jahren Untersuchungshaft hat man aus vier Kontinenten ZeugInnen. Murer wird wegen 17-fachen Mordes angeklagt. Er leugnet alles. Nachdem sich einige der ZeugInnen nach 20 Jahren nicht mehr genau an die Tatzeit (!) erinnern können, wird Murer freigesprochen.

(ps)

 

 

"Es firt kejn Weg zurik..."

 

Am 16. Mai hat Gojim in Graz ein Konzert mit Liedern aus dem Wilnaer Ghetto veranstaltet. Gojim („Nicht-Juden“) sind sieben Musiker, die sich seit 13 Jahren mit jüdischer Musik befassen. Jedes Programm beruht auf historischen und musikwissenschaftlichen Recherchen. Gojim wollen eine fast vergessene Liedtradition wiederbeleben, aber auch über die Lieder mit ihrem Publikum einen Zugang zu jüdischer Kultur finden. Rund 150 ZuschauerInnen erlebten eine fesselnde Darbietung. Schwermütige Lieder machten Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit der GhettobewohnerInnen fühlbar. Kraftvolle und fröhliche Leider zeigten aber auch, dass die Menschen im Ghetto sich ihrem Schicksal nicht beugten.

(ps)

 

 

FPÖ contra Gedenkdienst

 

Dr. Helene Partik-Pablé, Nationalratsabgeordnete der FPÖ, hat in der politischen Diskussion um die Zukunft von GEDENKDIENST die Tätigkeit unserer Freiwilligen als „Gedenktafeln putzen“ bewertet. Nun hat sie in einer Reaktion auf unsere öffentliche Stellungnahme zur Bildung der Bundesregierung die kritische Haltung der FPÖ zu GEDENKDIENST in Abrede gestellt. Vielmehr „befürworte die FPÖ Gedenkdienst“, so Partik-Pablé in einem Schreiben an uns. Allerdings ist ihrer Meinung nach nicht einzusehen, weshalb gerade Zivildiener diesen Dienst verrichten sollen, wo diese doch an allen Ecken und Enden dem inländischen Sozialsystem fehlten.

Diese Haltung wurde in einer parlamentarischen Anfrage an den Innenminister unterstrichen: „Ist es nicht tatsächlich so, dass Gedenk- und Friedensdienstorganisationen im Ausland über genügend freiwilliges Personal verfügen, den Gedenkdienst aus eigenen Ressourcen zu bestreiten?“ Es ist nur zu hoffen, dass diese Haltung innerhalb der Koalition nicht mehrheitsfähig wird!

 

 

Ministrale Sichtweisen

 

Am 2. 8. 2000 besuchte Innenminister Dr. Ernst Strasser im Rahmen seines USA-Aufenthaltes das US Holocaust Memorial Museum in Washington. Dr. Wesley Fisher, Direktor für internationale Angelegenheiten im USHMM, sprach ihn dabei u. a. auf die prekäre zukünftige finanzielle Situation von GEDENKDIENST an. Dr. Strasser erwiderte, dass in diesem Jahr für den Zivildienst im Ausland so viel Geld wie noch nie zur Verfügung stünde. Er könne sich die Probleme nur dadurch erklären, dass das Geld nicht dort ankomme, wo es hin solle, und er werde sich der Sache

persönlich annehmen.

Da die erhaltenen Subventionen mit dem Innenministerium außerordentlich korrekt abgerechnet werden, lässt diese Aussage nur eine Interpretation zu: Der Minister scheint zu vermuten, dass die Trägerorganisationen die Subventionen nicht vollständig an die vorgesehen Empfänger, die Gedenkdienstleistenden, weiterleiten. Diese vermutete Unterstellung weist Verein GEDENKDIENST nachdrücklich zurück.

Eine zusätzliche, vom Minister unerwähnte Tatsache ist, dass die pro Kopf ausgeschütteten Mittel nach derzeitiger Gesetzes- und Verordnungslage zwangsläufig sinken werden.

(rk)