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Ausgabe 3/00


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Leben für eine Überzeugung

Biographische Anmerkungen zu Leben und Wirken Irene Harands

 

Am 7. September 1900 wird Irene Wedl in Wien als Tochter eines Großgewerbetreibenden und einer protestantischen Siebenbürgersächsin geboren. Weitab von sozialen und gesellschaftlichen Problemen führt die junge Irene ein bürgerlich-beschauliches Leben, in dem Politik kein Thema ist. Wie Irene Harand in ihren Schriften immer wieder betont, ist es ihre Mutter, die ihr „den Sinn für Gerechtigkeit und Menschenliebe schon seit frühester Kindheit einimpft“ – eine christliche, ihr Lebenswerk deutlich bestimmende Erziehung. Der Pflicht- und einer wirtschaftlichen Mittelschule folgt eine zweijährige weiterbildende Schule der Mademoiselles Divish in der Schaumburggasse im IV. Bezirk. 1919 heiratet die noch junge Irene Frank Harand, ehem. Offizier der k.u.k. Armee.

 

 

Auftreten gegen Antisemitismus

 

Die mehr zufällige Bekanntschaft mit dem jüdischen Rechtsanwalt Moritz Zalman und seine von ihr unerwartete selbstlose, oftmals unentgeltliche Aufopferung für seine Klienten lässt Irene sich ihrer letztlich bis dahin unkritisch schwelenden rassistischen Vorurteile gegen Juden bewusst werden. Die Arbeit Zalmans, der sich in den 20er Jahren für die Rechte von Kleinrentnern und Kriegsgeschädigten einsetzt, die durch die Inflation ihre Existenz verloren hatten, beeindruckt Irene nachhaltig. Die mutige junge Frau entschließt sich zur Mitarbeit im Verband der Kleinrentner, bald will sie aber nicht nur aktiv die „Wahrheit über den Antisemitismus“ – so der Untertitel ihrer ersten 1933 gedruckten Schrift – verbreiten, sondern mit all ihrer Kraft dagegen aufstehen. Fortan versteht sich Irene Harand in ihren Kampf gegen Rassenhass und Menschennot nicht nur als „gute Österreicherin, sondern auch als gute Christin“. Fünf Jahre lang bemüht sie sich, durch die von ihr gegründete Zeitschrift ‚Gerechtigkeit‘ und die ‚Bewegung gegen Rassenhaß und Menschennot‘ gegen den demokratiegefährdenden und menschenunwürdigen Antisemitismus in der weitgehend christlichen Gesellschaft mobil zu machen.

 

 

In Österreich vergessen …

 

1938 – Jahre intensivster, oftmals enttäuschender, aufreibender Arbeit gehören der Vergangenheit an – befindet sich Irene in Paris, wo sie versucht, Stimmung für ein unabhängiges und freies Österreich zu machen. Irene Harand kehrt von ihrer letzten Vortragsreise nicht mehr nach Österreich zurück und wandert in die USA aus, wo bereits ihre Schwester wohnt. Dort nimmt sie sich österreichischer EmigrantInnen an und gründet 1943 in New York ein Institut für jüdische Schriftsteller und Künstler, die Österreich 1938 verlassen mussten, das spätere Austrian Forum. 1969 verleiht Yad Vashem der außergewöhnlichen Frau den Status einer Gerechten unter den Völkern. Zu ihrem 70. Geburtstag, wohl durch die Entscheidung Yad Vashems darauf aufmerksam gemacht, entdeckt die österreichische Bundesregierung Frau Harand und verleiht ihr das Goldene Ehrenzeichen der Republik. Von ihrem Tod 1975 nimmt man in Österreich keine Notiz, die Asche von Irene Harand wird am 27. Juni 1975 am Zentralfriedhof im Urnenhain unter der Nummer 153 beigesetzt. Erst 1990 benennt die Gemeinde Wien ein Wohnhaus in der Judengasse im I. Bezirk als ‚Irene-Harand-Hof‘. Keine Inschrift erinnert an ihr Leben und ihre Idee …

„Macht ist ein widerliches ekelhaftes Wort.“ So schließt Irene Harand einen Brief an Moritz Zalman, den sie im September 1937 aus einem Sanatorium in der CSR, wo sie sich nach einem Zusammenbruch erholt, schreibt. Diese Frau mit einem mutigen politischen und persönlichen Engagement sieht sich zunehmend konfrontiert mit Gleichgültigkeit und Ignoranz gegenüber der Gefahr des Nationalsozialismus. Irene Harand führt einen erbitterten, selbstlosen Kampf um die uneigennützige Gerechtigkeit.

 

 

Was fasziniert an dieser Frau?

 

Stellen wir uns also die Frage: Was interessiert und fasziniert uns heute an der Person Irene Harand? Irene Harand steht für einen selbstlosen Einsatz und für einen in Österreich vergessenen, aber um so bemerkenswerteren – weil raren – Widerstand aus dem konservativ-katholischen Lager gegen die Unmenschlichkeit des Nationalsozialismus. Hinzu kommt, dass dieses politische und gesellschaftliche Engagement einer jungen Frau eine Ausnahmeerscheinung ihrer Zeit war; einer Zeit und Gesellschaft, die die öffentliche Tätigkeit von Frauen, abgesehen von wohltätigen Zwecken, kaum duldet und noch weniger honoriert. Vollends überrascht und in Vorurteilen gegenüber dieser Zeit aufgedeckt werden an Irene Harand Interessierte, wenn sie zu erkennen beginnen, mit welchen analytischen und weitblickenden Fähigkeiten diese Frau das Problem des Antisemitismus bei seinen Wurzeln fasst. Irene Harand bedient sich dabei erstaunlich moderner Mittel der – heute würde man sagen –‚ Public Relation.

Die Tätigkeit als Sekretärin im von Moritz Zalman geleiteten Kleinrentnerverband schärft die Kritikfähigkeit der jungen Frau, Zweifel erwachsen am vermeintlichen Wahrheitsgehalt gängiger Aussagen in antisemitischen Schriften. Sie beginnt sich vehement für die Verständigung zwischen Christentum und Judentum einzusetzen, denn ihrer tiefen Überzeugung nach birgt der Antisemitismus nicht nur eine Gefahr für das Christentum, sondern diese Haltung gegenüber den jüdischen Mitmenschen sei geradezu ‚sündhaft‘. Mit dieser Vorstellung bleibt sie auf katholischer Seite weitgehend allein. 1930 versucht sie gemeinsam mit Zalman durch die Gründung der Österreichischen Volkspartei einen politischen Rahmen zu schaffen, der diese Ziele verwirklichen helfen soll. Die tragische Entwicklung Österreichs zum autoritären Einparteienstaat beendet das Wirken der Partei schnell. Sowohl Zalman als auch Harand schließen sich inhaltlich der Vaterländischen Front an, der Sozialdemokratie misstrauen sie tief.

 

1933 beginnt Irene Harand die populär und volksnah gehaltene Wochenschrift „Gerechtigkeit“ herauszugeben, die bis März 1938 regelmäßig erscheint. Sie wird bald zum Sprachrohr der ebenfalls von Irene Harand gegründeten „Weltbewegung gegen Rassenhaß und Menschennot“, die gewissermaßen die weitreichenden Ziele der Österreichischen Volkspartei außerhalb der unmittelbar politischen Ebene verfolgt: Verurteilung des Krieges als Verbrechen, Kampf gegen den Rassenhass, Schaffung neuer Konsummöglichkeiten; Gerade in der sozialen und wirtschaftlichen Not begreift Irene Harand einen der wichtigsten Angelpunkte im erfolgreichen Kampf gegen das Hakenkreuz. Die bloße Einsicht kann ihr nicht genügen. In vielfältiger Weise setzt sie selber Aktionen dagegen. Sie übernimmt mehrmals Firmpatenschaften, organisiert Weihnachtsbescherungen für Kinder mittelloser Familien, Ausspeisungen Hungriger und die Versendung von Lebensmittelpaketen an Verarmte. Mit dem Angebot von Gratis-Inseraten in der „Gerechtigkeit“ wendet sie sich an Hoteliers, wenn sie im Gegenzug dazu die Zeitschrift abonnieren und sich verpflichten, jeden Gast unabhängig von Herkunft und Rasse zu empfangen. Auf diese Weise gelingt es der Harandbewegung zeitweise,  größere Verbreitung in ländlichen Gebieten zu erreichen, wo der Antisemitismus bereits offene Züge annimmt und vielerorts Aufschriften wie „Juden unerwünscht!“ keine Seltenheit mehr sind.

 

 

Viel Erfolg, aber keine Wirkung!

 

Eine 1937 aufgenommene Markenaktion wendet sich gegen die Entmenschlichung und gegen die Lüge der Münchner Ausstellung „Der Ewige Jude“. Die als Verschlusshilfen für Briefe gedachten Marken nehmen sich hervorstechender jüdischer Leistungen an und versuchen dadurch, die antisemitischen Vorurteile in ihrer Unhaltbarkeit bloß zu stellen. Eine Marke widmet sich etwa speziell den gefallenen jüdischen Soldaten im Ersten Weltkrieg. Das Ziel jahrelanger Arbeit der Harandbewegung ist ein für Sommer 1937 in Wien geplanter Weltkongress, zu dem Delegierte aus aller Welt eingeladen werden. Irene Harand sieht in diesem Kongress den Beginn einer dauerhaften Institution gegen Rassenhass und Menschennot, die in verschiedenen Kongressbüros im Ausland tätig sein soll. Existenzielle Geldprobleme, die fehlende politische Anerkennung der ehrlichen Bemühungen der Harandbewegung und die Ignoranz vor der drohenden Gefahr geben dieser menschlichen Idee einer großartigen Frau keine reelle Chance auf nachhaltigen Erfolg. Kurt Tucholsky umschreibt diesen Zustand treffend, wenn er meint: „Viel Erfolg aber keine Wirkung.“ Zahllose Vortragsreisen Irene Harands und ihrer MitarbeiterInnen, ihre Schriften und ein bis an den Rand der eigenen Existenz gehender Einsatz für eine Idee können nicht verhindern, was noch an Schrecklichem geschehen soll. Letztendlich zeigt sich aber, dass Irene Harand trotz der vielen Misserfolge nie – auch nach ihrer Emigration in die USA - aufgehört hat, für die Idee einer unerschütterlichen Selbstverständlichkeit der Toleranz zwischen Christentum und Judentum zu arbeiten. Gerade in ihrer politisch weitsichtigen Einschätzung der Gefahr des Antisemitismus, aber auch in ihrer verkennenden Ablehnung der Ideen der Arbeiterschaft während der Zwischenkriegszeit soll uns diese Österreicherin in Erinnerung bleiben. Ein lebendiges Denkmal der Menschlichkeit und ein Anstoß für unser eigenes Tun im toleranten Umgang mit dem ‚Anderen‘.

 

Kurt Scharr, Slawist, Historiker, ehem. Gedenkdienstleistender

 

 

Literaturauswahl:

Aronsfield, C. T. (1975): Great Hearted Champion of Justice; in Memoriam Irene Harand; in: AJR-Information, Nr. 7 (Jannuary).

Begov, L. (1975): Irene Harand. Zum Tode einer Gerechten – Nachruf; in: Illustrierte Neue Welt, 6.

Haag, J. A. (1981): A Women’s struggle against Nazism: Irene Harand and Gerechtigkeit; in: Wiener Library Bulletin 34, neue Serie 53-54,

pp. 64-72.

Haag, J. (1994): Irene Harand (1900-1975) and the Rise and Resistance to Antisemitism in Austria; in: Historic World leaders 2, Europe A-K (ed. Anne Commire, Deborah Klezmer), Detroit-Washington DC-London, pp. 579-589.

Hausner, J. (1974): Irene Harand and the Movement against Racism, Human Misery and War, 1933-1938, Columbia University, New York, unveröffentlichte Dissertation.

Hausjell, F.:Mutig und gerecht. Der Kampf der österreichischen Publizistin Irene Harand gegen Antisemitismus und Nationalsozialismus. In: multimedia, 3.1.1988, S1f.

Meisels, M. (1996): Die Gerechten Österreichs, Hg. Österreichische Botschaft in Tel Aviv.

Pauley, B. F. (1993): Eine Geschichte des österreichischen Antisemitismus – Von der Ausgrenzung zur Auslöschung, Wien.

Stromberger, Ch. (1996): Irene Harand – eine „Gerechte“ (1900-1975) – Die Harand-Bewegung, untersucht anhand der Zeitschrift „Gerechtigkeit. Gegen Rassenhaß und Menschennot“ (1933-1938), Graz,

unveröffentlichte Diplomarbeit;

Weinzierl, E. (1969/1986): Zu wenig Gerechte. Österreicher und Judenverfolgung 1938-1945, Graz.

Weinzierl, E. (1991): Christliche Solidarität mit Juden am Beispiel Irene Harands (1900-1975)In: Israel und die Kirche heute. Hg: Marcel Markus, Wien.