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Ausgabe 3/00


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Die Harand-Bewegung im Ständestaat

Die „Harand-Bewegung“ war in den 30er Jahren die einzige gesellschaftliche Kraft in Österreich die nur aus zwei Gründen existierte: Nationalsozialismus und Antisemitismus in welcher Form auch immer zu bekämpfen.

 

In Österreich hatte die Bewegung einige tausende Mitglieder, doch auch in vielen Ländern Europas gab es Sympathisierende und Fördernde. Es gibt mehrere Gründe, dass diese Bewegung in Österreich in Vergessenheit geriet: Zum einen passte sie nicht in das „links/rechts“-Schema der politischen Kategorien nach 1945. Zum anderen bewies die Harand-Bewegung schon damals, dass Christentum und Antisemitismus und Nationalsozialismus niemals miteinander vereinbar sind.

 

 

Irene Harands Idee einer Einheitsfront gegen die Nazis

 

Irene Harand und Moritz Zalman standen politisch dem christlich-konservativen und legitimistischen Lager nahe. Viele erklärte MonarchistInnen wurden aktive Mitglieder der Harand-Bewegung.

Irene Harand unterstützte politisch vollinhaltlich den Kurs der österreichischen Regierungen jener Zeit unter Engelbert Dollfuss und Kurt Schuschnigg. In der „Gerechtigkeit“ und in den Reden bei Massenversammlungen der Harand-Bewegung wurde diese Haltung klar zum Ausdruck gebracht. Jede Kritik am Dollfuss-Regime lehnte Irene Harand unter dem Hinweis ab, dass Dollfuss Österreich vor der Naziflut gerettet habe und jede Diskussion über den Ständestaat nur den Nazis nützen würde. Harand trat für die Bildung einer „Einheitsfront“ gegen den Nationalsozialismus ein und akzeptierte, dass in Zeiten höchster Gefahr die demokratischen Freiheiten eingeschränkt werden müssten, da diese von den Gegnern Österreich zu Propaganda benützt werden würden. Die Bemühungen, einen „Christlich-Deutschen Ständestaat“ zu errichten, wurden von Irene Harand ebenfalls unterstützt. Irene Harand interpretierte „deutsch“ als Sprachzugehörigkeit und verstand unter „christlichen Handeln“ den Kampf gegen den Antisemitismus.

 

 

Kampf gegen Antisemitismus in der Vaterländischen Front

 

Dass es dennoch innerhalb der Vaterländischen Front, der die Harand-Bewegung angehörte, auch antisemitische Strömungen gab, erkannte sie sehr wohl, doch lastete sie dies nicht dem Regime an: „Die aufrechten Bemühungen der Regierung werden sabotiert von einer Gruppe von Politikern und Bürokraten, die, aus mutwilliger oder unbewusster Dummheit heraus, Antisemitismus unterstützen, um einen bestimmten Teil der Bevölkerung für das gegenwärtige politische System zu gewinnen“, schrieb sie am 25. Oktober 1934 in der „Gerechtigkeit.“ Harand protestierte scharf gegen die Entlassung jüdischer Ärzte aus dem Dienst der Gemeinde Wien, der Zwangspensionierung jüdischer Beamter und gegen die „Verdrängung vieler Juden aus dem kulturellen und wirtschaftlichen Leben“. Sie kam zur Schlussfolgerung, dass diese Taten nicht „nur ein Affront gegen den Geist der Gerechtigkeit und der christlichen Ethik sind“, sondern auch „Agitation“ gegen die Regierung. Das Juli-Abkommen 1936 zwischen Österreich und dem Dritten Reich feierte Irene Harand als großen Sieg der Regierung im Kampf um die Unabhängigkeit des Landes. Dass mit diesem Abkommen der nationalsozialistischen Propaganda in Österreich Tür und Tor geöffnet wurde und Nationalsozialisten wichtige Regierungsfunktionen übernahmen, wollte oder konnte sie nicht wahrhaben. Die verstärkte Propaganda des Nationalsozialismus im Österreich nach dem Juli 1936 beantwortete sie mit verstärkter Aufklärung. Irene Harand blieb bis zum Schluss eine treue Anhängerin der Regierung Schuschnigg, obwohl auf Drängen des Deutschen Botschafters von Papen einige Massenversammlungen der Harand-Bewegung in Wien untersagt wurden. Ob Irene Harand ihre Meinung bezüglich dem Ständestaat später geändert hat, ist bisher nicht bekannt.

 

 

Das gespannte Verhältnis zur Sozialdemokratie

 

Ihr kompromissloses Eintreten für den Ständestaat brachte ihr vor allem von sozialdemokratischer Seite Kritik ein. Die Sozialdemokraten anerkannten zwar ihren Kampf gegen die Nazis und den Antisemitismus, kritisierten sie aber wegen ihrer Haltung zum Ständestaat und zum Bürgerkrieg im Februar 1934. Die Schuld am Bürgerkrieg gab Irene Harand alleine den Führern der Sozialdemokratie. Diese hätten zum einem durch ihr unverantwortliches Handeln die Front gegen die Nationalsozialisten geschwächt und zum anderen die Arbeiter verraten: „Der Hauptgrund des Versagens sozialdemokratischer Parteiführer bestand darin, dass sie ihr eigenes Wohlergehen als eines der Ziele, in manchen Fällen sogar als Hauptziel und die Arbeit für ihre Wähler als Mittel zur Erreichung einer gehobenen Stellung für sich selbst angesehen haben“, urteilt Irene Harand in der „Gerechtigkeit“ vom 16. Februar 1934. Anderseits verteidigte sie die Sozialdemokraten gegen Angriffe von Antisemiten, wie des christlich-sozialen Arbeiterführers Leopold Kunschak: „Dass es aber verhältnismäßig viele jüdische Politiker in der sozialdemokratischen Partei gab, ist auf die bedauerliche Tatsache zurückzuführen, dass die großen bürgerlichen Parteien antisemitisch eingestellt waren, und … weil sie in wirtschaftlicher Beziehung den breiten Schichten des Volkes nichts oder wenig bedeutete.“ Trotz ihrer Gegnerschaft zu den Sozialdemokraten nutzten viele in die Illegalität gedrängte Parteimitglieder mit Wissen und stiller Billigung von Irene Harand die Harand-Bewegung als Organisationsplattform, um sich neu zu formieren. Dass Irene Harand, wie der Sicherheitsdienst der Nationalsozialisten berichtet, Kommunistin gewesen sei und 1937 als Trotzkistin aus der KPÖ ausgeschlossen wurde, ist wohl wenig Glauben zu schenken. Dass die Harand-Bewegung aber „mit sämtlichen Gegnern der nationalsozialistischen Bewegung“ zusammen gearbeitet hat, wie der gleiche Bericht auch vermerkt, und eine der übelsten „Hetzzentralen gegen den Nationalsozialismus darstellte“, deckt sich auch mit anderen Quellen.

 

Das Schicksal der Harand-Bewegung nach 1938

 

Die Nationalsozialisten nahmen den Kampf der Harand-Bewegung durchaus ernst. Irene Harands Buch „Sein Kampf – Antwort an Hitler“, das sie 1935 im Eigenverlag und auf eigene Kosten herausgab, wurde nach dem Anschluss in Salzburg öffentlich verbrannt. Die Nationalsozialisten setzten gar eine Kopfgeld von RM 100.000,- für die Ergreifung von Irene Harand aus. Ein durchaus beachtlicher Betrag, war doch das Jahreseinkommen eines Hochschulprofessors in jener Zeit in etwa RM 10.000. Irene Harand konnte jedoch nicht gefasst werden, da sie sich im März 1938 in Paris und London befand, um dort – im Auftrag und mit Billigung des Ständestaatregimes für die Unabhängigkeit Österreichs Stimmung zu machen. Irene Harand flüchtete in die USA und begründete dort die Emigrantenorganisation Austrian Forum mit, die sie von 1960 bis zu ihrem Tod 1975 leitete.

Moritz Zalman, Vizepräsident der Harand-Bewegung und langjähriger Mitstreiter von Irene Harand, wurde jedoch gefasst. Er wurde in Feldkirch verhaftet, als er nach Liechtenstein flüchten wollte. Über die Verhaftung berichtete Julius Streichers Hetzblatt „Der Stürmer“ im August 1938 in großer Aufmachung. Zalman wurde als Drahtzieher der „Harand-Bewegung“ dargestellt, dem es gelungen sei, „die Nichtjüdin Irene Harand, die ihm hörig war und die gleichsam ein fanatischer Hass gegen den Antisemitismus beseelte, als Lockvogel vorzuschieben, um einige alte Betschwestern und sog. ‚Menschenfreunde‘ für seine dunklen Zwecke zu missbrauchen“. Im gleichen Artikel wird Zalman ein Urteil angekündigt, das von „nationalsozialistischen Geiste getragen sein wird“. Was darunter zu verstehen war, lag auf der Hand: Zalman wurde im Mai 1940 im KZ Sachsenhausen ermordet.

Ob andere Mitglieder der Harand-Bewegung ebenfalls verhaftet wurden, ist nicht bekannt, aber anzunehmen. Jedoch dürften im Untergrund einzelne Mitglieder oder Gruppen der Bewegung weitergearbeitet haben. So tauchten noch im Dezember 1940 in Favoriten Klebezettel der Harand-Bewegung auf.

 

Christian Klösch, Historiker, ehem. Gedenkdienstleistender