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Ausgabe 3/00


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Ein mehr als schlampiges Verhältnis

Ständestaat und katholische Kirche und ihr Verhältnis zum Antisemitismus

 

Antisemitismus war in Österreich vor 1938 weit verbreitet. Er war halb-offiziell sanktioniert, sowohl von der katholischen Kirche als auch vom Ständestaat. Der Ständestaat, der sich auf der Grundlage der katholischen (Sozial-)Ethik sah, folgte in seiner Einschätzung der „Judenfrage“ weitgehend der katholischen Kirche. Die Einstellung der katholischen Kirche zu Antisemitismus und Nationalsozialismus war – vorsichtig ausgedrückt – ambivalent.

 

Retrospektiv gesehen gab es in der katholischen Kirche im wesentlichen drei Strömungen. Die schwächste war jene, die den Antisemitismus für unvereinbar hielt mit dem christlichen Glauben. Die stärkste Strömung war jene, die offen antisemitisch war, aber den Nationalsozialismus und die Auswüchse des Rassenantisemitismus im Dritten Reich ablehnte. Eine kleinere Gruppe, die sog. „Brückenbauer“, versuchte, die antikatholischen und antichristlichen Tendenzen des Nationalsozialismus zu verändern, unterstützten aber weitgehend die nationalsozialistische (Rassen)Ideologie.

 

 

VorkämpferInnen katholisch-jüdischer Aussöhnung

 

Neben Irene Harands „Weltbewegung gegen Rassenhaß und Menschennot“ kämpfte der katholische Geistliche Johannes Österreicher gegen den Antisemitismus. Österreicher, zum Katholizismus konvertierter Jude, gründete 1934 das „Pauluswerk“, das eine Begegnung zwischen Christen und Juden ermöglichen sollte. Bis 1938 gab er die Zeitschrift „Die Erfüllung“ heraus. Nach dem Anschluss musste Österreicher flüchten, ging nach Paris und predigte dort wöchentlich über den dortigen österreichischen Sender gegen Hitlers Rassenwahn. Ende 1938 gab er in Paris das Buch „Racisme, Antisemitisme, Antichristianisme“ (dt. „Rassenhaß ist Christushaß“, Klagenfurt 1993) heraus.

 

 

Das katholische antisemitische Lager

 

Der Linzer Bischof Gföllner verurteilte in einem Hirtenbrief am 21. Jänner 1933 den Nationalsozialismus, rief aber zu

einem „geistigen und ethnischen Antisemitismus“ auf. Gföllner war typischer Vertreter des christlich motivierten Antisemitismus und sah in den Juden das Volk, der Erbschuld des „Gottesmordes“. Ein berüchtigter Antisemit und gleichzeitig Gegner des Nationalsozialismus war der Wiener Pater Georg Bichlmair. Er erregte in den 30er Jahren als Prediger, Seelsorger, und Publizist mit seinem rabiaten Antisemitismus Aufsehen. Bichlmair wurde desöfteren in der „Gerechtigkeit“ von Irene Harand scharf angegriffen. Bichlmair erachtete selbst zum Christentum konvertierte Juden wegen der „bösen Erbanlagen als fraglich“. Er forderte, um den angeblichen jüdischen Einfluss zurückzudrängen, eine Art „numerus clausus“ für bestimmte Gewerbebereiche. Von der Praxis des rassischen Antisemitismus des Nationalsozialismus angeekelt, setzte er sich nach dem Anschluss 1938 für zum Katholizismus konvertierte Juden ein und wurde im November 1939 verhaftet und nach Schlesien gauverwiesen.

 

 

Katholische Brückenbauer zum Nationalsozialismus

 

Sammelbecken dieser Gruppe war die katholische Zeitschrift „Schönere Zukunft“, die von Joseph Eberle, einem der einflussreichsten katholischen Publizisten der 20er und 30er Jahre, herausgegeben wurde. Die „Schönere Zukunft“ konnte als eine der wenigen Zeitschriften sowohl im Ständestaat als auch im Dritten Reich erscheinen. „Schönere Zukunft“ hetzte gegen die „Verjudung“ Österreichs und den „übermächtigen Einfluss“ der Juden auf Presse, Film, Literatur, Kunst etc. Dabei vertrat das Blatt neben einem religiös geprägten auch

einen rassischen Antisemitismus, da es zum Christentum konvertierte Juden nicht als gleichberechtigte Christen anerkannt sehen wollte. Eberle hielt nach dem Novemberpogrom von 1938 zwar Mitleid für Juden für „verständlich“, war aber der Ansicht, dass „oftmals (erst) Kinder und Enkelkinder für die Rechnungen und Schuldverpflichtungen der Väter“ bezahlen … Gern gesehener Autor des Blattes war Bischof Alois Hudal. Der Grazer Hudal, der seit 1933 Rektor der Deutschen Nationalkirche in Rom war, trat v. a. mit seinem 1937 in Leipzig veröffentlichten Buch „Die Grundlagen des Nationalsozialismus“ hervor, in dem er den Nationalsozialismus als System von Wirtschaft, Kultur und Politik für mit dem Christentum vereinbar darstellte. Hudal wandte sich weiters gegen die „Rassenvermischung“ und betrachtete Rassegesetze als „Notwehrinstrument in gewissen Lebensverhältnissen eines Volkes“.

Kardinal Innitzer sah sich selbst wohl als Mittler zwischen den verschiedenen Lagern. Einerseits lobte er in einem Brief die konsequente Arbeit von Irene

Harand. Andererseits unterstützte er auch die „Brückenbauer“ im Umfeld der „Schöneren Zukunft“; so lobte er die Zeitschrift in einem in ihr abgedruckten Brief für „die echte apostolische Arbeit für Christentum, Kirche und Kultur“. Innitzer ließ zu, dass man am 30. Juli 1936 in der „Katholischen Kirchenzeitung“ folgendes lesen konnte: „Alles, was immer derzeit gegen Juden unternommen wird, zu allen Zeiten, ist die Fortsetzung der Gerichtsweissagungen des Herrn. So habe Gott zum Beispiel im Altertum die Römer als Instrument der Strafe eingesetzt, nun bediene er sich der Nationalsozialisten. Nie kann ein Christ selbst als Rächer und Vollstrecker göttlichen Gerichts auftreten wollen. Das überlassen wir – den Heiden! Aber wir müssen es wohl geschehen lassen, was da geschieht, denn es ist Gottes Gericht!“

 

 

Ständestaat und Antisemitismus

 

Die ständische Verfassung des „christlich-deutschen Bundesstaates Österreich“, die am 1. 12. 1934 in Kraft trat, garantierte Religionsfreiheit und die Gleichbehandlung aller Staatsbürger. Die politische Praxis sah anders aus. Viele assimilierte Juden sahen im Ständestaat einen Garant gegen den Anschluss an Nazideutschland. Im Alltag wurden Juden vielfach von untergeordneten Behörden diskriminiert. So wurden viele jüdische Ärzte – mit der Begründung, dass viele ehemalige Sozialdemokraten waren – aus dem Dienst der Gemeinde Wien entlassen. Gleichzeitig erfüllte man damit eine von antisemitischen Kreisen vehement erhobene Forderung. 1937 rief  Dr. Kresse, Vizebürgermeister von Wien, als Vertreter des Handels und des Gewerbes offen zum Boykott jüdischer Geschäfte auf. Der damalige Bürgermeister Richard Schmitz wies den zuständigen Magistrat im Sommer 1937 an, keine Gemeindewohnungen mehr an Juden zu vergeben. Neu zugewanderte Juden durften in Wien ab diesen Zeitpunkt auch kein Heimatrecht mehr erhalten.

Die zuständigen staatlichen Stellen begnügten sich mit offiziellen, sehr allgemein gehaltenen Stellungnahmen, duldeten aber jede Form von antisemitischer Agitation in der Presse und von Vereinen. Die radikalsten antisemitischen Blätter waren zum einen das im Besitz der Kirche befindliche ehemalige Parteiorgan der christlich-sozialen Partei, die „Reichspost“, und das „Wiener Montagsblatt“. Die „Reichspost“ unter Chefredakteur Friedrich Funder verteidigte gar den Antisemitismus gegen den Nationalsozialismus und verwehrte sich, dass jeder Antisemit gleich „als Nationalsozialist mit fragwürdiger österreichischer Gesinnung angeprangert wird“ (Reichspost 1. 11. 1933).

Antisemitische Agitation konnte im Ständestaat offen publiziert werden ohne dass die Regierung jemals das Instrument der „Vorzensur“ dagegen anwandte. Die Heimwehr, der Antisemitenbund, die Pan-Arische Union und der Freiheitsbund konnten ungehindert agieren. Der Freiheitsbund des christlich-sozialen Arbeiterführers Leopold Kunschak war Teilorganisation der Vaterländischen Front und wurde für seine antisemitische Hetze mit Geldern aus dem Dritten Reich unterstützt. Kunschak und der ehem. Bundeskanzler Prälat Seipel traten 1936 mit einem Gesetzesvorschlag an die

Öffentlichkeit, der sicherstellen sollte, dass die „Führer der Arbeiterschaft in Abstammung und Denkart dem zersetzenden Einfluss des Judentums aus dem Geistes- und Wirtschaftsleben verdrängt werden“. Schon 1920 verlangte Kunschak im Nationalrat die Internierung von Juden in Lagern und die Schaffung eines „Dissimilierungsgesetzes“.

Ebenso wenig wie von Innitzer liegen von Schuschnigg eindeutige Aussagen zum Antisemitismus vor. Zwar versicherte er immer wieder, dass Juden in Österreich nichts zu befürchten hätten, doch weigerte er sich, Angriffen in der Öffentlichkeit entgegen zu treten; denn, so Schuschnigg, dies würde der Regierung „als Parteilichkeit ausgelegt werden“ (Die Stimme, 5. 3. 1935). Die Existenz von Antisemitismus relativierte Schuschnigg mit dem Hinweis, dass es diesen in Österreich „wie in vielen anderen Ländern“ gäbe.

 

 

Antisemitismus und die Immunschwäche der Gesellschaft

 

Zusammenfassend kann gesagt werden dass die uneindeutige Haltung der Kirche und des Ständestaates dazu beigetragen haben, dass der Antisemitismus in seiner rassistischen, konfessionellen, wirtschaftlichen und nationalen Spielart in den dreißiger Jahren immer mehr an Einfluss gewann und damit der Boden bereitet wurde für die Vertreibungs- und Vernichtungspolitik der Nazis. Sowohl der Kirche als auch dem Ständestaat war „katholisches“ bzw. „deutsches“ Blut wertvoller, als das „religions-“ und „volksfremde jüdische“.

Die Haltung der Kirche gegenüber der Verfolgung der Juden in Österreich nach 1938 reichte von offener Unterstützung über widerwillige Billigung (Stichwort Gottesgericht) bis zu offenem Widerstand. Bei vielen antisemitischen katholischen Geistlichen setzte erst angesichts der massiven Verfolgung durch Nazis ein Umdenken ein. Innitzer lies 1938 für zum Katholizismus konvertierte Juden eine „Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Christen“ errichten, in einigen Klöstern und Kirchen fanden Juden Schutz vor Verfolgung und Razzien. Die Haltung der offiziellen Kirche war bestimmt von der Angst, den eigenen Einfluss auf die Gesellschaft nicht zu verlieren und die persönliche Sicherheit der Geistlichen nicht zu gefährden.

 

 

Kontinuitäten und Brüche nach 1945

 

Diese zwiespältige Haltung der Kirche setzte sich nach 1945 fort. Während Johannes Österreicher in Rom zwischen 1962 und 1966 als Consultor des Sekretariats für Christliche Einheit maßgeblich an der „Judenerklärung“ des II. Vatikanischen Konzils mitarbeitete und so den Weg ebnete für die Aussöhnung des Katholizismus mit dem Judentum, verhalf Bischof Hudal unter stillschweigender Billigung Papst Pius XII. Kriegsverbrechern zur Flucht nach Lateinamerika.

Auch in der Politik in Österreich bekleideten rabiate Antisemiten der Zwischenkriegszeit wieder hohe politische Ämter. So wurde Leopold Kunschak, von Irene Harand in den 30er Jahren leidenschaftlich bekämpft, nicht nur Ehrenvorsitzender der ÖVP, Vizebürgermeister von Wien und Vorsitzender des ÖAAB, sondern auch von 1946-53 Präsident der Österreichischen Nationalrates.

 

Christian Klösch, Historiker und Gedenkdienstmitarbeiter, Wien

 

Verwendete Literatur:

Erika Weinzierl, Zu wenig Gerechte, Graz 1985.

Gisela Wibihall, Der politisch-ideologische Antisemitismus im Ständestaat und das Wiener Montagsblatt, Wien 1994.

Peter Eppel, Zwischen Kreuz und Hakenkreuz, Graz 1980.