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Ausgabe 3/00


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Hermann Lein – „Innitzer-Gardist“ in Dachau und Mauthausen

„Wie sich die Nazis als Herren der Welt dargestellt haben, ist doch mit dem Evangelium überhaupt nicht vereinbar"

 

Hermann Lein wurde am 24. August 1920 in Wien geboren. Am 9. Oktober 1938, einen Tag nach einer katholischen Anti-Nazidemonstration am Stephansplatz, wurde er wegen „Volksaufwiegelei“ verhaftet, und für 19 Monate in den Konzentrationslagern Dachau und Mauthausen interniert. Entscheidend für Hermann Leins ethisch begründete Gegnerschaft zum Nationalsozialismus wurde sein Beitritt 1934 zu einer katholischen Jugendgruppe des Bund Neuland. Herman Lein war Sektionschef im Unterrichtsministerium und lebt in Wien. Das Interview mit Herman Lein führte Christian Klösch.

 

GEDENKDIENST: Wie wurden Sie in Ihrer Jugend zu einem überzeugten Gegner des Nationalsozialismus?

Lein: Wir waren eine Gruppe mit einem sehr aufgeschlossenen Jugendkaplan. Kaplan Karl Michael Zimmerl hat deutlich herausgearbeitet, dass es zwischen Christentum und Nationalsozialismus einen unaufhebbaren Widerspruch gibt. Wie sich die Nationalsozialisten als Herren der Welt dargestellt haben, das ist doch mit dem Evangelium überhaupt nicht vereinbar, wo es eine Stelle gibt, wo Christus sagt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Und weiter noch: „Du sollst auch deine Feinde lieben!“ Das sind einfache Überlegungen, die für jeden leicht begreifbar sind. Wir waren nicht politisch, wir haben uns da nicht den Kopf zerbrochen um Demokratie u. a.. Das Regime Dollfuß-Schuschnigg hat uns nicht berührt.

 

GEDENKDIENST: Gab es Antisemitismus in Ihrer Gruppe?

Lein: Bund Neuland war diesbezüglich eine ambivalente Angelegenheit! In Neuland gab es auch illegale HJ-Gruppen und Gruppen, die zumindest Richtung Großdeutsche tendierten. In unserer Gruppe gab es keinen Antisemitismus. Meine spätere Frau, damals sog. Halbjüdin, habe ich ja auch bei der Jugendgruppe kennengelernt. Sie selbst war katholisch erzogen, musste aber nach dem Anschluss die Schule verlassen. Es gelang ihr, die Kriegsjahre in Wien in einem Druckereibetrieb zu überleben. Heiraten konnten wir erst 1945.

 

GEDENKDIENST:Trafen sie sich auch nach dem Anschluss?

Lein: Die Gruppe löste sich auf. Aber mit Jugendlichen anderer Gruppen kamen wir zu einer Pfarrgruppe in Breitenfeld. Wir überlegten uns, wie wir uns verhalten sollten, was wir tun könnten. So diskutierten wir auch über diese ominöse Volksabstimmung am 10. April 1938. Ich war noch nicht wahlberechtigt aber es waren Ältere dabei und die sagten: Wir stimmen mit Nein. Obwohl sie wussten, dass es eigentlich sinnlos war.

 

GEDENKDIENST: War es in dieser Situation nicht besonders schwer, die Haltung der Bischöfe zu verstehen, die in einem Hirtenbrief aufforderten, für den Anschluss zu stimmen?

Lein: Wir hätten uns gewünscht, Kardinal Innitzer hätte sich anders verhalten. Wir mutmaßten damals, dass er verschiedene kirchliche Organisationen zu retten versuchte. Aber trotzdem, als 18-jähriger sieht man zuerst den Widerstand, und das hat uns sehr enttäuscht. Die Kirche versuchte zu verhandeln, aber es führte zu keinem Ergebnis.

 

GEDENKDIENST: Wie erlebten Sie die Rosenkranzfeier im Stephansdom am 7. Oktober 1938?

Lein: Kardinal Innitzer hielt eine Predigt, die sich klar gegen den Nationalsozialismus richtete; natürlich nicht offen, aber in der kirchlichen Sprache. Die Eingeweihten verstanden das. Als die Jungen merkten, der Kardinal ist bereit, Widerstand zu leisten, ergab sich alles andere. Ich war beim Gottesdienst, auch nachher bei der Demonstration. Da haben wir gerufen: „Wir wollen unseren Bischof sehen“ und nicht: „Wir wollen unseren Führer sehen“. Einige Leute wurden am Rande der Demonstration verhaftet. Aber bei 6000 bis 8000 konnte man nicht alle verhaften.

 

GEDENKDIENST: Als Reaktion auf diese Demonstration stürmte die Hitler-Jugend am nächsten Tag das  erzbischöfliche Palais in Wien. Wie haben Sie darauf reagiert?

Lein: Davon wussten wir nichts. Kein Radio, keine Zeitung hat darüber berichtet. Und dann sagten meine Freunde in der Pfarrgruppe Breitenfeld, weil ich als einziger ein Fahrrad besaß, ich solle hinfahren und schauen was los sei. Da sah ich dann das Palais, es war eine Ruine. Ich fuhr weg, kehrte aber wieder um. Ich war ein 18-jähriger, ein Jugendlicher ist bereit, seine Meinung hinauszuschreien und vergisst dabei oft die sog. Vernunft. Mit dieser ungeheuren Wut im Bauch bin ich auf den Stephansplatz gefahren und hab laut und deutlich gerufen: „Heil unserem Bischof!“ Die Polizei verfolgte mich mit dem Auto. Auf der Freyung waren meine Kräfte zu Ende. Da haben sie mich dann am Arm erwischt …

Beim Verhör habe ich kaum geleugnet. Ich war noch immer der Meinung, dass ich recht hatte. Ich versuchte, mit ihnen zu diskutieren, hab’ ihnen vorgehalten wie schlecht sie mit der Katholischen Kirche umgehen … das war für die Gestapo ein offenes Geständnis. Mein Schutzhaftbefehl lautete dann auf „Volksaufwiegelei“. Ich kam nach Dachau und im September 1939 nach Mauthausen. Am 23. April 1940 wurde ich aus Mauthausen entlassen.

 

GEDENKDIENST: Wer wurde damals noch verhaftet?

Lein: Es wurden ungefähr zehn Personen verhaftet, im Dezember 1938 wurden fünf nach Dachau gebracht, die anderen wurden freigelassen. Wir nannten uns die fünf Innitzer-Gardisten. Ferdinand Habel ist in Mauthausen gestorben, einfach verhungert. So waren wir nur mehr vier, die entlassen wurden. Hans Eis ist unmittelbar nach der Entlassung gestorben. Er hatte sich eine schwere Typhusinfektion im KZ geholt. Josef Kaspar, Franz Ranftl und ich sind, wenn auch nur als Sanitäter, der Wehrmacht nicht entkommen. Josef Kaspar ist irgendwo im Kurlandkessel verschollen, Franz Ranftl hat den Krieg überlebt, ist aber schon gestorben.

 

GEDENKDIENST: Was war nach Ihrer Entlassung? Haben Sie Ihrer Familie und Ihren Freunden erzählt, was Sie im KZ erlebt hatten?

Lein: Ich musste unterschreiben, dass ich nichts erzähle, was ich gesehen und gehört hatte. Ich hab mich nicht daran gehalten. Meinen Freunden, Eltern und näheren Verwandten habe ich erzählt, was passiert ist. Nach einem Jahr wurde ich dann eingezogen. Ich hab in Schreibstuben gearbeitet, wurde nach Krakau in das Fleckfieberinstitut versetzt, weil ich Sanitäter war. Dort hat mich meine KZ-Vergangenheit eingeholt. Ich erkrankte an offener schwerer Lungentuberkulose. Im Sommer 1944 wurde ich aus der Wehrmacht entlassen.

 

GEDENKDIENST: In ihrem Buch „Als Innitzer-Gardist in den KZs Dachau und Mauthausen“ schreiben Sie: „Schwer zu verstehen ist hingegen die Tatsache, dass nach 1945 niemand in der Erzdiözese nach Hans Eis und den anderen jungen Menschen, die im Oktober 1938 eingesperrt waren, gefragt hat.“

Lein: Ich kann mich erinnern, z. B. Hans Eis: Nach dem KZ, er lebte nicht mehr lange, hatte ihn ein Geistlicher mitgenommen zu einem Mittagessen mit Kardinal Innitzer. Nachher hat er erzählt: Alle haben vor Angst gezittert, weil in ihrem Kreis ein ehemaliger KZ-Häftling war! Gut, das seh ich ein, es war ja vor 1945. Aber selbst 1988 wurde bei einer Ausstellung zwar die ganze Geschichte vom Rosenkranzfest und der Erstürmung des Erzbischöflichen Palais durch die HJ gezeigt, aber nicht erwähnt, dass fünf Leute deswegen ins KZ gingen! Selbst im Erzbischöflichen Archiv hat man nichts gewusst! 1988 musste ich eine merkwürdige Aktion erleben, als Weihbischof Kurt Krenn einem ehemaligen HJ-Führer, der 1938 das Palais zerstört hatte, nun im Jahr 1988 eine spezielle private Führung durch das Palais anbot! Da ist mir aber der Kragen geplatzt und ich hab einen Brief geschrieben. Kardinal Schönborn hat mich, als er davon hörte, dass ich damals ins KZ musste, eingeladen, ihm mehr darüber zu erzählen.

 

GEDENKDIENST: Als „politisch Geschädigter“ hatten Sie nach 1945 die Möglichkeit, in die Politik zu gehen, wie es andere, z. B. Figl oder Hurdes, auch getan haben.

Lein: Ich habe 1945 kurz überlegt, in die Politik zu gehen. Ich war mit dem ersten Unterrichtsminister, Felix Hurdes, auf Block 15 in Dachau, und 1945 hat er mir einfach die Mitgliedskarte der ÖVP geschickt. Ich hätte die Möglichkeit gehabt, Politiker zu werden. Aber bald kam ich drauf, dass es mit meinem Charakter nicht vereinbar ist, wie ein Politiker heute „schwarz“ und morgen „weiß“ zu sagen. Daher hab ich es nicht gemacht. Das haben alle immer wieder gespürt, dass ich eine Meinung hatte, die ich auch vertrat, und dass ich nicht bereit war, mich einer Parteilinie unter zu ordnen. Später – als ich im Unterrichtsministerium war – gab es während der sozialistischen Alleinregierung Situationen, wo es von Vorteil gewesen wäre, wenn ich die ÖVP verlassen hätte. Aber das hätte ich als schäbig empfunden.

 

GEDENKDIENST: Wie beurteilen Sie die politische Situation in Österreich?

Lein: Ich habe immer gesagt wenn die ÖVP mit der FPÖ unter Jörg Haider eine Koalition eingeht, dann ist für mich der Zeitpunkt gekommen, aus der Partei auszutreten. Diesen Schritt habe ich nun auch gesetzt. Ich war seit 1945 Mitglied der ÖVP.

 

GEDENKDIENST: Wir danken für das Gespräch.