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Ausgabe 3/00


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„… immer als mein Anliegen verspürt, auf Rassismus, Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit hinzuweisen“

Martina Kolanoski arbeitet im Rahmen des Europäischen Freiwilligendienstes für ein Jahr bei Verein GEDENKDIENST in Wien

 

Am Dienstag, dem 5. September, ist im Gedenkdienstbüro in Wien endlich die lang ersehnte Verstärkung eingetroffen. Martina Kolanoski wird voraussichtlich für zwölf Monate ihren Freiwilligendienst bei GEDENKDIENST leisten.

Martina ist 19 Jahre alt, geboren in Hamburg, aufgewachsen in Witten im Ruhrgebiet und hat die letzten vier Jahre in Königs-Wusterhausen bei Berlin gelebt. Für GEDENKDIENST sprach Norbert Hinterleitner an ihrem zweiten Arbeitstag mit ihr über ihre Erwartungen, ihre Vorgeschichte, ihre Arbeit und vieles mehr …

 

GEDENKDIENST: Wie hast Du vom Verein Gedenkdienst erfahren?

Martina: (lacht) … durch private Kontakte: durch Ingo, euren Gedenkdienstleistenden im Anne Frank Zentrum in Berlin. Durch ihn bin ich auch erst auf das Anne Frank Zentrum aufmerksam geworden, das mich jetzt als Freiwillige zu Euch geschickt hat.

 

GEDENKDIENST: Weißt Du schon ungefähr, was der Verein Gedenkdienst macht und was Deine Tätigkeitsbereiche sein werden beziehungsweise sein könnten?

Martina: Ich muss mich erst einarbeiten, und ich ertappe mich im Moment dabei, dass ich alles auf einmal lernen und alles auf einmal angehen möchte. Aber im großen und ganzen weiß ich schon, was zu tun sein wird. In erster Linie werde ich Studienfahrten vorbereiten, mitorganisieren und mitbetreuen; ich werde versuchen die Kommunikation mit den Regionalgruppen zu intensivieren und gemeinsam mit ihnen Aktionen und Veranstaltungen zu planen.

 

GEDENKDIENST: Was hat Dich dazu bewogen, ein Jahr Deines Lebens für den Verein Gedenkdienst tätig sein zu wollen?

Martina: Ich habe es immer als mein Anliegen verspürt, auf Rassismus, Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit hinzuweisen. In meinen Theatergruppen in Witten und in Königs-Wusterhausen haben wir immer bewusst Stücke ausgewählt, die sich dazu eignen, einen Bezug zur Aktualität dieser Themen herzustellen. Ich habe mit 13 in der Schule mein erstes Stück selber geschrieben. Es hieß „Sterntaler“ und war eine Abwandlung des Märchens; es handelte von Fremdenfeindlichkeit in der Schule. Ich denke, dass ich mein Anliegen bei Gedenkdienst weiter verwirklichen kann.

 

GEDENKDIENST: Bist Du selber mit Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in Berührung gekommen?

Martina: Als ich 15 war, bin ich mit meiner Familie nach Königs-Wusterhausen – KW genannt – gezogen. KW ist eine Kleinstadt in der früheren DDR, südwestlich von Berlin. Die Stadt ist voll von jungen Neonazis. Es gibt nur eine Disco, und die ist total geprägt von den Skinheads. Auch in meiner Schule hatten wir einige – im Westen war ich bis dahin nie mit „Glatzen“ in Berührung gekommen. Abends bin ich immer in Berlin ausgegangen, weil es dort erträglicher war.

 

GEDENKDIENST: Hast Du in KW Angst gehabt?

Martina: Ja, anfangs schon, aber das schlimmste an der Sache ist, dass man sich mit der Zeit daran gewöhnt und die Situation so hinnimmt wie sie ist. Und irgendwie kann ich die Jugendlichen auch verstehen: Obwohl sie zum Zeitpunkt der Wende erst etwa 10 Jahre alt waren, kommen sie aus einer Welt, die man ihnen genommen hat. Ihre Welt, ihre Werte, ihren Staat gibt es nicht mehr. Sie fühlen sich von Westdeutschland geschluckt, die guten Jobs haben die „Experten“ aus dem Westen, die Ostdeutschen wurden massenweise in die Arbeitslosigkeit entlassen. Sie fühlen sich geschluckt, besetzt. Jetzt suchen die jungen Leute ihre Identität: in einem neuen, starken Deutschland. Sie hassen Ausländer, dabei haben sie noch nie mit welchen zu tun gehabt. Außer vier, fünf Leuten aus Vietnam, die Zigaretten verkaufen, gibt es in KW keine Ausländer – noch nicht einmal Dönerbuden, die von Ausländern betrieben werden.

 

GEDENKDIENST: Bist Du als Westdeutsche auch schief angeschaut worden?

Martina: Und wie! Mein Vater wurde ja auch von einem großen Betrieb nach Ostdeutschland geholt und hatte dort eine führende Position inne. Das haben meine Klassenkameraden dann auch bald einmal herausgekriegt. Ich war dann angefeindet als die Besserwisserin und Bessergestellte aus dem Westen … „Besserwessi“ hieß das dann.

 

GEDENKDIENST: Was erwartest Du Dir von Deinem Jahr in Wien?

Martina: Ich muss mich erst einmal hier zurecht finden und die vielen Eindrücke ordnen. Ich bin ja alleine hergekommen. Und ich war noch nie länger in einer fremden Stadt … erst einmal in

Wien, mit zehn Jahren … die Erwartungen kommen danach schon von selber.

 

GEDENKDIENST: Wie kann man Dir helfen?

Martina: Weiß jemand, wie ich eine Theatergruppe finde?!