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Ausgabe 4/00


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Zwangsarbeit in Österreich von 1938 bis 1945

Im Zeitraum Herbst/Winter 1944 dürften ca. 800.000 In- und AusländerInnen auf dem Gebiet des heutigen Österreich zwangsweise zur Arbeit eingesetzt worden sein. Die verschiedenen Gruppen von ZwangsarbeiterInnen wurden grundsätzlich unterschiedlich behandelt, waren einem unterschiedlichen Grad von Zwang ausgesetzt und in ihrer Bewegungsfreiheit unterschiedlich eingeschränkt.1 Folgende Gruppen von Zwangsarbeitskräften sind zu unterscheiden:

 

Österreichische Jüdinnen und Juden in Zwangsarbeitslagern von Ende 1938 bis 1941 (z. T. bis 1945)

Die Zwangsarbeit österreichischer Juden wurde von Arbeitsämtern organisiert, nachdem ihnen jede Verdienstmöglichkeit genommen worden war. Österreichische Arbeitsämter handelten dabei aus eigener Initiative, sie benötigten keine Gesetze und Verordnungen. Die damalige „Ostmark“ hatte, wie bei Verfolgungsmaßnahmen gegen Juden insgesamt, auch in dieser Frage eine Vorreiterrolle für das gesamte Deutsche Reich. Ca. 20.000 österreichische Juden dürften Zwangsarbeit geleistet haben.(2)

 

Roma und Sinti in Zwangsarbeitslagern von 1938 bis 1945

Auch im Fall der österreichischen Roma und Sinti handelten Gemeinden und Fürsorgebehörden zuerst ohne Anweisung aus Berlin. Mit der vorgeschobenen Begründung, die „arbeitsscheuen Zigeuner“ müssten zur Arbeit gezwungen werden, damit sie der Fürsorge nicht zur Last fielen, wurden Tausende von ihren Arbeitsplätzen geholt und in Zwangsarbeitslager gesperrt.

 

Justizhäftlinge

Leider gibt es bis heute keine Forschungsarbeit über die Justizanstalten in Österreich. Über Umfang und Art des Arbeitseinsatzes von Justizhäftlingen ist daher nichts bekannt.

 

Inländer- und AusländerInnen in „Arbeitserziehungslagern“

Über die in Österreich gelegenen „Arbeitserziehungslager“ (z. B. in Oberlanzendorf, Reichenau, Weyer) ist ebenfalls sehr wenig bekannt. Ihre Hauptaufgabe war die Disziplinierung der inländischen, insbesondere aber der ausländischen Arbeitskräfte. Die Haftzeit der von der Gestapo Eingewiesenen betrug einige Wochen bis Monate, bevor sie wieder an ihre alten Arbeitsplätze zurückkehren mussten. Aufgrund der großen Fluktuation kann die Zahl der von „Arbeitserziehungshaft“ betroffenen Menschen nach heutigem Forschungsstand noch nicht geschätzt werden.

 

Zivile AusländerInnen, von Nationalsozialisten als „Fremdarbeiter“ bezeichnet

Diese bildeten die bei weitem größte Gruppe der ZwangsarbeiterInnen auf österreichischem Gebiet. Auch bei dieser Gruppe dürfte es eine gewisse Fluktuation durch Flucht, Einweisung in Konzentrationslager und bis 1943 Abschiebung der Kranken in die Heimatländer gegeben haben. Trotz der sich ununterbrochen ändernden Erhebungsmethoden und der sich nicht mit den heutigen Bundesländern deckenden Gaugrenzen kann die Dimension der „Fremdarbeiter“beschäftigung in Österreich anhand von NS-Statistiken einigermaßen klar angegeben werden.

 

Anzahl der zivilen AusländerInen („Fremdarbeiter“) in der „Ostmark“:3

25. 4. 1941 128.730

10. 7. 1942 302.464

15. 11. 1943 527.590

30. 9. 1944 580.640

Der Anteil der AusländerInnen in Österreich war Ende 1943 mit durchschnittlich 23,1% wesentlich höher als im Deutschen Reich (19,7%). Er stieg bis Herbst 1944 auf 25,3% aller Beschäftigten, während der Anteil der AusländerInnen im Deutschen Reich 20,5% betrug.

 

KZ-Häftlinge

Das nahe Linz gelegene Doppellager Mauthausen/Gusen entwickelte sich von 1938 bzw. 1940 bis zur Befreiung von einem Mordlager mit Steinbruch zu einem komplexen, arbeitsteiligen, für Zehntausende Häftlinge tödlichen Netz von Lagern. Die erste Aufgabe dieses Konzentrationslagerkomplexes war vorwiegend die Vernichtung der politisch-ideologischen Gegner. Produktive Arbeit in den Granitsteinbrüchen hatte demgegenüber zunächst untergeordnete Bedeutung. Die Sterblichkeit unter den Häftlingen war bis 1942 eine der höchsten der Konzentrationslager innerhalb des Deutschen Reiches. Wie im gesamten KZ-System kam es auch im Lagerkomplex Mauthausen 1943 zu einer Funktionserweiterung. Nun stand nicht mehr nur der Mord an vermeintlichen oder tatsächlichen Gegnern des Nationalsozialismus im Mittelpunkt, vielmehr sollte auch die Arbeitskraft der Häftlinge möglichst produktiv genutzt werden. Diese Veränderung des KZ-Systems war durch den immer eklatanter werdenden Arbeitskräftemangel der deutschen Kriegswirtschaft erzwungen worden. Infolge dieser Politik stieg auch in Mauthausen/Gusen und Außenlagern die Zahl der Häftlinge von ca. 14.000 Personen Anfang 1943 auf die doppelte Zahl Anfang 1944 und auf ca. 73.000 im Oktober 1944.

Die aus fast allen Ländern Europas stammenden Häftlinge des KZ Mauthausen wurden von den einweisenden Behörden und der SS verschiendenen Häftlingskategorien zugeteilt (Geistliche, § 175-Häftlinge (Homosexuelle), Bibelforscher (Zeugen Jehovas), Zigeuner, Wehrmachtsangehörige, Asoziale, Befristete Vorbeugehäftlinge, Spanier,

Sicherheitsverwahrungshäftlinge, sowjetische Kriegsgefangene, Juden, russische Zivilarbeiter, politische Schutzhäftlinge) und dadurch zahlenmäßig erfasst.

 

Anzahl männlicher Häftlinge im KZ Mauthausen und Außenlagern:

15. 3. 1944 32.006

15. 3. 1945 82.486

 

Die Gesamtzahl der Zwangsarbeit leistenden KZ-Häftlinge war allerdings wesentlich höher als die genannten Zahlen, da einerseits die durchschnittliche Überlebensdauer sehr gering war (die Gesamtzahl der Toten in Mauthausen und seinen Außenlagern belief sich auf über 100.000) und andererseits nach dem 15. März 1945 noch zehntausende Häftlinge neu in das Lager kamen.

 

Kriegsgefangene

Schon Ende 1939 trafen die ersten Gruppen von Kriegsgefangenen in Österreich ein. Ihre Zahl unterlag starken Schwankungen.(4)

10. 9. 1940 107.413

1. 9. 1941 149.129

1. 6. 1942 165.367

1. 6. 1943 154.275

1. 12. 1944 182.337

 

Je nach Nationalität und militärischem Rang wurden die Kriegsgefangenen unterschiedlich behandelt, die sowjetischen Kriegsgefangenen entsprechend der rassistischen Hierarchie der Nationalsozialisten grundsätzlich am schlechtesten, z. T. wurden sie systematisch ermordet. Nach NS-Ansicht unterlagen sie, wie auch die italienischen Militärinternierten, nicht den Bestimmungen der Genfer Konvention von 1929, die nur für Mannschaften Arbeitspflicht vorsah und niemals in der Rüstungsindustrie. Die Kriegsgefangenen anderer Nationalitäten wurden z. T. aus diesem Status entlassen, aber sofort als „Fremdarbeiter“ unter Anwendung eines je nach Nationalität unterschiedlich diskriminierenden Sonderrechtes dienstverpflichtet. Der Statuswechsel konnte im Einzelfall eine Besserung der Situation bedeuten, es drohte aber immer die Gefahr, dass sie bei Unbotmäßigkeit eine besonders brutale Behandlung in einem Arbeitserziehungslager erfuhren oder bei größeren Verstößen gegen die zahlreichen reglementierenden Vorschriften in ein Konzentrationslager eingeliefert wurden.

Ungarische Juden und Jüdinnen in Judenlagern in Wien, Niederösterreich, Burgenland und der Steiermark.Die ersten großen Gruppen ungarischer Juden wurden 1944 nach Österreich gebracht. Über 15.000 wurden in ein Lager in Straßhof deportiert. Von dort kamen ca. 6000 Juden nach Wien, wo sie, von SS und Gestapo bewacht, Zwangsarbeit leisten mussten. Sie arbeiteten bei städtischen Wirtschaftsbetrieben, bei der Räumung von durch Bombenangriffe zerstörten Häusern, führten landwirtschaftliche Arbeiten aus und arbeiteten in kleineren Gruppen in einer Reihe von Klein- und Großbetrieben. Weitere 9000 der ungarischen Juden aus Straßhof wurden im Reichsgau Niederdonau und Steiermark auf 175 Lager verteilt, wo sie bei über 250 Arbeitgebern Zwangsarbeit verrichteten.

Ca. 50.000 ungarische Juden wurden im November 1944 in Fußmärschen von Budapest nach Österreich getrieben und in 54 Lagern entlang der ungarischen Grenze untergebracht. Sie mussten beim Bau des sog. „Südostwalls“ arbeiten. Ein Teil kam in die Ende Dezember/Anfang Jänner 1945 neu eingerichteten Lager Felixdorf und Lichtenwörth, wo sie nicht nur bei Schanzarbeiten, sondern auch bei verschiedenen Betrieben arbeiten sollten. Ein Großteil der ungarischen Juden, Männer, Frauen und Kinder, wurde vor Herannahen der sowjetischen Streitkräfte in Todesmärschen nach Mauthausen und Gunskirchen getrieben. Dabei kamen 15.000 bis 18.000 Menschen ums Leben.

 

Florian Freund, Historiker, Mitglied der Historikerkommission

der Republik Österreich, Wien.

 

Zitierte Literatur:

(1) „Von NS-Zwangsarbeit ist dann zu sprechen, wenn außerökonomischer Zwang ausschlaggebend dafür war, dass eine Person arbeitete und zwar unabhängig von ihrer Profession und Tauglichkeit, sondern alleine abhängig von ihrer Herkunft (national, religiös) und von Zwangsarbeit ist auch dann zu sprechen, wenn diskriminierende arbeitsrechtliche Sonderbedingungen geschaffen wurden, die eine definierte Gruppe von Menschen bei Strafe zur Arbeit anhielten.“ Freund, Florian/Perz, Bertrand, Die Zahlenentwicklung der ausländischen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen auf dem Gebiet der Republik Österreich 1939 – 1945. Gutachten im Auftrag der Historikerkommission der Republik Österreich, Wien 2000.

(2) Gruner, Wolf, Zwangsarbeit und Verfolgung. Österreichische Juden im NS-Staat 1938 – 1945, Innsbruck/Wien/München 2000

(3) Freund/Perz, ebda. S. 24.

(4) Freund/Perz, ebda. S. 116.