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Ausgabe 4/00


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Zwangsabtreibungen an Ostarbeiterinnen

Frauenspezifische Diskriminierungen im System der NS-Zwangsarbeit

 

Man stößt an Grenzen, um das Ausmaß der Unterdrückung im Nationalsozialismus differenziert nachzuvollziehen. Der ordnende Blick verführt zu Vereinheitlichung. In den Diskussionen um die Entschädigungszahlungen für Zwangsarbeit offenbarte sich ein derartiges Manko: die Lebensbedingungen von Männern und Frauen.1

Für das Rüstungsindustriedreieck Linz-St.Valentin-Steyr wurden zigtausende Zwangsarbeiter/innen verschleppt. Jede/r dritte Erwerbstätige im Einzugsbereich des Arbeitsamtes Linz war 1943 Ausländer/in. Die meisten kamen aus der Sowjetunion und wurden „Ostarbeiter/innen“ genannt. Nach Juden, Roma, Sinti und KZ-Häftlingen standen sie, als ,slawische Untermenschen‘ diffamiert, auf der untersten Stufe der rassistischen NS-Hierarchie. Angesichts der kriegsbedingt reduzierten männlichen Bevölkerung gerieten Ausländer zur potentiellen Gefahr für die ,Reinheit‘ der deutschen Frau. In der sexualpolitischen Begegnung dieses Problems zeigte sich die „Patenstadt des Führers“ dem Deutschen Reich einen Schritt voraus: das

erste Bordell für ausländische Männer wurde 1940 in Linz eingerichtet.

 

 

… dass sie schwanger werden

 

Diese Problematik stellte sich bei den Zwangsarbeiterinnen nicht – sie galten als asexuelle Wesen. Durch den Verlust von Familie, Sprache, Kultur vereinsamt und die Kennzeichnung „Ost“ degradiert, suchten diese jungen Frauen die Verlorenheit in der Fremde mit Geborgenheit und Liebe zu bannen. Im Juli 1942 alarmierte August Eigruber, Gauleiter Oberdonau, den Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei Heinrich Himmler: „Ich habe im Gau Oberdonau Tausende von Ausländerinnen und mache nun die Feststellung, dass diese ausländischen Arbeiterinnen … schwanger werden“.2 Den NS-Apparat traf diese Situation unvorbereitet. Klar war nur: die Arbeitskraft Frau durfte nicht vermindert werden.

Die schwangeren Ostarbeiterinnen wurden in die „Frauenklinik des Reichsgaues Oberdonau“, wie die Landesfrauenklinik damals hieß, eingeliefert. Eine eigens mit 40 Betten versehene „Ostarbeiterinnen-Baracke“ wurde im Anstaltsgarten errichtet.3 Die Landesfrauenklinik erfüllte eine der Soll-Bestimmungen zur Einrichtung solch spezieller Abteilungen: ihre Hebammen-Schule sollte die als ,minderwertig‘ klassifizierten Gebärenden zu Übungszwecken nutzen. Seit Mai 1943 bekam die „Ostarbeiterinnen-

Baracke“ eine weitere Funktion: die schwangeren Zwangsarbeiterinnen sollten nicht nur gebären, sondern auch abtreiben.

 

 

frauenverachtende Doppelmoral

 

Die frauenverachtende Doppelmoral des NS-Staates wird in der Gesetzgebung offensichtlich.4 Seit März 1943 fiel die Durchführung eines Schwangerschaftsabbruches an deutschen Frauen unter die Todesstrafe. Für schwangere Ostarbeiterinnen und Polinnen lag es – nach der verpflichtenden Meldung der Schwangerschaft – auch in der Macht ihrer Arbeitgeber/innen, dem Arbeitsamt oder der Polizei, den Abbruch zu beantragen. Die „Anordnung zum Schwangerschaftsabbruch“ entschieden zwei Linzer Ärzte, die als Gutachter der Ärztekammer fungierten. Die komplexe Zwangssituation relativiert jede Andeutung von ,Entscheidungsfreiheit‘.

Tamara P., 20 Jahre, aus Stalino, 5-monatige Schwangerschaft: „Über Anordnung der Gutachterstelle Schwangerschaftsunterbrechung“; Paraska K., 18 Jahre, aus Charkow, 6-7. Monat schwanger: „Zur

Schwangerschaftsunterbrechung eingewiesen“ usw. usw.

Von Mai 1944 bis Februar 1945, also in zehn Monaten, wurden 719 Frauen zur Abtreibung in die Landesfrauenklinik eingewiesen. Während drei Monaten – bis die Evakuierung der Baracke nach Bad Hall im Februar 1944 abgeschlossen war – hatten die Abtreibungen im Allgemeinen Krankenhaus in Linz stattgefunden. Ansonsten fanden dort vereinzelt Geburten und Schwangerschaftsabbrüche bei Zwangsarbeiterinnen statt.

Während in Deutschland einzelne Ärzte bekannt sind, die Abtreibungen an Zwangsarbeiterinnen zu verhindern suchten – und dafür nicht bestraft wurden5 –, konnten derartige Bemühungen in der Ärzteschaft beider Linzer Krankenhäuser bislang keine Spuren gefunden werden. Die vielen Abbrüche von „normal verlaufenden“ Schwangerschaften auch im 5. bis in das 7. Monat bei diesen entrechteten Frauen, lässt die Durchführenden vielmehr als willige ExekutorInnen der menschenverachtenden NS-Bevölkerungspolitik erscheinen.

 

 

 …drohen verdrängt zu werden

 

Frauen bei den Diskussionen rund um die Entschädigungszahlungen schlicht unter „Zwangsarbeiter“ zu subsumieren, hieße, sie nicht sie zu integrieren. In vertrauter Schein-Geschlechtsneutralität dominiert ein männliches Bild von „Zwangsarbeit“ und die frauenspezifischen Diskriminierungen – wovon die Zwangs/Abtreibung nur eine darstellt – drohen vergessen und verdrängt zu werden. Deswegen ist die symbolische Wiedergutmachung für Zwangsarbeiterinnen, die geboren oder abgetrieben haben, voller Wirkungsmacht: damit die ,allgemeine‘ Geschichte der Zwangsarbeit weder verzerrt noch lückenhaft rezipiert und diskutiert wird.

 

Gabriela Hauch, Univ-Prof. für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der Johannes Kepler Universität Linz, Mitglied der Historikerkommission.

 

Zitierte Literatur:

1 Dieser Artikel erschien in modifizierter Form in: Oberösterreichische Nachrichten, 8. 9. 2000, 7. Weitere Publikationen der Autorin zum Themenbereich „Geschlecht der Zwangsarbeit“ in: Zwangsarbeiterinnen und ihre Kinder. Zum Geschlecht der Zwangsarbeit in den Hermann Göring Werken/Linz, in: Rathkolb, Oliver (Hg.), Zwangsarbeit in den Hermann Göring Werken, Standort Linz, 2001, und:

Ostarbeiterinnen, in: Mayerhofer, Fritz/Schuster, Walter (Hg.), Nationalsozialismus in Linz, 2001.

2 Deutsches Bundesarchiv, Berlin (BA), NS 19 – 3596.

3 BA, NS 19 – 3596. Bohdanowitz, Franz Xaver, Ein Jubiläum der Frauenklinik des Reichsgaues Oberdonau. Zeitschrift für das Gesamte Krankenhauswesen 1943, Heft 21-22.

4 Sachse, Carola, Das nationalsozialistische Mutterschutzgesetz. Eine Strategie zur Rationalisierung des weiblichen Arbeitsvermögens im Zweiten Weltkrieg, in: Rationale Beziehungen? Geschlechterverhältnisse im Rationalisierungsprozess, Frankfurt a.M. 1993, 270-294.

Garn, Michaela, Zwangsabtreibung und Abtreibungsverbot. Zur Gutachterstelle der Hamburger Ärztekammer, in: Ebbinghaus, Angelika/Kaupen-Haas, Heidrun/Roth, Karl-Heinz (Hg.), Heilen und Vernichten im Mustergau Hamburg. Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik im Dritten Reich, Hamburg 1984, 37-40.

5 Ein Beispiel in Nordrhein-Westfalen: Schwarze, Gisela, Kinder, die nicht zählten. Ostarbeiterinnen und ihre Kinder im Zweiten Weltkrieg, Essen 1997, 147; ein weiteres in Celle, Ost-Hannover: Reiterer, Raimond, Unerwünschter Nachwuchs. Schwangerschaftsabbrüche bei ,fremdvölkischen‘ Frauen im NSDAP-Gau Ost-Hannover, in: Dachauer Hefte 4 (1988), 233-236.