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Ausgabe 4/00


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„Zahlen nicht für alles“

Vergangenheitsbewältiung. Maria Schaumayer

 

Maria Schaumayer, Regierungsbeauftragte für NS-Zwangsarbeit und ehemalige Nationalbankpräsidentin, über Gerechtigkeit für Opfer und

Täter und  ihre Erinnerungen an das NS-Regime .

 

FALTER: Frau Schaumayer, waren die Gespräche mit den NS-Opfervertretern die heikelsten Ihrer Karriere?

Schaumayer: Es waren die anspruchsvollsten, weil es auf der einen Seite um Menschenschicksale ging, auf der anderen Seite um völkerrechtliche Belange und Rechtsfragen, mit denen ich mich erst vertraut machen musste. Die größte Herausforderung war, eine Struktur zu finden, damit die betagten, sich meist in schlechtem gesundheitlichem Zustand befindlichen Opfer nicht untunlich warten müssen.

 

FALTER: Gab es einen Punkt, an dem die Verhandlungen am Kippen waren?

Schaumayer: Eigentlich nicht. Es war höchst beglückend zu sehen, dass die Opfervertreter von Anfang an in Kenntnis darüber waren, dass aufgrund des österreichischen Staatsvertrages jede Leistung, die Österreich erbringt, eine freiwillige Leistung ist.

 

FALTER: Sie sprechen stets von 150.000 Leistungsberechtigten, die Historikerkommission kommt aber auf 240.000 überlebende Zwangsarbeiter. Warum bekommen nicht alle etwas?

Schaumayer: Die Historiker haben nur eine Schätzung nach demographischen und versicherungsmathematischen Wahrscheinlichkeiten angestellt, wobei man sich leider vor Augen halten muss, dass die lange kommunistische Herrschaft im ehemaligen Ostblock nicht zur Verlängerung des Lebens der Bürger beigetragen hat. In der Zahl der Historikerkommission sind auch alle Kriegsgefangenen und KZ-Insassen, die gegenüber Deutschland anspruchsberechtigt sind, enthalten. Ebenso Zivilarbeiter, die nicht den gleichen Diskriminierungen ausgesetzt waren wie jene Zwangsarbeiter, die durch unser Versöhnungsfondsgesetz nun erfasst werden. Wenn man diese Gruppen abzieht, dann sind 150.000 eine realistische Größe. Durch den Gesamtbetrag von sechs Mrd. Schilling werden die Ansprüche abgegolten.

 

FALTER: Sowjetische Kriegsgefangene, die im Deutschen Reich Zwangsarbeit leisteten, wurden besonders brutal behandelt. Warum werden jene, die das überlebten, nicht entschädigt?

Schaumayer: Kriegsgefangene unterliegen besonderen völkerrechtlichen Vorkehrungen. Weder das deutsche noch das sowjetische Regime haben sich immer daran gehalten. Es waren genug österreichische Kriegsgefangene in Sibirien unter schrecklichen Umständen zur Zwangsarbeit eingesetzt.

 

FALTER: Überfallen hat aber das Deutsche Reich die Sowjetunion.

Schaumayer: Das ist eine sehr heikle Geschichte, aus der sich Österreich

eigentlich heraushalten kann, denn Österreich hat als Staat in diesen Jahren ja nicht existiert. Wir haben nur das Schicksal geteilt.

 

FALTER: Gibt es politische Gründe, dass man diese Frage nicht anpackt?

Schaumayer: Nein, das sind rechtliche Gründe. Wer gegen die Genfer Konvention verstößt, kann leider weder zur Verantwortung gezogen werden, noch können die Opfer entschädigt werden.

 

FALTER: Aber es gehe in der Entschädigungsfrage ja um eine Geste, wird immer betont.

Schaumayer: Nein, da kommt man in Teufels Küche. Da glaubt man, Gerechtigkeit zu schaffen, und würde ungeheures neues Unrecht schaffen. Viele Spätheimkehrer sind erst nach dem Staatsvertrag mit den letzten Transporten aus der Sowjetunion zurückgekommen. Wenn Sie die Bilder vom Portisch in Erinnerung haben – die waren in keiner Urlaubssituation.

 

FALTER: Anderer Kritikpunkt: Ehem. KZ-Insassen können ausschließlich in Deutschland ansuchen. Laufen alte Menschen da nicht Gefahr, hin und her geschickt zuwerden?

Schaumayer: Ob man den Brief nach Wien oder Berlin schreibt, ist kein großer Unterschied.. Außerdem muss ich Ihnen schon mit aller Deutlichkeit sagen: Österreich hat nicht existiert. Deutschland hat als kriegsführender Staat schon vor Jahrzehnten die Verantwortung für alle Konzentrationslager übernommen. Und das ist gerecht: Österreich hätte nie Vernichtungslager dieser Art errichtet.

 

FALTER: Es waren auch Österreicher am Bau beteiligt.

Schaumayer: Wenn, dann aber nicht aus eigenem Antrieb, sondern über reichsdeutsche Weisung.

 

FALTER: Firmen wie Steyr-Daimler-Puch haben auch in Niederlassungen in den besetzten Gebieten Zwangsarbeiter beschäftigt. Warum fallen diese Menschen nicht unter das Versöhnungsfondsgesetz?

Schaumayer: Die besetzten Gebiete werden von Deutschland übernommen, weil es deutsche Niederlassungen waren. Eigentlich waren es ja auch auf österreichischem Gebiet deutsche Dependancen. Nur: Für alles wird das kleine Österreich nicht freiwillig zahlen.

 

FALTER: Ohne Druck aus dem Ausland auf die Regierung wäre die Vereinbarung wohl nicht so schnell zustande gekommen. War Haider für ihre Tätigkeit hilfreich?

Schaumayer: Also, entschuldigen Sie, für die Geschwindigkeit der Aktion nehmen mein Team und ich die Lorbeeren selbst in Anspruch. Das hat mit Doktor Haider nichts zu tun. Die Sammelklagen gegen die österreichischen Firmen wurden ja bereits 1998 unter der alten Regierung eingebracht. Als daraufhin die Historikerkommission eingesetzt wurde, war es nur logisch, dass ein Kapitel nach dem anderen auf den Tisch kommt. Ob es mit der alten Koalition auch so schnell gegangen wäre, weiß ich allerdings nicht. Denn die hätte schon 1998 handeln können. Erst die neue Regierung hat mir das Angebot unterbreitet, die Zwangsarbeiterfrage zu betreuen.

 

FALTER: Warum haben Sie angenommen?

Schaumayer: Einen Auftrag dieser Art würde man ohne jeden Bezug zu diesem Thema nicht annehmen. Ich stamme aus einer politisch verfolgten Familie, wenn auch nicht aus rassischen Gründen, sondern wegen unseres Katholizismus. Mein Vater wurde von der Gestapo eingesperrt und verlor seine Existenz. Wer die Schrecknisse des NS-Regimes, wenngleich durch die Kindlichkeit gemildert, erlebt hat, stellt sich der Aufgabe.

 

FALTER: Wie haben Sie die NS-Zeit erlebt?

Schaumayer: Die schrecklichste Erinnerung ist der Marsch der ungarischen Juden, die nach dem Südostwallbau durch die Steiermark gehetzt wurden. Ich war damals zwölf und lebte in Fürstenfeld. Unerlaubterweise war ich in der Dämmerung Milch holen bei einem Bauern. Da sah ich sie: Jammergestalten, die mit Gewehrläufen getrieben wurden.

 

FALTER: Haben Sie durch Ihre jetzige Tätigkeit eine neue Perspektive auf Österreichs Umgang mit der Vergangenheit gewonnen?

Schaumayer: Die neue Perspektive ist die, dass die junge Generation heute zu etwas zu unbarmherzigen Urteilen über die Vergangenheit neigt. Verständlicherweise – weil eben seit 55 Jahren Frieden herrscht. Diese Generation vergisst, dass die politische Information damals nicht über profil, Falter oder Fernsehen verbreitet worden war. Der Völkische Beobachter war so ziemlich das einzige Blattl, auch wenn man es eh nicht gelesen hat. Feindsender zu hören, war mit Todesstrafe bedroht. Das ist heute alles schwer vorzustellen. Deshalb schmerzt es manchmal, wenn herzlos darüber geurteilt wird, dass eben nicht alle Österreicher im Widerstand waren.

 

FALTER: Die meiste Kritik richtet sich ja gegen den Umgang mit der

NS-Vergangenheit in der 2. Republik.

Schaumayer: Wir waren 1945 in Trümmern. Und die russische Besatzungsmacht ging mit unseren Menschen auch nicht sehr nobel um. Aber im ersten Moment, als beim Ungarnaufstand 1956 unsere Hilfsbereitschaft gefordert war, haben wir von drei Decken, die wir besaßen, zwei gespendet. Die Mitmenschlichkeit der Österreicher ist großartig.

 

FALTER: Nicht was den Umgang mit ehem. jüdischem Vermögen betrifft.

Schaumayer: Österreich war 1945 kein reiches Land. Im ersten Nationalrat 1945 waren 60 Prozent der Abgeordneten ehem. KZ-Insassen. Die konnten sich nicht als Täter empfinden. Die haben sich darauf konzentriert, nicht jene Gräben, die der Bürgerkrieg der Dreißigerjahre bei uns im Lande aufgerissen hat, wieder entstehen zu lassen. Mit den NS-Verbrechen ist im Übrigen härter als in Deutschland umgegangen worden.

 

FALTER: Das ist historisch nicht haltbar.

Schaumayer: Doch. Deutschland ist bereits 1955 der NATO beigetreten. Ab diesem Zeitpunkt wurde über die NS-Vergangenheit nicht mehr gesprochen. Man soll zwar nicht abwägen: Aber die Behauptung, dass wir nichts getan hätten, ist Holler. Wir haben sieben Rückstellungsgesetze nicht nur beschlossen, sondern auch durchgeführt.

 

FALTER: Historiker meinen, dass dabei nicht immer alles einwandfrei abgelaufen sei.

Schaumayer: Das muss man sich alles sorgfältig ansehen. Und diese Bereitschaft ist da.

 

FALTER: Ist der Arisierungsbrocken größer als das Zwangsarbeitsproblem?

Schaumayer: Ich glaube nicht. Es werden nicht allzu viele Lücken da sein.

 

Gerald John, Politik-Ressort, aus: „Falter“ 21/00, S. 8.