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Ausgabe 4/00


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Fern der Heimat: OstarbeiterInnen in Graz

Rund eine Viertel Million sowjetischer Zivilisten kam während des Zweiten Weltkrieges auf dem Gebiet des heutigen Österreich bei Zwangsarbeit zum Arbeitseinsatz. Von den Nationalsozialisten „Ostarbeiter“ genannt, befanden sich etwa 50.000 dieser häufig nicht einmal zwanzigjährigen Männer und Frauen in den Reichsgauen Kärnten und Steiermark. Somit stammte jeder dritte ausländische „Fremd“- oder Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion.

 

 

„ohne Sentimentalitäten“

 

Im zweiten Kriegsjahr mit der Sowjetunion, 1942, nahmen die Verschleppungen von sowjetischen Zivilisten in das Dritte Reich gewaltige Ausmaße an. Mit Einsetzung Fritz Sauckels – in der Literatur oftmals als „der oberste Sklavenfänger“ bezeichnet – zum Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz wurde den Massendeportationen ein umfangreiches Organisationsnetz zugrundegelegt. In Polen und der Westukraine entstanden zahlreiche Quarantänelager zur Desinfektion der vorwiegend 14 bis 20-jährigen „Ostarbeiter“. Nach tage- bzw. wochenlangen Fahrten konnten die Burschen und Mädchen erstmals den Zug verlassen, bekamen eine Mahlzeit und wurden unter meist unmenschlichen Bedingungen entlaust sowie medizinisch untersucht. „Ohne Sentimentalitäten …“ charakterisierte Sauckel seine Einstellung gegenüber den „Ostarbeitern“.

 

Nach der „Desinfektion“ erhielten die Zwangsverschleppten neue Einheitskleidung aus dünnem Stoff. Anstelle ihrer Schuhe bekamen sie Holzpantoffel ausgehändigt. Auf die Ausgabe von Unterwäsche wurde verzichtet, da sie, wie es in deutschen Dokumenten hieß, „den Russen kaum bekannt und ungewohnt wäre“. Anschließend wurden die jungen Leute wieder in die Waggons getrieben, die Türen abgeriegelt und  weiter Richtung Westen geschickt.

Neu ankommende Zwangsarbeiter in der „Südmark“, die Reichsgaue Kärnten und Steiermark, wurden üblicherweise zunächst durch Auffanglager in Graz oder in Spittal/Drau geschleust. Hier mussten sie Tage, oft Wochen warten.

 

 

Wirtschaftsfaktor Zwangsarbeit

 

Zum Teil kamen die Arbeitgeber direkt zu einem dieser Lager, um sich hier die dringend benötigten und billigen Arbeitskräfte auszusuchen. Die zurückgelassenen Zwangsarbeiter wurden in größere Gruppen zusammengefasst und in Bezirksstädte weitertransportiert. Nach einer Registrierung am Arbeitsamt hatten sie auf den Marktplatz zu gehen, wo bereits die künftigen Arbeitgeber auf sie warteten. Diese Art der Auslese haben die meisten Überlebenden als „Sklavenmarkt“ in Erinnerung.

Den „Ostarbeitern“ entging auch nicht, dass man sie in der Tat wie Ware behandelte. Vor ihren Augen bezahlten die Bauern für die Arbeitskräfte. Vladimir A. erinnert sich, dass jeder Bauer 100 Mark für einen Arbeiter bezahlte. Marija N. aus Vinnica berichtet hingegen von zwölf Mark, die ein Bauer für sie auf dem „Sklavenmarkt“ in Judenburg zahlte. Eine weitere Zeitzeugin aus der Ukraine, Ljubova G., weiß von lediglich 20 Mark, die sie „gekostet“ haben soll.

In der Gauhauptstadt Graz selbst kamen Tausende ausländischer Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in unterschiedlichsten Wirtschaftsbereichen zum Einsatz: in der Landwirtschaft, in Haushalten, bei der Reichsbahn, im öffentlichen Dienst, in Gewerbe- und Industriebetrieben. Allein zehn der insgesamt 23 zu Kriegsbeginn in der Steiermark zu „Rüstungsbetrieben“ erklärten Firmen befanden sich in Graz, darunter die Maschinenfabrik Andritz AG (Kranbau), Ludwig Binder (Metallbau), Steyr-Daimler-Puch (Fahrzeugbau, Motoren, Metallverarbeitung), Treiber & Co KG (Metallbau), die Grazer Waggonfabrik (Fahrzeugbau) oder Pengg-Walenta (Ketten). Sie alle setzten in den folgenden Jahren ausländische Zwangsarbeiter ein.

 

 

Reglementierung des Lebens

 

Aus rassisch-ideologischen Motiven mussten „Ostarbeiter“ ein blau-weißes Abzeichen „OST“ auf ihrer Kleidung tragen, durften ihr Lager meist nur zur Arbeit verlassen und sich weder in Gaststätten aufhalten noch öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Beziehungen zwischen Zwangsarbeitern und Ein- heimischen waren strengstens verboten und zogen für beide Seiten schwere Strafen nach sich. Verschiedene Merkblätter und Plakate riefen die Bevölkerung zur „Zurückhaltung“ gegenüber ausländischen Arbeitskräften auf: „Bedenke, dass der Feind auch in der Kriegsgefangenschaft der Feind bleibt und handle danach.“ Bereits so harmlose Gesten wie „Unter-einem-Schirm-Gehen“, oder der Verkauf von Fischsalat an einen sowjetischen Zwangsarbeiter in der Grazer Nordsee wurden als Übertretung nach § 4 der „Wehrkraftschutzverordnung“ geahndet. Strafkostenersatz und mehrmonatige Gefängnisstrafen konnten die Folge sein. Insgesamt 131 Österreicher verurteilte das Landesgericht für Strafsachen Graz zwischen 1941 und 1945 nach § 4, da sie wegen unterschiedlicher Kontakte zu Zwangsarbeitern das „gesunde Volksempfinden gröblich verletzt hatten“. Bei „Ostarbeitern“ wurden für sexuelle Kontakte mit einheimischen Frauen die Todesstrafe oder Einweisung in ein  Konzentrationslager verhängt.

Die Unterbringung der ausländischen Arbeitskräfte in Graz erfolgte in mehreren, unterschiedlich großen Lagereinrichtungen, die – wie in vielen Orten – jahrelang das Erscheinungsbild der Stadt prägten. Einige Betriebe wie die Treiber & Co KG oder Steyr-Daimler-Puch AG richteten für ihre Arbeiter firmeneigene Lager jeweils in der Nähe der Arbeitsstätten ein. Andere Lager beherbergten Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, die in den unterschiedlichsten Bereichen zum Einsatz kamen. Üblicherweise entstanden die Lager nach dem Muster der Reichsarbeitsdienstlager, deren längliche Baracken rund acht Meter breit und drei Meter hoch waren. Die im Inneren kaum abgeteilten Holzbauten standen meist auf Holzpfählen, selten verwendete man Betonfundamente.

Zu den größten Lagereinrichtungen im Graz der NS-Zeit zählte das zwischen Kasernstraße und linkem Murufer gelegene sogenannte Lager Liebenau, das ursprünglich im Jahre 1940 für umgesiedelte „Volksdeutsche“ entstanden war. Bereits ab Februar 1941 konnten in seinen 190 Holzbaracken mehr als 5000 Personen Unterkunft finden. 1943 enthielt es ein eigenes Kriegsgefangenenlager sowie ein dem Steyr-Daimler-Puch Werk unterstelltes „Frauenarbeits-“ bzw. „Zivilarbeiterlager“ Liebenau, die lediglich durch einen Draht voneinander getrennt waren. Hier wohnte von 1943 bis Kriegsende die damals erst 16-jährige russische „Ostarbeiterin“ Stella P., die in der Lagerküche arbeitete, Essen in die Fabriken brachte und die Baracken reinigte. Sie erinnert sich an die rassisch-ideologisch motivierte unterschiedliche Behandlung der beinahe zwanzig im Lager untergebrachten Nationalitäten.

Ungeachtet der unterschiedlichen Behandlung der einzelnen Nationalitäten und der strengen Verbote kam es immer wieder zu Liebesbeziehungen und auch Schwangerschaften im Lager. Einige der „Ostarbeiterinnen“ emigrierten daher nach Kriegsende nach Frankreich oder in die Tschechoslowakei, erzählt die heute in Moskau lebende Pensionistin. Aber auch an das Ende des Krieges, die Befreiung erinnert sie sich lebhaft: „Es gab furchtbare Bombardierungen. Wir versteckten uns im Wald, bis wir ins Lager zurückkehren konnten. […] Am 9. Mai 1945 kamen unsere Truppen nach Graz. Sie fuhren mit Panzern den Stacheldraht entlang und befreiten uns, gaben uns zu essen. Wir feierten den Sieg.“

 

 

Repression nach der Heimkehr

 

Jene ehemaligen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen, die in die Sowjetunion zurückkehrten, hatten, als „Vaterlandsverräter“ gebrandmarkt, unter jahrzehntelangen Verdächtigungen und vielfach Repressalien zu leiden. Viele von ihnen versuchten, ihren Zwangsaufenthalt in deutscher Hand möglichst zu verheimlichen. Selbst engste Freunde und Familienangehörige erfuhren häufig nichts von der Zeit als „Ostarbeiter“. Erst im Zuge der Perestrojka fand eine umfassende Rehabilitierung dieser „Opfer zweier totalitärer Systeme“ statt.

 

Peter Ruggenthaler, Barbara Stelzl-Marx, wissenschaftliche Mitarbeiter am Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung, Graz.

 

Literatur:

Ruggenthaler, Peter, „Ein Geschenk für den Führer.“ Die Massendeportationen sowjetischer Zivilisten zur Zwangsarbeit nach Kärnten und in die Steiermark unter besonderer Berücksichtigung des Ukrainer-Einsatzes in der Landwirtschaft. Diplomarbeit Graz 2000.

Stelzl-Marx, Barbara, Zwischen Fiktion und Zeitzeugenschaft. Amerikanische und sowjetische Kriegsgefangene im Stalag XVII B Krems-Gneixendorf. Tübingen 2000.

Erinnerungen der Anastasija V.

Anastasija V., damals 18 Jahre alt, erinnert sich noch genau an die Verschleppung von Zuhause. Gemeinsam mit ihrer um drei Jahre jüngeren Schwester wurde sie im September 1942 zur Bahnstation nach Saki auf der Krim transportiert. „Wir wurden aufgestellt, nicht wie Passagiere, sondern so, wie man Kühe transportiert.

Zu 40 Leuten, 40 aus unserem Dorf, Männer und Frauen. Man hat uns einen Eimer hingestellt. Wenn von uns Frauen eine musste – das heißt, wir Frauen stellten uns rund um den Eimer auf. Wenn die Männer, dann stellten sich die Männer auf. Man hat uns nirgends rausgelassen. Man warf uns ins Dunkel ein Brot. Wir haben es uns selbst geteilt, Männer und Frauen. Und wir fuhren weiter. […] In Polen ließ man uns raus. Männer und Frauen getrennt. Diese Momente sind so besonders schwierig.  Man hat uns völlig nackt ausgezogen. Dann in Zweierreihen aufgestellt. Große Fässer mit irgendeiner Flüssigkeit wurden aufgestellt. So ein langer Stock lag da. Am Stock hingen Lappen. […] Daneben standen die Soldaten, die deutschen. Sie haben auf uns geschaut und gelacht. Man führte uns zu diesen Fässern, diese Lappen wurden eingetaucht – und auf den Kopf. Es tränte in den Augen.“