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Ausgabe 4/00


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Agosto Giorgio: „Zumindest erinnert man sich an uns“

„Vorläufiger Fremdenpass“ steht auf dem Ausweis zu lesen. Name des Inhabers: Agosto Giorgio. Ausgestellt wurde er am 16. 10. 1944 in Baden, Niederösterreich.

 

Das Dokument verlieh die „Erlaubnis“, sich für zwei Jahre im Reichsgebiet aufzuhalten. Sein Besitzer wurde durch Foto nebst „Personenbeschreibung“ identifiziert – Staatsangehörigkeit: Italiener; Beruf: Bauer; „Wohnung oder Aufenthaltsort“: mehrfach durchgestrichen wurde Unter-Waltersd[orf], eine andere Ortsangabe lässt sich schwer entziffern. „N.D.“ für Niederdonau ist eindeutig.

Der Ausweis gehört einem Herrn, der heute in Buenos Aires lebt und vor einiger Zeit unser Büro in der Fundación Memoria del Holocausto aufsuchte. Er wolle sich informieren, weil er gehört habe, dass den ZwangsarbeiterInnen des Deutschen Reiches jetzt – nach bald 60 Jahren – eine Entschädigung bezahlt werden solle.

 

Italienischer Soldat: Giorgio wurde am 11. 11. 1920 in Modica auf Sizilien geboren. Er absolvierte eine technische Schule, deren Besuch durch den Beginn des Zweiten Weltkriegs unterbrochen wurde. Bereits 1939 zog man ihn zum italienischen Heer ein. Bis Oktober 1940 war er in Lybien und musste auch an Kampfhandlungen teilnehmen. Schließlich wurde nach Turin berufen wurde, um eine Ausbildung als Funker zu absolvieren. Im Februar 1941 wurde seine Truppe nach Albanien verschifft, in der Folge war er als Soldat der Besatzungsarmee in Griechenland stationiert.

 

Zwangsarbeiter: Als Italien im September 1943 kapitulierte, meinten Giorgio und seine Kameraden, der Krieg sei für sie beendet. Sie wollten schlicht nach Hause zurückkehren. Die deutschen Truppen dachten jedoch nicht daran, ihre ehemaligen Verbündeten einfach ziehen zu lassen. Giorgio wurde gemeinsam mit anderen italienischen Soldaten nach Belgrad transportiert, und im Spätherbst 1943 brachte man ihn mit einem Schiff nach Wien. Bis zu seiner Befreiung im Frühjahr 1945 musste er durch Zwangsarbeit zum Funktionieren der deutschen Kriegsmaschinerie beitragen. Die einzelnen Stationen seines „Aufenthaltes“ auf Reichsgebiet kann er nicht nennen, er weiß nur, dass es mehrere waren und dass sie sich auf dem Gebiet der heutigen Republik Österreich befanden. Einem am 20. Februar 1945 ausgestellten Arbeitsausweis, der zum Betreten des Firmengeländes „berechtigt“, kann man immerhin entnehmen, dass Giorgio zu diesem Zeitpunkt für die Firma „Erdmann Wühle“ in Theresienfeld, nahe Wiener Neustadt, arbeitete.

Auf die Frage, ob er in der Zeit seiner Zwangsarbeit misshandelt wurde, antwortet Giorgio, dass er im Unterschied zu anderen nie von den Aufsehern geschlagen worden, denn er sei ein fleißiger Arbeiter gewesen. Allerdings herrschte kein ziviler Umgangston, ständig wurden Befehle geschrieen: „Arbeiten!“, „Aufstehen!“

In besonders unangenehmer und lebhafter Erinnerung blieben ihm die Luftangriffe auf eine Munitionsfabrik, in der er arbeiten musste. Als Zwangsarbeiter befand er sich in der absurden Situation, dass er die Bombardements der Alliierten, denen er letztlich seine Befreiung verdankte, mehr fürchten musste als seine Bewacher.

 

Emigrant: Ende Mai 1945 war Giorgio wieder in Sizilien. 1950 emigrierte er nach Argentinien, wo er zuerst  im Hafen von Buenos Aires abeitete, später als Kassier einer Handelsfirma. Noch in Italien hatte er geheiratet. Seine Gattin emigrierte mit ihm gemeinsam. Sie planten eines Tages zurückzukehren, doch als Giorgios Frau 1984 nach langer Krankheit starb und er einige Zeit darauf ein zweites Mal heiratete, war klar, das er nie mehr zurückkehren werde.

Was er über die Zahlungen denkt, die Deutschland und Österreich nun leisten werden? Er habe aus Österreich weder eine Entschädigung erhalten, noch eine Entschuldigung gehört, weder vom Staat, noch von den Firmen. „Zumindest erinnert man sich an uns.“

 

(ok/jp)