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Ausgabe 4/00


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Charlotte Loring: „Verstandez-vous?“

Portraitserie zu BewohnerInnen des Anita Mueller Cohen Elternheim, Tel Aviv (1)

 

Von Zeit zu Zeit taucht sie auf, um der Enge ihres Zimmers und der Einsamkeit zu entkommen. Charlotte Loring lebt wie ein U-Boot im Elternheim. Im Zimmer steht ein Bett, ein kleiner Tisch und ein Heimfahrrad. An der Wand hängen vier oder fünf selbstgemalte Bilder, dunkle Landschaften mit toten Bäumen und einer Lichtstimmung wie kurz vor einem Gewitter. Dazwischen ein Selbstporträt, das eine selbstsichere und schöne Frau zeigt. Irgendwo liegen Farben und Papier, ein paar Pinsel, ein angefangenes Sandwich und ein leichter Liebesroman. Die ältere Klimaanlage dröhnt unangenehm laut. Der Raum scheint nur vorübergehend bewohnt zu sein so wie ein Hotelzimmer.. Hier wurde nicht eingerichtet oder für Gemütlichkeit gesorgt. Zu viele Möbel auf zuwenig Raum. Bei meinen Besuchen weiß ich nie, wo ich mich hinsetzen soll.

Frau Loring (geb. Wolfinger) kam 1915 in Wien auf die Welt und hat dort die Handelsschule absolviert. Die Zeit bis zur Flucht beschreibt sie trotz Jugend und Oper als eine Unglückliche; der sehr frühe Tod des Vaters und offener, spürbarer Antisemitismus schon im Schulalter veranlassen sie bereits 1937, nach England zu gehen. Ungeachtet schwierigster Umstände fühlt sie sich im Londoner Exil wohl.

Als überzeugte Zionistin zieht es sie nach dem Krieg und kurz vor dem Ende des englischen Mandats nach Palästina, um beim Aufbau des neuen Staates mitzuhelfen. Bis heute liest und spricht sie praktisch nur Deutsch und Englisch. Wie vielen ist ihr die hebräische Sprache völlig fremd geblieben ist. Diese Fremde ist jeden Tag im Geschäft, jeden Tag im Umgang mit dem Personal des Altersheim zu spüren. Eine Fremde, die dazu geführt hat, dass deutschsprachige, ja meist sogar „Österreicher“ und „Deutsche“ untereinander blieben und hier 60 Jahre gelebt haben, ohne die Landessprache zu beherrschen.

Sie hat keine Kinder und musste 1990 nach einer Erkrankung ins Altersheim. Meine Frage nach der Familie lässt eine längere Pause entstehen. Charlotte Loring will nicht darüber sprechen, sagt dann aber doch, alle verloren zu haben. Von fünf Geschwistern und der Mutter hat nur ein Bruder überlebt. Am tragischsten war die missglückte Flucht eines Bruders mit Kind, der, schon in Belgien, von der Gestapo eingeholt wurde.

Nie war sie wieder in Österreich. Ihre Geschichte und ihr Leid ist zu sehr auf die ehemalige Heimat bezogen. Die Erschütterung bleibt für sie unüberbrückbar. Daran hat sich in all der Zeit nichts geändert und die aktuelle politische Lage in Österreich vermittelt ihr stark den Eindruck es hätte sich nichts verändert.

Trotzdem zieht Frau Loring eine positive Lebensbilanz: „Eigentlich kann ich sagen, ich habe Glück gehabt im Leben, und auch mit Menschen … und so habe ich das geschafft; ich habe gelebt, zwar arm, aber nicht alleine, verstandez-vous?“

 

Lorenz Potocnik, ehem. Gedenkdienstleistender am Anita Mueller Cohen Elternheim, Tel Aviv.