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Ausgabe 4/00


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Telegramm

GD als Partner gefragt

 

Erstmals veranstaltete Gedenkdienst für eine außenstehende Organisation – in diesem Fall die Sozialistische Jugend Österreich– eine Studienreise nach Auschwitz. Vor Beginn der fünftägigen Studienfahrt, an der 27 junge Menschen aus ganz Österreich teilnahmen, fand in Wien am 6. Dezember 2000 ein Vorbereitungsabend statt, dessen Höhepunkt ein Zeitzeugengespräch mit Frau Ceija Stojka, selbst Auschwitzüberlebende, darstellte. Schwerpunkte des Programms der Studienfahrt waren die

Besichtigung der Lagerkomplexe

Auschwitz, Birkenau und Monowitz, Workshops zu den Themenbereichen „Industrie und Holocaust“, „Kunst und Holocaust“, „Jüdisches Oswiecim vor dem Weltkrieg – eine Spurensuche“ und „Die Selbstdarstellung der einzelnen Nationen im Rahmen der Länderausstellungen“. Kurzfristig hatte sich als Zeitzeuge in Auschwitz ein Überlebender des sog. Sonderkommandos , Herr Mandelbaum, angeboten. Er berichtete der Gruppe von seiner „Arbeit“ im Krematorium 5 und von den entsetzlichen Bedingungen, denen die Angehörigen des Sonderkommandos seitens der SS ausgesetzt waren. Trotz des äußerst dichten Programms waren die „freien“ Abende vor allem von Gesprächen, Reflexionen und Diskussionen unter den TeilnehmerInnen gekennzeichnet. Tief beeindruckt, sehr nachdenklich, fassungslos, wütend, traurig – so äußerten sich TeilnehmerInnen auf die Frage, was die Studienfahrt bei ihnen ausgelöst hätte. Andreas Kollross, Vorsitzender der Sozialistischen Jugend und selbst Teilnehmer, äußerte sich ebenfalls sehr positiv und meinte, er strebe für die Zukunft die Verwirklichung

weiterer Fahrten in Kooperation mit

Gedenkdienst an.

(fw)

 

 

Argentienien

 

Die institutionellen Kontakte zwischen Gedenkdienst und der Fundación

Memoria del Holocausto, an der seit drei Jahren Gedenkdienstleistende tätig sind, konnten Anfang November in Wien intensiviert werden. Monika Davidovits, Holocaust-Überlebende und Mitarbeiterin an der Fundación, war auf Besuch in Wien und unterstrich dabei die enorme Bedeutung von Gedenkdienst in Argentinien.

Sie betonte, dass eine Vielzahl von Projekten sowie Hilfestellungen für

Holocaust-Überlebende ohne die tatkräftige Unterstützung der österreichischen Freiwilligen nicht durchgeführt werden könnten. Besonders begrüßte Sie den Elan der beiden neuen Freiwilligen, die sich innerhalb weniger Monate voll in die Fundación integriert haben.

(sk)

 

 

"New York Marathon" anders

 

Einen New York Marathon der besonderen Art legten die beiden Gedenkdienstleistenden Sebastian Markt und Roland Winkler zurück. Seit Sommer haben Sie alle österreichischen Vertretungsbehörden im Raum New York besucht und Lobbying für Ihre Tätigkeit am Leo Baeck Institut betrieben.

Das Österreichische Kulturinstitut, das Generalkonsulat sowie der österreichische Botschafter bei den Vereinten Nationen waren erste Adressaten ihrer Info-Tour. Alle Gesprächspartner zeigten sich beeindruckt von der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschichte der österreichischen Emigration im Rahmen der Austrian Heritage Collection, die seit vier Jahren von Gedenkdienst betreut wird. Auch Hannah Lessing, Generalsekretärin des Nationalfonds der Republik Österreich, überzeugte sich Anfang September vor Ort über den Fortgang des Projekts.

(sk)

 

 

GD-Tagung

 

Eine breite wissenschaftliche Aufarbeitung der NS-Medizinverbrechen in Österreich begann erst in den letzten Jahren. Die Vorgänge in der Tötungsanstalt Hartheim bei Linz, wo ca. 30.000 Menschen den Tod fanden, wurden durch das umfassende Buch von Ernst Klee „Euthanasie im NS-Staat“ bekannt, lange bevor sich die österreichische Forschung für dieses Thema zu interessieren begann. William Seidelman von der medizinischen Fakultät in Toronto ist es zu verdanken, dass sich die Universität Wien nach langem Zögern mit der Verwendung von NS-Opfern als Forschungsobjekte in mehreren Uni-Instituten auseinanderzusetzen begann. Die ersten größeren Arbeiten über die Rolle der Wiener Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof bzw. über die Kinder-Euthanasieanstalt Am Spiegelgrund stammen von den beiden deutschen Dissertanten Susanne Mende und Matthias Dahl.

Der „Medizin ohne Menschlichkeit“ wie sie Alexander Mitscherlich bezeichnete, ging es aber nicht um euthanasia medica, d.h. Sterbehilfe. Es ging um Massenmord. Mediziner hatten begeistert die Aufgabe übernommen, den Volkskörper vom Schwachen, Kranken und Nutzlosen zu befreien. Statt des leidenden Individuums war die nationalsozialistische Volks- und Leistungsgemeinschaft zum Gegenstand politisierter Medizin und Psychiatrie geworden.

Die Nachkriegskarrieren der Täter – paradigmatisch am Beispiel Heinrich Gross – und die weitere Diskriminierung der Opfer der NS-Auslesemedizin weit über das Kriegsende hinaus werden weitere Themen der Tagung (S. S 8) sein. In der Nachkriegszeit wurden sie nicht als NS-Opfer anerkannt und waren von allen Formen der „Wiedergutmachung“ ausgeschlossen. Der Vorwurf der sog. Asozialität blieb bis weit in die 90-er Jahre bestehen. Erst durch die Gründung des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus wurden die Leiden zum ersten Mal moralisch und finanziell anerkannt.

Was sind die Lehren? Medizinische NS-Lehrfilme mit Patienten, die später in Euthanasieprogrammen ermordet wurden, wurden an medizinischen Fakultäten bis in die 80-er Jahre gezeigt. Täter blieben nicht nur unbehelligt, sondern konnten ungehindert ihre Karrieren fortsetzen. Die Gehirne der Opfer vom Spiegelgrund dienten jahrzehntelang wissenschaftlicher Forschung und sind bis heute nicht beigesetzt.

Die rasanten Fortschritte der neuen Fortpflanzungstechniken und die wieder laut werdenden Forderungen nach Freigabe der „Sterbehilfe“ verleihen der Epoche der NS-Medizin zusätzliche gesellschaftspolitische Brisanz.