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Ausgabe 1/01


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Kommentar und Editorial

„Gutgemeinte“ Argumente für Sterbehilfe – und was verbirgt sich dahinter?

 

Seit März 2001 sind die Niederlande das einzige Land der Welt, in dem Sterbehilfe oder „Tötung auf Verlangen“ gesetzlich vorgesehen ist. Ärzten, die schwerstkranke Patienten auf ihre Bitte hin töten, wird Straffreiheit zugesichert, soferne sie gewisse „Sorgfaltskriterien“ einhalten.Österreich ist von einer vergleichbaren Regelung weit entfernt. Die Kronen-Zeitung titelte zwar, eine Mehrheit der Österreicher wäre dafür; doch die Reaktion der Parteien und der Kirchen war eindeutig: Diskussion unerwünscht – ohne Zweifel die einfachste Methode, mit dem Problem umzugehen. Leider deutet vieles darauf hin, dass es sich bei der Ausweitung der Möglichkeiten medizinischer Tötung um einen weltweiten Trend handelt. Es lohnt sich durchaus, einen Blick auf die internationale Debatte zu werfen – umso mehr, als der Bezug auf die NS-Vergangenheit darin meist eine zentrale (und höchst umstrittene) Rolle spielt.Befürworter legaler Sterbehilfe versuchen in der Regel, dem Thema NS-Medizin auszuweichen. Michael Burleigh z. B., an sich ein besonnener Historiker des Nationalsozialismus, rückte unlängst jeden Versuch, unter Hinweis auf die NS-Vergangenheit zu argumentieren, in die Nähe des Gesinnungsterrors. Die historischen Unterschiede wären viel zu groß, um auch nur die entfernteste Analogie zu erlauben; in der aktuellen Diskussion ginge es vielmehr ausschließlich um das Recht des Individuums, über sich und seinen Tod zu entscheiden. Dieses zentrale Argument aller Befürworter erscheint auf den ersten Blick plausibel. Strenggenommen lässt sich daraus aber nicht mehr ableiten, als die Straffreiheit der Selbsttötung und allenfalls die Beihilfe dazu. Aus rein pragmatischer Sicht ist es fraglich, ob unter den Bedingungen extremer Abhängigkeit bei schwerer Krankheit überhaupt freie und unbeeinflusste Entscheidungen zustande kommen können.Die Argumentation der Gegner jeder Legalisierung lässt sich vereinfachend zusammenfassen: Abgesehen von religiösen Argumenten (die Heiligkeit des Lebens) berufen sie sich meist auf das Bild der „schiefen Ebene“: Auf jeden noch so bescheidenen und gut gemeinten Schritt in Richtung der Legalisierung der Sterbehilfe würden unweigerlich weitere folgen. Die Geschichte der NS-Euthanasie ist dafür das beste Beispiel: sie wurde ebenfalls anhand von Einzelfällen propagiert und anschließend auf immer neue Opfergruppen ausgedehnt. Die Kräfte, von denen auch in demokratischen Gesellschaften die Gefahr einer ständigen Ausweitung ausgeht, sind schwer zu leugnen: der ökonomischer Druck im allgemeinen Rationalisierungstaumel; aber auch die Versuchung von Angehörigen, Ärzten und Pflegepersonen, eine auch für sie belastende Situation „schmerzlos“ zu beenden.Wie jeder Vergleich, so hinkt auch der der „schiefen Ebene“ an einem wichtigen Punkt: Er suggeriert, dass diese Ebene allenfalls von einem Kollektiv betreten würde, und dass eventuelle Gefahren allen gleichermaßen drohen. Genau das ist nicht der Fall. Die nächsten Personengruppen, die von einer Ausweitung betroffen wären, lassen sich genau benennen. Es handelt sich um die schwächsten Mitglieder der menschlichen Gesellschaft, sog. „nicht-einwilligungsfähigen“ Patienten: behinderte Neugeborene, Alzheimer- und Komapatienten, psychisch Kranke …

 

Herwig CzechHistoriker, Arbeitsschwerpunkt NS-Medizin;

Mitarbeiter bei Gedenkdienst und des DÖW, Wien

Editorial

Liebe Leserin! Lieber Leser

 

Mit gewisser Regelmäßigkeit geraten aufmerksame Zeitgenossen immer wieder über die politische (Un)Kultur in Österreich ins Staunen. Gibt es doch öffentliche Vertreter unserer Gesellschaft, die so agieren und reden, als hätte in diesem Land nicht schon einmal die Verhetzung eines Teiles der Bevölkerung zu deren Vertreibung oder Ermordung geführt. Auch wenn der Versuch der FPÖ, mit antisemitischer Hetze auf Stimmenfang zu gehen, fehlgeschlagen ist, bleibt dennoch ein fahler Nachgeschmack übrig. Es fehlen sowohl die politischen Konsequenzen für diejenigen, die für diese Kampagne verantwortlich waren, als auch die klare Verurteilung durch alle (!) anderen Parteien gegen diese Form der Politik.

Willkommen in Österreich!Einem bisher kaum thematisierten Bereich der österreichischen NS-Geschichte widmet Gedenkdienst in diesem Frühjahr einen Schwerpunkt: NS-Medizin in Österreich. Die vorliegende Ausgabe versucht einen Überblick zur Geschichte der NS-Medizin zu geben und der Frage nachzugehen, weshalb gerade dieses Kapitel erst so spät aufgeschlagen wurde. Ergänzt wird unser Schwerpunkt durch unsere nächste Gedenkdienst-Tagung „Heilen und Töten – Zur Aktualität der nationalsozialistischen Medizinverbrechen in Österreich“, die von 25. bis 27. Mai 2001 in Salzburg stattfinden wird. Ich würde mich freuen, Sie dort begrüßen zu dürfen!Auch an Gedenkdienst sind die Spuren des Sparpakets nicht spurlos vorüber gegangen. Steigende Papier- und Versandgebühren machen es notwendig, den Preis für ein GEDENKDIENST-Abo nach drei Jahren anzuheben. Ab sofort kostet ein Jahresabo 200,– Schilling bzw. ein Förderabo 600,– Schilling. Ich hoffe, Sie halten uns dennoch die Treue und ermöglichen uns damit auch weiterhin ein kritische Berichterstattung!

Herzlichst

Sascha KellnerObmann Verein GEDENKDIENST