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Ausgabe 1/01


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Rassenhygiene in Wien 1938

Der als "Rassenhygiene" systematisch ausformulierte Rassismus war ein tragendes Element sowohl der Ideologie als auch der politischen Praxis des NS-Regimes. Die Tradition von Rassismus und Rassenhygiene reicht in das 19. Jh. zurück, als "Rassentheorien" zur ideologischen Legitimierung von Kolonialismus und Imperialismus entwickelt wurden. Heute lächerlich anmutende Vorstellungen von der Höherwertigkeit einer "nordischen", "germanischen" oder "arischen" Rasse wurden in zahlreichen "wissenschaftlichen" Publikationen und in unzähligen populärwissenschaftlichen Schriften verbreitet. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse betreffend Vererbung und Zucht, Charles Darwins Theorien von der natürlichen Auslese und vom Durchsetzen des Stärkeren (Anpassungsfähigeren) wurden von Rassentheoretikern auf die Menschen übertragen ("Sozialdarwinismus"). Der Rassismus wurde in Form der "Erb- und Rassenkunde" (Rassenhygiene) zur wissenschaftlichen Disziplin und durchdrang auch andere Wissenschaftszweige wie insbesondere Psychiatrie und Anthropologie. Die Nationalsozialisten haben diese in Ansätzen und Umrissen schon vorhandenen Konzepte für die "Ausmerzung" der "Minderwertigen" radikalisiert und mit einer in der Geschichte beispiellosen Konsequenz in die Wirklichkeit umgesetzt.

 

Die Wiener Gesellschaft für Rassenpflege

 

 

Obwohl die unmittelbaren ideologischen Wegbereiter der Zwangssterilisierungen und der "Euthanasie" im "Altreich" zu Hause waren und diese Aktionen von Berliner Zentralbehörden gesteuert wurden, waren biologistische und rassistische Theorien in Österreich keineswegs geringer verbreitet als in Deutschland. Als geistig-politische Bahnbrecherin fungierte die 1924 gebildete "Wiener Gesellschaft für Rassenpflege", die von Anfang an mit der Unterstützung der schon 1905 vom Altmeister der Rassenhygiene, Prof. Dr. Alfred Ploetz, gegründeten deutschen Gesellschaft rechnen konnte. Bezeichnenderweise fand die konstituierende Versammlung der Wiener Gesellschaft am 18. März 1925 in der Universität Wien statt. Der spätere Vorsitzende, Dr. Alois Scholz, erklärte den Begriff "Rassenpflege" (Eindeutschung von "Rassenhygiene") folgendermaßen: "Wie schon das Wort sagt, handelt es sich um die Pflege des Erbgutes der Volksgemeinschaft. […] Nur wenn wir die von der Natur gewollte Förderung des Starken, Lebenskräftigen und die Ausmerzung des Lebensuntüchtigen bewußt durchführen, treiben wir jene Hygiene, die dem Ganzen nützlich ist." Der erste Vorsitzende dieser Gesellschaft, Univ. Prof. Dr. Otto Reche, Vorstand des Anthropologischen Instituts der Universität Wien, meinte 1925 zum Stellenwert der Rassenpflege: "…die Rassenpflege muß die Grundlage der gesamten Innenpolitik und auch mindestens ein Teil der Außenpolitik werden." Trotz der kaum verhüllten nationalsozialistischen Orientierung der Gesellschaft konnten die dort tätigen Professoren, Dozenten und Assistenten ihre rassistischen Lehren ungehindert unter den Studenten verbreiten, denn nach außen wurde "strenge Wissenschaftlichkeit" gewahrt.

Allerdings konnten sich auch fortschrittliche politische Kräfte bisweilen der Attraktivität eugenischer Maßnahmen nicht entziehen, wie das Beispiel des an sich humanistisch gesinnten Stadtrats für das Wohlfahrtswesen der Stadt Wien, Univ.-Prof. Dr. Julius Tandler, beim "Österreichischen Bund für Volksaufartung und Erbkunde" am 13. Februar 1929 zeigen. Tandler rechnete vor, dass die rund 5000 Insassen in den Irrenanstalten der Stadt Wien rund 11 Millionen S im Jahre kosten, und sah in der "Unfruchtbarmachung der Minderwertigen selbstverständlich unter allen Kautelen der Wissenschaft und der Menschlichkeit und unter voller Bürgschaft des Rechtes eine unabweisliche Forderung". Wenngleich die Vorstellungen Julius Tandlers, eines Sozialdemokraten jüdischer Herkunft, der selbst Opfer politischer Verfolgung wurde, nicht in die zum Genozid führende Kausalkette Eingang fanden, sind sie doch Ausdruck des rassenhygienischen Paradigmas dieser Zeit.

Nach dem "Anschluss" im März 1938 kam die Rassenhygiene in allen staatlichen Bereichen zum Durchbruch, wobei der Wiener Gesellschaft eine wichtige Vorreiterfunktion zukam. Sie breitete ihre Tätigkeit über die ganze "Ostmark" aus und wurde zu einer der größten und aktivsten Gruppen der Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene. Höhepunkt des Wirkens der Gesellschaft für Rassenhygiene war die Abhaltung des "IV. Internationalen Kongresses für Rassenhygiene (Eugenik)" in Wien im August 1940. Die Bedeutung der Wiener Gesellschaft bestand vor allem darin, dass von der ersten Stunde an Personal für die rassenhygienische Projekte des Regimes zur Verfügung stand.

 

Universität Wien: Bekenntnis zur NS-Rassenhygiene

 

 

Insbesondere an der Universität Wien wurden nach dem März 1938 die "erb- und rassenbiologischen" Lehren verstärkt und nun offiziell in den Forschungs- und Lehrbetrieb integriert. Der kommissarische Dekan der Wiener medizinischen Fakultät, Eduard Pernkopf, wies in seiner ersten Vorlesung nach der Wiedereröffnung der Universität am 6. April 1938 die Richtung, indem er das Bekenntnis zu den "rassenhygienischen" Theorien des Nationalsozialismus (und deren praktischen Konsequenzen) in den Mittelpunkt stellte. Der hohe Stellenwert der Rassenlehren im nationalsozialistischen Wissenschaftsbetrieb kam durch die Errichtung einer eigenen Lehrkanzel für "Erb- und Rassenbiologie" an der medizinischen Fakultät der Universität Wien und eines entsprechenden Instituts unter der Leitung von Prof. Lothar Löffler zum Ausdruck. Aufgrund von Verzögerungen bei der Gründung des Rassenbiologischen Instituts spielte in der Phase der Einführung und Durchsetzung der NS-Rassenhygiene in Wien allerdings das Institut für Anthropologie unter der Leitung von Univ.-Doz. Dr. Eberhard Geyer die führende Rolle im universitären Bereich.

Institutionen und Maßnahmen des Reichsgaues WienDie zuständige Parteistelle in diesem Bereich war die seit 1934/35 bestehende "Reichsstelle für Sippenforschung", die schon am 2. April 1938 eine dem Reichskommissar Bürckel unterstehende Zweigstelle in Wien errichtete. Die wichtigsten Institutionen auf dem Gebiet der "Erb- und Rassenpflege" waren das Hauptgesundheitsamt der Gemeindeverwaltung des Reichsgaues Wien und die diesem unterstehenden Gesundheitsämter und Amtsärzte. Diese Institutionen waren für die Durchführung der staatlichen Zwangssterilisierungsaktionen sowie der "erbbiologischen Bestandsaufnahme" zuständig und zum Teil in die Euthanasie-Aktionen miteinbezogen. Die reichsweit durchgeführte "erbbiologische Bestandsaufnahme", offenbar als Grundlage für weitreichende Pläne zur "Ausmerzung minderwertigen Erbguts" konzipiert, erfolgte in Form einer "Erbkartei" und einer "Sippenregistratur". In dieser großzügig mit Geld und Personal ausgestatteten Zentralkartei wurden alle "vom erbpflegerischen Standpunkt negativen Sippen" karteimäßig erfasst. Insgesamt wurden Karten über ca. 700.000 Personen angelegt. Bedenkt man, dass die Erfassung und karteimäßige Registrierung "rassisch minderwertiger" Bevölkerungsteile sowohl bei Juden als auch bei Geisteskranken die erste Phase eines zur Vernichtung führenden Prozesses einleitete, kann man nur erahnen, welche umfassenden Ausrottungspläne nach dem militärischen "Endsieg" des NS-Regimes aufgrund des bereits gesammelten Datenmaterials verwirklicht worden wären.

 

Dr. Wolfgang Neugebauer, Historiker, wissenschaftlicher Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands (DÖW), Wien

 

Literatur zum Thema:

 

Peter Weingant u. a., Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland, Frankfurt am Main 1988.