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Ausgabe 1/01


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„Ich schwör dir, die hängen sie auf!“

Ein Gespräch mit Friedrich Zawrel

 

GEDENKDIENST: Herr Zawrel, der Leiter der Nervenklinik „Am Spiegelgrund“, Prof. Ernst Illing, wurde nach dem Krieg wegen seiner Beteiligung an der „Kindereuthanasie“ hingerichtet. Haben Sie den NS-Arzt kennengelernt?

 

Zawrel: Ja, am Pavillon 17. Wenn der Illing dort zwei- oder dreimal im Monat auf Visite gekommen ist, dann ist immer ein Pfleger vorangegangen und hat gebrüllt: „Der Herr Primarius darf nicht angesprochen werden!“ Und ich habe mir gedacht, das ist mir wurscht, heute frage ich ihn, wie lange das noch so weitergehen soll. Die Zellentür ist aufgegangen, in seiner Begleitung waren die Dr. Türk und der Dr. Gross. Ich habe meinen ganzen Mut zusammengenommen und habe zu ihm gesagt: „Ich habe eine Bitte, ich möchte Bücher haben, ich möchte lesen, ich möchte schreiben, ich möchte vielleicht Besuch von meiner Mutter kriegen dürfen. Ich möchte wenigstens ins Freie.“ Da sind schon die Adern hervorgekommen – dann hat er geschrien: „Du Dreckskreatur, du hast keine Bitten vorzubringen, du hast zu kuschen und zu gehorchen!“ Dann musste ich mich niederknien, und er hat mir zwei Ohrfeigen heruntergehaut, dass ich einmal links und einmal rechts mit dem Schädel auf den Türstock geflogen bin. Wie ich mich wieder ein wenig derfangen hatte, bin ich aufgestanden und habe zu ihm gesagt: „Eines ist sicher, wenn die Russen kommen, und wenn sie niemanden aufhängen, ich schwöre dir das, dich hängen sie auf.“ Da ist die Tür zugeflogen, eine halbe Stunde später ist der Dr. Gross gekommen mit der Speibinjektion, dann sind die Wickelkuren gekommen, dann ist erst die richtige Behandlung angegangen. Die Schwestern und Pfleger haben geglaubt, sie müssen sich gegenseitig übertreffen an Grausamkeit, weil ich das zum Illing gesagt hab.

 

GEDENKDIENST: Am Pavillon 17 waren Sie in regelrechter Einzelhaft?

 

Zawrel: Ja, das war ein kleiner Raum, und da bin ich den ganzen Tag auf und ab gegangen. Ich hab nicht einmal eine Sitzgelegenheit gehabt. Am Abend hat man mir eine Matratze gegeben und zwei Decken, die musste ich in der Früh wieder hinausgeben. Nicht einmal den Himmel habe ich gesehen, weil die Fenster waren so Milchglasfenster. Das war ärger als im Zuchthaus, in keinem Zuchthaus sind die Fenster so vergittert. Ich konnte durch einen Spalt in der Zelle zum Pavillon 15 sehen. Einmal, es war Zufall, konnte ich ein grünes Wagerl sehen; da kamen Männer aus dem Pavillon, die kleine Kinder unter den Armen hatten, eines links und eines rechts, die haben sie hineingelegt. Das konnte ich nur sehen, weil die Fußerl so hinuntergebaumelt sind, manchmal ist auch eine Hand herausgehängt.

 

GEDENKDIENST: Hatten Sie auch Kontakt zu anderen Kindern?

 

Zawrel: Ich hatte ja in meiner Zelle nur den Nachttopf; ich musste jeden Tag in der Früh aus meiner Zelle heraus, einen Tagraum durchqueren und durch zwei Schlafsäle durch, bis ich zum Bad gekommen bin, dann wieder in meine Zelle zurück. Das war im ersten Stock, da sind eine ganze Menge kleiner Kinder gelegen, ich habe keinen lachen und keinen schreien gehört, die sind alle wie tot in den Betten gelegen. Der eine hat so einen großen Kopf gehabt. Den haben die Schwestern immer tanzen lassen. Wenn sie die Betten gemacht haben, da haben sie ihn einfach fallen lassen und wo der Mensch mit dem Kopf hingefallen ist, dort ist er liegengeblieben. An einen anderen kann ich mich erinnern, er hieß Schrögenauer Ernst oder August. Der ist ziemlich mies behandelt worden. Ganz selten gab es am Donnerstag ein Stück Rindfleisch,  ärger wie eine Schuhsohle, in so einem Topf mit Kartoffeln und Rüben. Und es ist immer unter den Kindern herumgegangen, die geben uns die toten Kinder zu essen. Der Schrögenauer war so ein Tschoperl, der hat sich nichts machen getraut; dem haben die anderen Kinder immer das Fleisch auf den Teller gegeben. Dann sind die Schwestern gekommen und haben es ihm einfach hineingestopft. Der wäre manchmal bald erstickt, hat erbrochen, dann haben sie ihm das Erbrochene wieder in den Mund gestopft. Den habe ich so gut in Erinnerung, weil er so viel mitgemacht hat.

 

GEDENKDIENST: Herr Zawrel, wieso sind Sie eigentlich auf den Spiegelgrund gekommen?

 

Zawrel: Das habe ich auch erst 1976 erfahren. Ich dachte immer wegen dem Schule schwänzen, aber mein Bruder ist ja auch dort hingekommen, und der hat nie die Schule geschwänzt. Der Gross hat 1976 ein Gutachten verwendet, das der Illing 1944 über mich gemacht hat. Dort steht, „der Beschuldigte entstammt einer minderwertigen Familie. Die Geschwister haben Inzest getrieben“. Das schreibt der in dem Gutachten. Eines weiß ich, ich habe nie Inzest mit meiner Schwester getrieben! Es fehlt jedes Gutachten vom Amtsarzt, das sind einfach Angaben vom Jugendamt gegen eine Familie, die quasi überhaupt nichts wert war. Ich war zum damaligen Zeitpunkt zehn Jahre alt, meine Schwester neun und mein Bruder sieben Jahre alt.

 

GEDENKDIENST: Bekamen Sie neben Dr. Gross auch von anderen Ärzten, Schwestern Medikamente?

 

Zawrel: Ich will es der Reihe nach sagen. Ich bin im Jahr 1940/41 auf den Spiegelgrund gekommen und da bin ich vom Dr. Gross untersucht worden. Der hat überhaupt nichts mit mir geredet. Auf die Waage stellen, abmessen, Kopf messen und was es halt alles gegeben hat; da ist eine Schwester gesessen, der hat er alles beschrieben, aber mit den Kindern hat er nichts geredet.Schon am ersten Abend ist der Pfleger gekommen und hat Pulverl ausgeteilt. Sie haben gesagt: „Schlucken, das sind Vitamintabletten.“ Ein paar Tage habe ich diese angeblichen Vitamintabletten geschluckt. Und ich habe nur eines gemerkt: ich bin unheimlich müde geworden davon. Da hat sich so eine Apathie eingestellt, es hat einen nichts gefreut, man war immer so zerdrückt und schläfrig, zeitweise schwindlig. Na bis ich mich zum ersten Mal gewehrt habe; ich habe gesagt, die nehme ich nicht mehr, mir wird nur schlecht auf die Pulverl. Na gut, Medikamentenverweigerung. Am nächsten Tag sind zwei Pfleger da gewesen, die hatte ich vorher nie gesehen. So schnell können Sie gar nicht schauen, wie die mich auf den Boden geschmissen haben, auf den Bauch gelegt. Die Schwester Zofal hat die Füße bis zum Kopf hinaufgedreht, dann sind die Hände hinaufgekommen, ich habe geglaubt, jetzt bricht alles. Der Erzieher Dworschak hat mich genommen beim Schädel, und hat mir den Mund aufgemacht und hat ein Pulver hineingegeben und ein Wasser nachgeschüttet; das war so grausam, dass ich geglaubt habe, ich ersticke. Das hat so wehgetan, dass ich nie wieder gesagt habe, ich nehme die Medikamente nicht. Ich habe sie dann eben genommen.

 

Herwig Czech, Wolfgang Lamsa, Mitarbeiter des DÖW in Wien, Arbeitsschwerpunkt NS-Medizin

 

 

ZUR PERSON:

 

Der Fall Zawrel: Der lange Schatten der NS-Psychiatrie

Friedrich Zawrel wurde 1929 in Wien geboren. Aus Gründen, die er selbst erst nach Jahrzehnten herausfand, kam er mit zehn Jahren auf den Spiegelgrund: als „schwererziehbar“. Über 30 Jahre lang sprach er mit niemandem über die schlimmen Erlebnisse seiner Kindheit. Er brach sein Schweigen erst, als er im Jahr 1976 zum zweiten Mal dem ehemaligen Spiegelgrund-Arzt Dr. Heinrich Gross gegenübersaß: diesmal als Gerichtspsychiater. In dem Gutachten, dass Gross über Zawrel erstellte, zitierte er ungeniert aus dessen Spiegelgrund-Akte.

 

Dr. Werner Vogt und die „Arbeitsgemeinschaft Kritische Medizin“ nahmen sich des Falles an und erreichten, dass die Karriere des Dr. Gross 1981 einen ersten Knick erlitt. Dennoch dauerte es noch einmal beinahe 20 Jahre, bis die Wiener Staatsanwaltschaft Anklage erhob gegen Gross wegen seiner Verstrickung in die NS-Kindereuthanasie. Zu einem Urteil kam es bis heute nicht.

 

Literaturhinweis: Werner Vogt, Euthanasiearzt und Gerichtsgutachter: zwei Möglichkeiten der Ausübung von Gewalt gegen Menschen, in: Wespennest Nr. 119, Graz 2000, S. 90–104.