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Ausgabe 1/01


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„Euthanasie“ an Kindern und Jugendlichen im Nationalsozialismus

Sie gehörten zu jenen, die mit die geringste Lobby im nationalsozialistischen Deutschen Reich besaßen: Die Rede ist von körperlich und/oder geistig behinderten Kindern und Jugendlichen. Als ab 1938 in der Berliner „Kanzlei des Führers“ (KdF) die konkreten Planungen zur Durchführung der beabsichtigten „Euthanasie“-Aktion einsetzten, gerieten sie als Erste in das Blickfeld entsprechender Maßnahmen.Wesentlich zuständig für das „Euthanasie“-Verfahren bezüglich der Kinder und Jugendlichen wurde der am 15. Mai 1939 in der KdF gegründete „Reichsausschuß zur Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden“ (RA), der u.a. auch an der Planung der sog. „Aktion T4“ mit der Vergasung von über 70.000 Patienten von Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1940 und 1941 entscheidend beteiligt war.

 

„Bildungsfähigkeit“ des Kindes

 

 

Perspektivisch beabsichtigte der RA in jedem Gau des Deutschen Reiches sogenannte „Kinderfachabteilungen“ (KFA) an bestehenden Heil- und Pflegeanstalten oder jugendpsychiatrischen Kliniken einzurichten. Hier sollten behinderte Kinder und Jugendliche – nach Ablauf eines speziellen Meldeverfahrens – eingeliefert und untersucht werden. Diese Untersuchungen waren durchaus komplex und beinhalteten neben somatischen Untersuchungen auch diverse Intelligenztests. Daneben gab es im Umfeld vieler KFA bei zweifelhaften Fällen – und falls die Behinderung des Kindes nicht zu gravierend war – Möglichkeiten, sie testweise arbeitstherapeutischen Maßnahmen zuzuführen oder bei somatischen Erkrankungen nahegelegene Universitätskinderkliniken zu konsultieren. Letztendlich gingen die entsprechenden Befunde mit dem Urteil des KFA-Arztes bezüglich der „Bildungsfähigkeit“ des Kindes über den Reichsausschuss im Umlaufverfahren an drei eigens dafür bestimmte Gutachter, die anhand der Berichte ihr Urteil darüber abgaben, ob das entsprechende Kind für eine „Euthanasie“ in Frage kam. Nach dem Rücklauf der Gutachten fertigte die KdF im Falle einer Gutachterentscheidung pro „Euthanasie“ eine schriftliche „Ermächtigung“ zur Tötung des Kindes an, die dem verantwortlichen Arzt der jeweiligen KFA zugesandt wurde. Dabei handelte es sich bei den „Ermächtigungen“ grundsätzlich um eine „kann-Bestimmung“ – kein Arzt einer KFA wurde je dazu verpflichtet, eine „Euthanasie“ in einem individuellen Fall auch tatsächlich durchzuführen. Die Entscheidung, ob das Kind getötet wurde oder nicht, lag immer in der Verantwortung des behandelnden Arztes auf der KFA, seine ärztlichen Berichte und Handlungen blieben letztendlich entscheidend über Leben und Tod. „Abgesichert“ waren die Maßnahmen lediglich durch die „Ermächtigung“ aus Berlin – eine entsprechende juristische Legitimation der „Euthanasie“-Maßnahmen zwischen 1939 und 1945 per Gesetz bestand zu keiner Zeit.

 

„Reichsausschusskinder“

 

 

Das hohe Maß an inhaltlicher Autonomie innerhalb der in der Mehrzahl ab Ende 1941 eingerichteten Kinderfachabteilungen – eine der größten befand sich bereits ab 1940 in dem heutigen Psychiatrischen Krankenhaus Wien-Baumgartnerhöhe – kam auch in ihrer heterogenen organisatorischen Struktur zum Ausdruck: wie die einzelnen Anstalten ihre KFA gestalteten, blieb weitestgehend ihnen überlassen. So existierten neben ganzen Anstaltsgebäuden, die einzig einer KFA vorbehalten waren, einzelne Abteilungen auf den Anstaltsstationen und manchmal war es auch nur ein Zimmer, in dem die „Reichsausschusskinder“ untergebracht waren. Zudem wurden in Zusammenarbeit mit der Berliner Reichsausschuss-Zentrale in einzelnen KFA humanmedizinische Forschungen an den Kindern durchgeführt. Die Tötungen auf den KFA wurden zumeist mittels der regelmäßigen überdosierten Verabreichung von Beruhigungsmitteln wie Luminal, Veronal oder Morphium in die Wege geleitet. Die Kinder starben dann in der Regel in einem Dämmerzustand an Lungenentzündungen o. ä., oftmals in Kombination mit vorangegangener Unterernährung bzw. unzureichender Flüssigkeitszufuhr. Obwohl nach 1980 im deutschsprachigen Raum und nach jahrzehntelanger Tabuisierung und Verschweigens eine Fülle mittlerweile kaum mehr überschaubarer Publikationen zum Thema Medizin und Nationalsozialismus existiert, ist die genaue Anzahl der KFA im Deutschen Reich unbekannt geblieben. Eine – die heute existierenden Staatsgrenzen notwendig übergreifende – diesbezügliche Erforschung der RA-Aktion im Deutschen Reich fehlt bis heute. In diesem Zusammenhang bleibt festzuhalten, dass Kinder und Jugendliche nicht nur auf den KFA zu Tode kamen: So zählten auch in der Vergasungsaktion der T4 neben den erwachsenen Patienten eine ganze Reihe von behinderten Kindern und Jugendlichen zu den Opfern, weswegen die häufig gebrauchte Unterscheidung von „Kindereuthanasie“ und „Erwachseneneuthanasie“ für die RA bzw. T4-Aktion nicht haltbar ist. Teilweise erreichten per Bus oder Bahn reine Kindertransporte die Gaskammern der diversen „Euthanasie“-Anstalten. Für die österreichischen Gebiete übernahm die T4-Anstalt in Schloss Hartheim bei Linz die Funktion einer Vergasungsanstalt. Nachweislich wurden hier 1941 u. a. Kinder und Jugendliche der Heil- und Pflegeanstalt in Graz, des Pius-Instituts in Bruck an der Mur und aus der slowenischen Untersteiermark vergast. Desweiteren befanden sich viele Minderjährige unter jenen Patienten, die nach Abbruch der Vergasungsaktion in den ab 1942 modifizierten und nunmehr dezentral – innerhalb einzelner Heil- und Pflegeanstalten – durchgeführten „Euthanasie“-Maßnahmen der T4-Aktion ums Leben kamen.

 

„Hungersterben“ in Anstalten

 

 

Schließlich befanden sie sich unter den Opfern des in der medizinhistorischen Forschung allzu wenig beachteten Hungersterbens in den deutschen Heil- und Pflegeanstalten, wo der Aspekt einer anstaltseigenen und medizinisch-sozialen Selektion der arbeitsunfähigen Patienten über die Verteilung der in den Kriegsjahren zunehmend reduzierten Anstaltskost eine wesentliche Rolle spielte. Nach neueren Forschungen ist zu vermuten, dass hier zwischen 1933 und 1945 wesentlich mehr Patienten ums Leben kamen als bei den von Berlin aus zentral gesteuerten T4- bzw. RA- „Euthanasie“-Aktionen. Die Anzahl der im Rahmen der diversen „Euthanasie“-Aktionen im Nationalsozialismus zu Tode gekommenen Kinder und Jugendlichen ist somit bis heute nicht bekannt. Sie zu schätzen wäre beim gegenwärtigen Forschungsstand – auch fast 60 Jahre nach Kriegsende – reine Spekulation.

 

Thomas Oelschläger, Doktorand der Geschichte, Verleger, Münster

 

 

Literatur zum Thema:

 

Matthias Dahl, Endstation Spiegelgrund: die Tötung behinderter Kinder während des Nationalsozialismus am Beispiel einer Kinderfachabteilung in Wien 1940 bis 1945, Wien 1998.