AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 1/01


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

100 mal 83 Jahre Geschichte

GEDENKDIENST am Anita Mueller Cohen Elternheim, Tel Aviv

 

Stellen sie sich vor, rund 3000 Kilometer Entfernung von Wien, zwischen Mittelmeer und Wüste, Afrika und Asien, in einer Gegend, wo nur Hebräisch und Arabisch gesprochen wird: ein Haus mit 100 EinwohnerInnen, Durchschnittsalter 83 Jahre, sie stammen zum größten Teil aus Österreich, sprechen österreichisch, schauen den ORF und lesen deutschsprachige Zeitungen. Hinter diesem Kuriosum steckt jedoch das Leid des jüdischen Volkes, insbesondere österreichischer Juden und Jüdinnen. Und es ist ein Symptom einer Zerrissenheit zwischen europäischer und israelischer Kultur. Im Sommer dieses Jahres geht nun schon zum siebten Mal ein Gedenkdienstleistender dorthin, um über ein Jahr den EinwohnerInnen im täglichen Leben zu helfen, Gesprächspartner zu sein, körperlich Bedürftige zu waschen, anzukleiden und beim Essen behilflich zu sein.

 

Ein wenig mehr Zeit haben …

 

 

Das Anita Mueller Cohen Elternheim ist ein vor 35 Jahren gegründetes Altersheim in einem Vorort von Tel Aviv. Es ist benannt nach der österreichischen Wohltäterin Anita Müller-Cohen, die bis zu ihrem Tode 1962 ununterbrochen für Notleidende, zuerst in Österreich, ab 1936 in Israel, gearbeitet hat. Der Staat Österreich hat zu Beginn bei der Finanzierung geholfen, ist aber seit über 20 Jahren kein Geldgeber mehr. Die BewohnerInnen sprechen untereinander mit wenigen Ausnahmen Deutsch, mit dem Personal bzw. der medizinischen Betreuung Hebräisch. Im Heim ist zu unterscheiden zwischen der sog. „unabhängigen Abteilung“ mit ca. 70 EinwohnerInnen und der Pflegeabteilung mit ca. 30 PatientInnen. Der Arbeitstag des Gedenkdienstleistenden beginnt um 7 Uhr früh mit der intensiven Pflege von zwei bis drei Patienten. Als „Freiwilliger“ im Haus hat man hier etwas Spielraum und kann auf die besonderen Bedürfnisse eingehen. Meistens nehmen wir uns aber einfach nur ein wenig mehr Zeit und sind zärtlicher als die allzu routinierten KollegInnen. Ab 9 Uhr 30 ist Spazierengehen angesagt. In 14 Monaten kommen so geschätzte 500 Kilometer zusammen, das ist einmal quer durch Israel! Dabei wird meistens etwas eingekauft und viel geredet: über das ewig heiße Wetter oder die nicht enden wollenden „Zorres“ im Land. Vor dem Mittagessen und am frühen Nachmittag werden andere EinwohnerInnen besucht. Unsere Besuche werden sehr geschätzt. Sie sind oft die einzige Möglichkeit, mit jemand Unabhängigen über Schwierigkeiten oder Sorgen zu sprechen. Seit bald zwei Jahren lernen Interessierte mit uns einen Computer zu bedienen. Es geht v. a. darum, das Internet verständlich zu machen und Hemmschwellen abzubauen. Die EinwohnerInnen sind sich unserer Motivation voll bewusst. Sie wissen, dass so ein Dienst nicht ohne einer guten Portion Idealismus möglich wäre und für uns ein Zeichen ist für ein anderes Bewusstsein österreichischer Geschichte. Für Gedenkdienstleistende bietet diese Zeit die Möglichkeit etwas zu lernen, das sie nur hier und jetzt mit diesen alten jüdischen „ÖsterreicherInnen“ lernen können: etwas über europäische Geschichte erfahren, wie es heute nur mehr sehr schwer möglich ist in dieser Unmittelbarkeit.

(lp)