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Ausgabe 1/01


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Mimi Neumann: „Gehn’s doch nach Palästina!“

Mimi Neumann war etwas Besonderes im Elternheim.

Und das in vielerlei Hinsicht.

 

 

Anfang des Jahres ist sie 94-jährig in ihrem Zimmer gestorben.Regelmäßig war ihr Raum im Elternheim ein kleiner Salon für verschiedenste junge Österreicher aus Tel Aviv und Jerusalem. Es war dann so verraucht wie in einem Wiener Kaffeehaus, und es gab Apfelstrudel und starken Kaffee. Mittendrin Mimi mit einer extralangen Memphis, geschminkt und in Schale. Mimi Neumann, geborene Raidl, ist, wie zwei ihrer Schwestern, aus Liebe zum Judentum übergetreten. Ihre leibliche Familie ist demnach unter den Nationalsozialisten verschont geblieben. Welche Rolle aber zum Beispiel ihr Bruder gespielt haben mag, war ihr nie klar bzw. sie unterließ es ganz bewusst, danach zu fragen. Ihr Mann, ein wohlhabender Goldschmied, hatte schon sehr früh die Bedrohung erkannt und irgendeinen antisemitischen Hausmeister beim Wort genommen. Als ein jüdisches Kaufhaus brennt, stellt Herr Neumann erschüttert fest, wie die Bevölkerung sich freut und plündert. Ein gaffender Hausmeister darauf nur: „Sans leicht a Jud? Dann gehn’s nach Palästina!“

 

Von Wien in die Wüste

 

 

Über Beirut, wo er ein Jahr lang versucht, Fuß zu fassen, kommen die zwei schließlich nach Tel Aviv. Die Stadt ist 1933 noch keine Stadt. Ein paar Boulevards inmitten von Dünen, überall Sand und das Meer. Der Unterschied zu Wien könnte nicht größer sein. Für Mimi ist die Situation ein Schock, eine Entwurzelung und Beginn einer lebenslangen Sehnsucht nach Wien und der Musik, nach europäischer Kultur und verpasstem Glück. Gerne erzählte sie, wie sie damals vollkommen „overdressed“ auf einem Dinner, wo alle nur in kurzen Hosen, ohne Krawatte und mit Sandalen bekleidet waren, das Weite suchte.Diese Sehnsucht wird für Mimi die einzige Beziehung zu ihrer ehemaligen Heimat; ähnlich Atavismen tritt diese Nostalgie zu Tage. Wahrscheinlich hunderte Male war sie im Konzerthaus, liebte die feine Gesellschaft, ließ es sich nicht nehmen, ausschließlich bei „Felix“ (einem nicht koscheren Fleischhauer) im Souk fetten Schinken und Wurst einzukaufen und während des Winters Stroh-Rum in den Tee zu geben.Das Zimmer könnte genausogut in Wien gewesen sein, nur wenige Details haben dem Besucher verraten, sich woanders zu befinden. Und natürlich ihre Sprache, ein Deutsch aus dem Wien der 30-er Jahre, durchmischt mit hebräischen und englischen Wörtern. Ausdrücke wie Fernseher, Klimaanlage und Kühlschrank hätte sie auf Anhieb gar nicht verstanden.

 

Mimis unerfüllte Träume

 

 

Viele unerfüllte Träume hat Mimi ins Grab mitgenommen. Statt Schauspielerei hat sie Schneiderin lernen müssen. Es war ihr nicht vergönnt, in Wien mit ihrer Familie zu leben, und sie bekam nie die Kinder, die sie sich gewünscht hatte. Bei einem Taxiunfall in Beirut verlor sie nicht nur das Ungeborene, sondern auch ihre Fruchtbarkeit.In einer meiner Lieblingsgeschichten erzählt Mimi von einem Wienbesuch: Als sie beim Betreten eines Geschäfts ganz automatisch „Shalom“ sagt, antwortet die Verkäuferin „Tut mir leid, das haben wir nicht.“ Mimi ein wenig verwundert: „Wir auch nicht.“Es gibt ein sehr schönes Tondokument, in dem u. a. Mimi Neumann zu Wort kommt, dieses ist zu beziehen beim ORF, Ö1 Hörbilder Spezial: „Zwischen Wien und Wüstensand“, Geschichten aus dem Österreichischen Altersheim in Tel Aviv, von Cornelia Krebs.

 

Lorenz Potocnik, ehem. Gedenkdienstleistender am Anita Mueller Cohen Elternheim, Tel Aviv.