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Ausgabe 1/01


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„Wilde Euthanasie“

Die zweite Phase der NS-Euthanasie am Beispiel der „Wagner von Jauregg Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien“ („Am Steinhof“)

 

Sowohl die öffentliche als auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Themenkreis NS-Medizin und „NS-Euthanasie“ hat im Nachkriegsösterreich erst sehr spät – im Laufe der 80-er Jahre – begonnen. Seitdem ist eine Vielzahl einschlägiger Forschungsarbeiten zu Einzelaspekten der NS-Medizin erschienen, die wichtige Aufklärungsarbeit leisteten und sich hauptsächlich auf die Teilbereiche Humanversuche, Rassenhygiene, Zwangssterilisation, Erwachseneneuthanasie „Aktion T4“ und Kindereuthanasie konzentrierten. Von der Aufarbeitung beinahe ausgespart blieb bis heute jene zweite Phase der NS-Euthanasie, für die in der Literatur auch der umstrittene Begriff der „wilden Euthanasie“ existiert, mit der jedoch die dezentralen Anstaltsmorde nach dem offiziellen Stopp der „Aktion T4“ im August 1941 gemeint sind.

 

Kriegswirtschaftliche Motive

 

 

Wie bei der „Aktion T4“ wurde auch in der zweiten Phase der NS-Euthanasie das Konzept der Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ beibehalten. Neben der rassenhygienischen Ideologie treten aber kriegswirtschaftliche Motive in den Vordergrund: Nun ging es darum, Lazarettraum zu schaffen, Spitalspersonal freizustellen, Nahrungsmittel, Medikamente, Pflegegeld, Verbandsmaterial, aber auch Brennstoffe und andere Ressourcen einzusparen bzw. für die rassisch „Höherwertigen“ sicherzustellen. Vor allem abersollten die Sozialkosten zugunsten der Kriegswirtschaft drastisch reduziert werden. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich der Steinhof seit 1941 zu einem Zentrum des organisierten Massensterbens, das Folge eines Zusammenwirkens verschiedener Faktoren war. Im Zuge der „Aktion T4“ wurden nämlich für die Heil- und Pflegeanstalt radikal geänderte Strukturen und Voraussetzungen hergestellt, wobei die Euthanasie fortgesetzt wurde unter den Bedingungen der Kriegswirtschaft in Form des Hungersterbens, einer der sparsamsten und gleichzeitig grausamen, aber auch „unverdächtigen“ Varianten des Mordens. Diese verheerenden Weichenstellungen waren Ergebnis eines Entscheidungsprozesses, an dem neben der Anstaltsleitung v. a. das Wiener Hauptgesundheitsamt, die Wiener Gauleitung, die Zentraldienststelle T4 in Berlin, der Reichsbeauftragte für die Heil- und Pflegeanstalten sowie die Wehrmacht beteiligt waren. Die Hälfte der Anstalt wurde durch den Abtransport von mehr als 3200 Pfleglingen im Rahmen der „Aktion T4“ sukzessive aufgefüllt mit Institutionen, einem Reservelazarett, einer Jugendfürsorgeanstalt samt Sonderschule, einer Kindernervenklinik und einer sog. Arbeitsanstalt für asoziale Frauen.

 

Organisiertes Hungersterben

 

 

In der Heil- und Pflegeanstalt herrschte in den Folgejahren ein Zustand von Überbelegung, Personalreduktion und pflegerischer Vernachlässigung, in dem Faktoren wie Kälte, Medikamentenknappheit, Nahrungsmittelverkürzung bzw. -entzug sowie die zunehmende Ausbreitung von Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Ruhr und Typhus katastrophale Folgen zeitigten. Jeder dieser Faktoren ist für sich schon lebensbedrohend, unter den spezifischen Bedingungen am Steinhof mussten sie, in Summe genommen, einander noch potenzieren. Als besonders verhängnisvoll erwies sich die Wechselwirkung zwischen Hunger und Infektionskrankheiten. Beinahe in jeder Krankengeschichte finden sich Symptome des Hungersyndroms.Diesen geschilderten Zuständen erlagen verstärkt jene Patientenneulinge, die in Sammeltransporten im Zuge der sog. „Aktion Brandt“ 1943 auf den Steinhof gelangten. Die Ausweitung und Intensivierung des Luft- und Bombenkrieges diente als Anlass, um Heil- und Pflegeanstalten aus dem Einzugsbereich luftgefährdeter Gebiete zu räumen. Tatsächlich dienten diese Patientenverlegungen, die zentral unter der Verantwortung des mittlerweile zum Generalkommissar ernannten Dr. Karl Brandt – einem der beiden von Hitler Beauftragten der „Aktion T4“ – organisiert wurden, zur Verschleierung des raschen Sterbenlassens sowie zur Todesbeschleunigung. Von den insgesamt 550 Anstaltspfleglingen, die aus Hamburg, Bad Kreuznach und dem St. Josefshaus Hardt bei München-Gladbach (heute Mönchengladbach) nach Wien-Steinhof transferiert wurden, starben bis Ende 1945 mehr als 450, das entspricht einer Sterberate von über 80%. Für die Heil- und Pflegeanstalt Wien-Steinhof lässt sich anhand der Entwicklung der Sterblichkeitsrate eine Opferbilanz des „Mordes durch Hunger“ erstellen: Sie kletterte von 13,9% (1941) auf 22,14% (1944), um sich 1945 auf den Rekordwert von 42,76% zu steigern. Für den Zeitraum von 1941 bis 1945 darf davon ausgegangen werden, dass mehr als 3500 Steinhof-Pfleglinge dem organisierten Hungersterben zum Opfer fielen.Dezentrale Anstaltsmorde blieben allerdings nicht nur auf den Steinhof beschränkt. Auch in zahlreichen anderen österreichischen Anstalten wurde mittels Medikamenten, Injektionen, Nahrungsmittelentzug und dgl. gemordet. Besonders brutal ging es dabei in den niederösterreichischen Anstalten Mauer-Öhling und Gugging zu, wo 1943 der provisorisch eingesetzte Direktor Dr. Emil Gelny praktisch in Eigenregie mittels Medikamenten, Injektionen und eines speziell konstruierten Elektroschockgeräts an die 600 PatientInnen umbrachte. Gelny gelang 1945 die Flucht nach Syrien. Patiententötungen durch Medikamente und Mangelernährung sind ebenso für die Siechenanstalt Klagenfurt (Dr. Franz Niedermoser), die Anstalt Niedernhart/Linz (Dr. Rudolf Lonauer) und die Anstalt Graz-Feldhof belegt.

 

Ermittlung gegen „unbekannt“

 

 

Die gerichtliche Aufarbeitung der zweiten Phase der NS-Euthanasie muss in Österreich als äußerst unzufriedenstellend bezeichnet werden. Abgesehen von Dr. Franz Niedermoser aus Klagenfurt und von Dr. Gertrude Tropper aus Graz hat sich kein anderer Arzt für Verbrechen im Zusammenhang mit der „wilden Euthanasie“ vor Gericht verantworten müssen. Gerade einer der Hauptverantwortlichen für das Massensterben am Steinhof, Anstaltsdirektor Dr. Hans Bertha, konnte nach 1945 unbehelligt seine Karriere an der Universität Graz als Psychiatrieprofessor fortsetzen. Immerhin musste es bis zum Jahr 2000 dauern, bis das Landesgericht Wien sich zu gerichtlichen Voruntersuchungen in bezug auf die dezentralen Anstaltsmorde in der Heil- und Pflegeanstalt Steinhof entschließen konnte. Ermittelt wird selbstverständlich gegen „unbekannte Täter“.

 

Peter Schwarz, Historiker und Mitarbeiter des DÖW, Wien; Arbeitsschwerpunkt NS-Medizin

 

 

 

Literatur zum Thema:

 

Heinz Faulstich, Hungersterben in der Psychiatrie 1914-49: mit einer Topographie der NS-Psychiatrie, Freiburg im Breisgau 1998.Peter Schwarz, Mord durch Hunger. „Wilde Euthanasie“ und „Aktion Brandt“ am Steinhof in der NS-Zeit, in: eForum zeitgeschichte Nr. 1 (2001).