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Ausgabe 2/01


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Kommentar und Editorial

Kommentar

Kriminalisierung Homosexueller in Österreich – kein Ende?

 

„Ein Knabenschänder, oder aber da sonst ein Mensch mit dem anderen sodomitische Sünd getrieben hätte, der solle anfangs enthauptet, und nachfolgends dessen Körper samt den Kopf verbrennet werden“, hieß es 1767 in der Constitutio Criminalis Theresiana, dem ersten einheitlichen Strafrecht aller österreichischen Länder.

Derartige Bestimmungen gab es im 18. Jahrhundert noch in zahlreichen europäischen Ländern. Bis ins 20. Jahrhundert wurden sie in allen europäischen Ländern abgeschafft. In allen Ländern? Nein – ein katholisches Völkchen in den Bergen der Alpen leistet der Aufklärung beharrlich Widerstand. Nur noch in Österreich sind freiwillige homosexuelle Beziehungen noch immer ein Offizialdelikt, ein Sexualverbrechen, das mit Gefängnis bis zu fünf Jahren bestraft wird. Und zwar dann, wenn der jüngere Partner ein Jugendlicher und der ältere Partner über 19 ist. Das ist der berüchtigte § 209 des Strafgesetzbuches: „Eine Person männlichen Geschlechtes, die nach Vollendung des neunzehnten Lebensjahres mit einer Person, die das vierzehnte, aber noch nicht das achtzehnte Lebensjahr vollendet hat, gleichgeschlechtliche Unzucht treibt, ist mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu bestrafen.“

Wohlgemerkt: da geht es nicht um Vergewaltigung oder Nötigung, nicht um Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses, wie zwischen Priester und Ministranten oder Lehrer und Schüler. Das regelt das Sexualstrafrecht in anderen Bestimmungen.

§ 209 ist keinesfalls „totes Recht“. Die Kriminalstatistik zählt 71 bekannt gewordene Fälle im Jahr 1998, und 54 Fälle im Jahr 1999. Der „häufigste Täter“ ist 20 bis 24 Jahre alt. 1998 gab es 35 rechtskräftige Verurteilungen, 3/4 davon zu einer Freiheitsstrafe. Kurz: Im Schnitt stehen jeden Monat drei Personen vor dem Richter, deren Zukunft als vorbestrafter Sexualverbrecher ruiniert ist.

Und zwar wegen einer längst veralteten Theorie aus der Sexualforschung, die man heute nur mehr in historischen Werken und in der ÖVP findet. Prägungstheorie: junger Mann, der schwulen Sex mit älterem Mann hat, kann schwul werden. Und weil man nicht mehr Schwule will, muss man verhindern, dass Jungs schwul werden. Damit die heterosexuell orientierte Gesellschaft geschützt wird. Wem das blöd vorkommt: so hat die Bundesregierung noch 1989 gegenüber dem Verfassungsgerichtshof erfolgreich argumentiert. Die neue Linie der ÖVP ist nun: für uns hat Jugendschutz Priorität. Dahinter versteckt sich allerdings nur die oben genannte Prägungstheorie. Und: darüber gibt es in der ÖVP keine Diskussion. Was zum Glück falsch ist.

Unter Josef II. war Österreich das erste Land, welches die Todesstrafe auf homosexuelle Handlungen abgeschafft hatte. Unter Wolfgang I. Schüssel stemmt sich Österreich gegen jede Änderung. Josef II. ist als großer Reformer in die Geschichte eingegangen. Wolfgang Schüssel schafft da wohl nur den Steigbügelhalter für die Salonfähigkeit populistischen Schwachsinns.

 

 

Hans-Peter Weingand, Gründungs- und Vorstandsmitglied der

„Rosalila PantherInnen – Schwullesbische ARGE Steiermark“

Editorial

Liebe Leserin!

Lieber Leser!

 

Zum ersten Mal habe ich die große Ehre, das Editorial von GEDENKDIENST zu verfassen. Bei der letzten Generalversammlung kandidierten Sascha Kellner und Sina Zwettler, die lange Jahre die Geschicke des Vereins entscheidend geprägt hatten, nicht mehr für den Vorstand. In diesem Heft können Sie einen Rückblick auf diese Ära lesen. Ein neues Team, bestehend aus ehemaligen Gedenkdienstleistenden, hat die Leitung des Vereins übernommen, das nicht nur versuchen wird, die Arbeit von Sascha und Sina fortzusetzen sondern auch neue inhaltliche Projekte zu starten.

Die vorliegende Ausgabe von GEDENKDIENST ist der Verfolgung von Schwulen und Lesben im Dritten Reich gewidmet. Diskriminierungen von Homosexuellen gab es vor und nach dem Nationalsozialismus in Österreich, in Deutschland und weltweit. Was jedoch die Auseinandersetzung mit der Thematik für uns so wichtig macht ist die Tatsache, dass durch den Einfluss der NS-Ideologie die Akzeptanz sog. „gesellschaftlicher Randgruppen“ im öffentlichen Bewusstsein auf Jahrzehnte hinaus einen Rückschlag erfahren hat. Viele emanzipatorische Bewegungen, die in den 20-er Jahren in Deutschland und in Österreich erste Erfolge erzielen konnten, wurden durch den Nationalsozialismus nicht nur verfolgt und zerstört, ihre Ziele und ihre Anliegen wurden erst ab der 60-er Jahre langsam wieder von der Gesellschaft wahrgenommen.

Wien war in Juni 2001 durch die EUROPRIDE Zentrum der europäischen Schwulen- und Lesbenbewegung. Am Heldenplatz fand die erste Ausstellung über die Verfolgung von Schwulen und Lesben während der Zeit des Nationalsozialismus in Österreich statt. Die Ausstellung wurde vom Historiker Niko Wahl und dem Graphikdesigner Thomas Geisler wesentlich mitgestaltet. Dass diese Pionierarbeit von zwei ehemaligen Gedenkdienstleistenden konzipiert wurde, möchten wir Ihnen natürlich ebenso wenig verschweigen, wie die weniger erfreulichen Vorgänge rund um die Ausstellung. Homo-Ehe in Deutschland, EUROPRIDE in Wien, das Outing von jungen Konservativen in der ÖVP geben Anlass zur Hoffnung, dass neben der gesellschaftlichen Akzeptanz von Homosexuellen auch deren rechtliche Situation in Österreich in nächster Zeit verbessert werden kann. Mit dieser Ausgabe von GEDENKDIENST wollen wir ein Zeichen der Solidarität setzen mit diesen Verfolgten und Opfern des Nationalsozialismus und mit der Schwulen- und Lesbenbewegung heute.

 

 

Herzlichst

Christian KlöschObmann Verein GEDENKDIENST