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Ausgabe 2/01


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Yad Vashem – „ein Denkmal und Name“, der niemals getilgt werden soll (Jesaja 56, 6)

Erinnerung spielt eine zentrale Rolle in der jüdischen Religion. Die Aufforderung „zachor – Erinnere Dich“ zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel, sie prägt das jüdische Selbstverständnis und war der Schlüssel für das Überleben des jüdischen Volkes.

 

Der Gedanke, in Palästina ein Denkmal zu errichten, entstand bereits während des zweiten Weltkriegs, als die ersten Berichte über den nationalsozialistischen Massenmord an den Juden an die Öffentlichkeit drangen. Nach der Gründung des Staates Israel begann die Idee, Yad Vashem als offizielle Gedenkstätte für die Märtyrer und Helden des Holocaust zu institutionalisieren, Gestalt anzunehmen. 1953 wurde die Gedenkstätte Yad Vashem per Gesetz gegründet und mit der Aufgabe betraut, das Gedenken der sechs Millionen Juden zu bewahren, die von den Nazis und ihren Kollaborateuren ermordet wurden, sowie das der zerstörten Gemeinden, des geistigen Widerstands, des Heldentums der Ghettokämpfer und Soldaten und der Gerechten unter den Völkern, die ihr Leben für die Rettung von Juden aufs Spiel setzten. 1957 bezog Yad Vashem seinen heutigen Standort, einen am Herzl-Berg gelegenen Hügel im westlichen Jerusalem. Das riesige Areal beherbergt ein historisches Museum, ein Kunstmuseum, eine Gedenkhalle, die Halle der Namen, eine Allee zu Ehren der Gerechten unter den Völkern, das Tal der Gemeinden, einen Garten mit Skulpturen, eine Kindergedenkstätte, die International School for Holocaust Studies sowie Verwaltungs-, Archiv- und Bibliotheksgebäude.Im letzten Jahr besuchten über zwei Millionen Menschen Yad Vashem, doppelt so viele wie 1995. Steigendes Interesse am Thema, ein rasch wachsender Archivbestand und sich wandelnde gesellschaftliche Bedürfnisse und Perspektiven sowie neue geschichtliche Erkenntnisse stellten Yad Vashem vor große Herausforderungen. Um dem zukünftig gewachsen zu sein , wurde der Masterplan „Yad Vashem 2001“ entwickelt, der den Ausbau und die Modernisierung fast aller Institutionen Yad Vashems vorsieht.

 

 

Archiv un Bibliothek

 

Eine der Hauptaufgaben der Gedenkstätte ist der Erwerb, die Katalogisierung und die Veröffentlichung von dokumentarischem Material über die Shoah. Seinen Ursprung hat das Archiv von Yad Vashem aber schon während des Krieges. Damals beschlossen etwa in den Ghettos von Byalistok und Warschau Männer und Frauen, Zeugnisse der Verfolgung und des Mordens zu sammeln und es so für die Außenwelt zu dokumentieren. Untergrundarchive wie das berühmte Ringelblum-Archiv wurden geschaffen. In Palästina hatte die Jewish Agency seit 1942 Dokumente gesammelt. 1957 wurde das erste Archivgebäude in Yad Vashem errichtet. Wichtigste Abteilung war damals die Testimony Section, wo Zeugenaussagen gesammelt wurden, bis heute eine der zentralen Abteilungen. Heute noch strömen jeden Tag Überlebende dorthin, um ihre Erlebnisse aufzeichnen zu lassen und sie vor dem Vergessen zu retten.

Bald schon sammelte Yad Vashem gezielt Dokumente, darunter etwa die der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, Akten aus Lagern, Akten des Suchdienstes des Roten Kreuzes in Arolsen, des Jüdischen Antifaschistischen Komitees der UdSSR und v. a.m. Als nach 1989 die Archive des ehem. Ostblocks zugänglich wurden und in Westeuropa Sperrfristen für Akten langsam ausliefen, nahm das Wachstum der Archivbestände explosionsartige Züge an. In ganz Europa tauchten neue Akten, Dokumente, Fotos und Filme auf, die man im Bestreben, Yad Vashem zur weltweit zentralen Dokumentationsstätte der Shoah zu machen, mit großem Einsatz im Original oder als Kopie nach Jerusalem brachte. Als Folge dieser Entwicklung platzte das in den 50-er Jahren errichtete Archivgebäude aus allen Nähten. Im März 2000 wurde ein neues Archiv- und Bibliotheksgebäude eröffnet, das einen Aktenbestand von rund 55 Millionen Seiten, 130.000 Fotos, Tausende von Filmen, 100.000 Buchtitel und mehrere Tausend Zeitschriften beherbergt.

 

 

Halle der Namen

 

Zu den ersten Projekten Yad Vashems zählte das Sammeln von Namen, Fotos und biografischen Details der Opfer. Eines der Ziele der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie war die völlige Auslöschung der Menschen, indem ihnen ihre Namen genommen wurden und sie Nummern bekamen. In der Halle der Namen können Besucher die Namen ihrer Eltern, Großeltern, Verwandten und die Wurzeln ihrer Familie finden und die Spuren einer zerstörten Welt verfolgen. Sie versetzt Familien in die Lage, durch das Ausfüllen von Gedenkblättern ihrer Verwandten formal zu gedenken und den Opfern Namen und Würde zurückzugeben. Millionen von Menschen verschwanden, ohne eine Spur zu hinterlassen, es gibt keine Grabsteine, die an sie erinnern. Für viele Menschen sind die Gedenkblätter symbolische Grabsteine. Im Rahmen dieses Projektes, das Ende 1954 begann und noch heute andauert, wurden etwa drei Millionen Namen gesammelt, die mittlerweile auch elektronisch abrufbar sind.

 

 

School for Holocaust Studies

 

Im Geiste der jüdischen Tradition „Vehigadta leVincha“ (und du wirst deinen Kindern davon berichten), betont Yad Vashem die Notwendigkeit pädagogischer Arbeit mit den jüngeren Generationen. Mehr als je zuvor bringt die heutige Jugend ein starkes Interesse an persönlicher Geschichte und Identität zum Ausdruck. Im Rahmen des Plans „Yad Vashem 2001“ wurde deshalb die „International School for Holocaust Studies“ gegründet. Sie spezialisiert sich in Zusammenarbeit mit israelischen und ausländischen Pädagogen auf die Erarbeitung didaktischer Methoden und innovativer Lehrpläne und auf den Unterricht mit Schülern, Studenten und Soldaten.

 

 

Insitute for Holocaust Research

 

Das „International Institute for Holocaust Research“ wurde 1993 als unabhängige akademische Institution gegründet, um die Forschungsarbeit sowie Promotionsprojekte zu fördern. Das Institut ist in die internationale Forschung eingebunden, beschäftigt sich mit der Organisation von internationalen Konferenzen und Workshops und bereitet die Publikation von Forschungsarbeiten, Dokumenten und Monographien vor.

 

 

Der neue Museumskomplex

 

Yad Vashem ist weltweit Pionier unter den Holocaustmuseen. Praktisch jeder Besucher verbringt Zeit im Museum und für viele stellt der Museumsbesuch eine erste eindrucksvolle Begegnung mit der Geschichte des Holocaust dar. Das Museum ist somit das Tor zu Wissen und Verständnis. Das historische Museum wurde vor ca. 40 Jahren eröffnet, die gegenwärtige Ausstellung stammt aus dem Jahr 1973. Da das Museum dem Besucherstrom nicht mehr entsprechen kann und darüber hinaus nicht mehr in genügendem Umfang die enorme Entwicklung in Forschung und Dokumentation während der vergangenen drei Jahrzehnte reflektiert, wird derzeit ein neuer Museumskomplex errichtet. Das neue Museumsgebäude wird sich durch den Jerusalemer Berghang ziehen – Symbol für die historische Kluft, die durch den Holocaust geschaffen wurde. Zum neuen Museumsbereich gehören weiters ein Kunstmuseum, ein Pavillon für temporäre Ausstellungen, eine neue Halle der Namen, eine Synagoge sowie ein Medien- und Lehrzentrum.

Yad Vashem befindet sich auf einem Scheideweg. In einer Zeit, in der sich Medien und Kommunikationsmittel in rasendem Tempo entwickeln, vertraut die Generation der Holocaust-Überlebenden das Vermächtnis und das Gedenken des Holocausts den jüngeren Generationen an. Vor dem Hintergrund eines steigenden Interesses am Holocaust, sowohl in der jüdischen als auch in der nichtjüdischen Gesellschaft, muss sich Yad Vashem der Herausforderung stellen, das Gedenken an den Holocaust den Bedürfnissen der Zukunft anzupassen.

 

Gernot Radlinger, Gedenkdienstleistender in Yad Vashem, Jerusalem

Gedenkdienst in Yad Vashem

Yad Vashem ist wie viele andere gemeinnützige Organisationen in Israel auf die Mitarbeit ehrenamtlicher Mitarbeiter angewiesen. Der größte Teil dieser Mitarbeiter kommt aus Israel selbst. Seit nunmehr zehn Jahren sind aber auch junge ÖsterreicherInnen im Rahmen ihres Gedenkdienstes in Yad Vashem tätig. Im Archiv von Yad Vashem ist Material in 35 verschiedenen Sprachen vorhanden, wovon Deutsch einen hohen Prozentsatz ausmacht. Deshalb werden immer Mitarbeiter gesucht, die diese Sprachen beherrschen und bei der Klassifizierung der Dokumente behilflich sein können. Die Tätigkeit des Gedenkdienstleistenden besteht daher auch hauptsächlich in der Erstellung von Findmittel für deutschsprachiges Archivmaterial, d. h. der Katalogisierung und inhaltlichen Beschreibung von Dokumenten. Darüber hinaus beinhaltet die Tätigkeit die Führung der deutschsprachigen Korrespondenz sowie Übersetzungsarbeiten für die Archivleitung.

In der International School for Holocaust Studies ist der Gedenkdienstleistende bei der Organisation deutschsprachiger Seminare und Tagungen eingesetzt. Dies beinhaltet Übersetzungsarbeiten, die Führung deutschsprachiger Korrespondenz sowie die Unterstützung und Betreuung der Seminarteilnehmer.