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Ausgabe 2/01


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„Aus dem Leben"

Eine Ausstellung, die als Ruine eröffnet wurde

 

Von 14. Juni bis 12. Juli 2001 hat mitten in Wien, mitten im meist fröh­lichen Trubel von Europride und in unmittelbarer Nachbarschaft zum österreichischen Parlament die Ausstellung Aus dem Leben. Die nationalsozialistische Verfolgung der Homosexuellen in Wien 1938-45 am Heldenplatz stattgefunden.

 

Der zeitliche Rahmen von Europride war bewusst gewählt, schließlich gab es während dieses Veranstaltungsmonats, der Wiens schwulen, lesbischen und transgender Bevölkerungsanteil präsen­tierte, auch besondere Aufmerksamkeit, die für diese Ausstellung genutzt werden konnte. So ergab es sich schließlich wie von selbst, dass einige der Rednerinnen bei der Abschlusskundgebung zu Euro­pride auch auf das Schicksal homosexu­eller Männer und Frauen in der NS-Zeit hinwiesen.

Auch die unmittelbare Nähe zum Par­lament war bewusst für diese Ausstel­lung ausgewählt worden: Schließlich hat der österreichische Nationalrat es bis heute abgelehnt, homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus als solche an­zuerkennen. Die letzte Ablehnung der Rehabilitation dieser Opfer wurde mit den Stimmen von ÖVP und FPÖ just in der Woche vor der Ausstellungeröffnung durchgesetzt.

Was die Volksvertreter dieser beiden Parteien an Grundhaltung im Parlament gezeigt hatten, wurde schließlich wenige Tage später wohl von ihren Gesinnungs­genossen in die Tat umgesetzt: In der Nacht vor ihrer Eröffnung wurde die Aus­stellung von Unbekannten zerstört. Am 14. Juni konnte die Ausstellung nur als Ruine eröffnet werden.

 

 

Hürdenlauf bis zur offiziellen Genehmigung der Ausstellung

 

Die Ausstellung war jedoch nicht nur bei homophoben Parlamentariern und je­nen willigen Vandalisierern auf Wider­stand gestoßen. Bereits bei der Suche nach einem geeigneten Ort hatten diver­se Institutionen ihre Grundhaltung gegen über schwulen und lesbischen Op­fern des Nationalsozialismus gezeigt. Eine Parkanlage wurde als Ausstellungsort von der Bezirkspolitikerin

untersagt, da das Thema nicht dem guten Geschmack entspräche, der für diesen Ort gewünscht sei.

Eine andere Verhinderungstaktik wählte die Burghauptmannschaft, unter deren Verwaltung der Heldenplatz steht, als sie das Ausstellungsprojekt zum letzt­möglichen Termin ablehnte: Auf dem Platz würden ausschließlich Ausstellun­gen genehmigt, die etwas mit der Ge­schichte des Platzes zu tun hätten. Und weiter informierte uns der Vertreter der Burghauptmannschaft wörtlich, sei seine Institution der Ansicht, dass der Helden­platz nichts mit Nationalsozialismus zu tun habe.

Erst über politischen Druck, der durch Vermittlung der Homosexuellen-Initiative Wien (HOSI) über die der Burghaupt­mannschaft vorgesetzten Behörde aus­geübt wurde, konnte schließlich in aller­letzter Minute doch noch eine Genehmi­gung zur Aufstellung der Ausstellung er­wirkt werden. Die Beamten der Burghauptmannschaft legten dafür eine Platzmiete und eine Kaution für die ge­nutzte Rasenfläche fest, die das Ausstel­lungsbudget weit überstieg.

 

 

Verfolgte Homosexuelle auf selten der Opfer und der Täter

 

Schwierig gestaltete sich auch die Zu­sammenstellung eines geeigneten Aus­stellungsinhaltes: Eine „Lehrausstellung" über die Verfolgung Homosexueller im Nationalsozialismus konnte die Ausstel­lung aus finanziellen und organisatori­schen Gründen nicht sein. Dazu kommt, dass das Gedenken an Homosexuelle im Nationalsozialismus sehr komplex ist, schließlich fanden sich homosexuelle Männer und Frauen sowohl auf der Si­te der Opfer als auch auf jener der Täter.

Ein weiteres Problem stellte die Archivsituation dar: Was sollte ausge-stellt werden? Praktisch alle Dokumente die sich finden ließen, stammten aus Be-ständen, die die Nationalsozialisten hi­terlassen hatten. In jenem Aktenbestand, der für die Ausstellung herangezogen wurde, den Akten der Wiener Lande­gerichtes, fanden sich auch Dokumente der Opfer; all die Unterlagen, die die er-mittelnden Behörden (Kriminalpolizei und Gestapo) bei Hausdurchsuchungen als Evidenz für die Prozesse beschlag­nahmt hatten.

Diese Gegenstände sind jedoch nun auch nicht so leicht der Öffentlichkeit u-gänglich zu machen. Die Opfer wollten sicherlich keine Liebesbriefe oder Ur-laubsfotos einer großen Öffentlichkeit zugänglich machen. Im Gegenteil, in er Öffentlichmachung dieser privaten Dokumente der verfolgten lag ein Schritt psychischer( und auch oft sozialer) Vernichtung, der Teil des nationalsozialsti-schen Terrors war. Um dieser bis heute verleug­neten NS-Opfer zu gedenken

Dieser Vorgang wurde schließlich auch zum Kern der Ausstellung. Dar­stellt wurde der Einbruch der National >• zialisten in die Intimsphäre ihrer Opfer. Den Besuchern der Ausstellung musste ermöglicht werden, dies nachvollziehen zu können. So wurden lediglich jene Do-kumente die die Verfolger produzierti, deutlich sichtbar gemacht - sie wurden, auf ein vielfaches vergrößert, an den Außenseiten der Ausstellungssäulen an-gebracht. Jene Dokumente, die das In-timleben der Verfolgten hervorgebracht hatte, die lediglich durch die Bürokratie der Nationalsozialisten erhalten sind, wurden im Säuleninneren angebracht Originalgröße und im Halbdunkel blei-bend, zu sehen lediglich durch eine Öff-nung der Säulen in Hüfthöhe.

Es bleibt festzuhalten, dass die As­steilung so schnell wie möglich wieder aufgerichtet wurde. In der Zeit, in der die Säulen am Boden lagen, so wie sie um-geworfen worden waren, war es eine be-sondere Freude, viele Besucher zu se-hen, die am Boden hockten und den Kopf schieflegten, um trotzdem die Ge-schichte jener Verfolgten kennenzu-lernen - um diesen bis heute verleug-neten Opfern des Nationalsozialismus zumindest im Wissen um ihr Schicksal zu gedenken.

 

Niko Wahl, Historiker, ehem. Gedenkdiendstleistender