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Ausgabe 2/01


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Camilla Hirsch: „Jans weit draußen“

Portraitserie zu BewohnerInnen des Anita Mueller Cohen Elternheims, Tel Aviv (3)

 

„Jans weit draußen“ war Camilla Hirsch in ihrem Leben. Psychisch wie physisch. Aber damit wollte ich eigentlich nicht beginnen. Schon eher mit dem herrlichen Orangenliqueur à la Camilla: man nehme ein großes Glasgefäß, ca. 4 l. Hinein kommen vier große Orangen und eine Zitrone gut gewaschen und klein geschnitten (mit Schale, aber ohne Kerne) und darauf 1 kg Zucker, 1 l Alkohol (96 %, kein Wodka) und 1 l rohe Milch. Das alles gut umrühren. Noch den Hals des Tiegels  mit einem Stück Mull schließen, es muss ein wenig Luft dazu kommen. Jetzt nur mehr drei Wochen stehen lassen und dabei alle paar Tage mit einem langen Holzlöffel umrühren. Bleibt nur mehr das Umfüllen in Flaschen mit Hilfe eines Trichters und Filterpapier. Hier ist ein wenig Geduld gefragt. Prosit!

 

 

Czernowitzer Jugendzeit

 

Das Rezept stammt aus derselben Gegend wie sie selbst, die 1919 in Czernowitz (damals Rumänien, kurz zuvor noch Österreich, heute Ukraine) als zweites Kind in einer der dort zahlreichen deutschsprachigen und jüdischen Familien zur Welt kommt. Zu dieser Zeit leben in etwa 90.000 Juden in Czernowitz, multikulturelle Hauptstadt der Bukowina, und dank 100 Jahre judenfreundlicher Politik (freier Zugang zu Bildung, Beruf und Politik) der österreichischen Kaiser, Zentrum für deutsch-jüdische Kultur – und wie Camilla Hirsch es nennt, in einer „freundschaftlichen Umgebung“.Die Familie Bindl verliert beim Bankkrach im Jahre 1929 ihr Vermögen  und hat fortan materielle Probleme. Mit dem Tod des Vaters 1938, durch Spätfolgen des 1. Weltkrieges, verschlechtert sich die finanzielle Situation zusätzlich. Sie geht in die jüdische Volks- und Mittelschule und kann noch zwei Jahre Chemie studieren, bis die Sowjets im Juni 1940 die Stadt besetzen. Die Vorlesungen finden nunmehr in dem ihr fremden Russisch statt, das sie so gut wie möglich lernt; bis sieJuni 1941 mitsamt Mutter und Bruder verhaftet und deportiert wird. Sie gehört damit zu den wenigen, die verschleppt werden noch vor der deutschen Besetzung kurz darauf und dem Ghetto bzw. den deutschen Vernichtungslagern in Transnistrien entgehen. Praktisch die gesamte jüdische Bevölkerung aus Czernowitz wird dort in den folgenden vier Jahren umgebracht.

Hier beginnt ihre insgesamt 15 Jahre währende Verbannung, ein Schicksal, das für Millionen von Schicksalen stehen kann – für uns aus Mitteleuropa aber alles andere als geläufig, außer man hat „Archipel Gulag“ von Alexander Solschenizyn gelesen. Erste Station ist Novotirespast, eine kleine Siedlung zwischen Tundra und Taiga am Fluss Wasjugan. Ringsherum nur Wald und Sumpf. Hier gewinnt sie eineinhalb Jahre lang, mit rudimentärsten Mitteln, Tannenöl. im Winter 1942 kommt sie in ein Holzfällerlager am Fluss Turchsiga (220 km von Novotirespast über den Flussweg, 45 km über den Landweg). Bis Sommer 1945 „war ich ein Holzfäller, d.h. fällen im Winter und flößen im Sommer“. Dass es in diesen Wintern sehr kalt und in den Sommern sehr heiß was, und dass es wenig zu Essen gab und sonst alle Umstände widrig waren, versteht sich von selbst.

 

 

Hier hat die Qual keinen Namen

 

Wo sind diese Orte? Ich habe sie bis heute auf keiner Karte gefunden. Es wissen wohl auch nur wenige, wo das ist. Unbekannt, „janz weit draußen“, wie Camillas, aus Berlin stammender Mann, zu sagen pflegte. Hier hat die Qual keinen Namen. Bruder und Mutter haben das nicht ausgehalten, die Grobheit und Gemeinheit waren ihnen unerträglich. Sie haben wohl auch keinen Sinn mehr gesehen, das auszuhalten. Überlebt hat Camilla vielleicht aus Sturheit, vielleicht auch aus Wut über ihre Machtlosigkeit, vielleicht um zumindest als einzige der Familie am Leben zu bleiben. Vielleicht auch, weil sie eine Bärenpratze zum Essen bekommen hat: Als im Sommer 1942 ihr acht Jahre älterer Bruder Martin im Sterben liegt, marschiert sie in der Nacht die 45 km ins benachbarte Lager. Dabei wird sie von einem Bären bis ins Dorf verfolgt, der dort im Morgengrauen ein paar Tiere reißt und daraufhin erschossen wird. Camilla bekommt als Anerkennung, dem Bären getrotzt zu haben, die Pratze zum Kochen: „Auf dass sie kein Bär mehr reißt!“ Schmunzelnd unterstreicht Camilla, dass auch der große Bär, die Sowjetunion, sie nicht hat reißen können.

Im Frühling 1945 türmt sie mit einem Boot nach Karkasok, stürzt schwer beim Versuch, eine vereiste Böschung zu erklimmen und bleibt bewusstlos liegen. Ein Bauer bringt sie ins Krankenhaus, wo sie eine jüdische Ärztin aufopfernd pflegt. In Karkasok kann sie drei Jahre als Näherin arbeiten, bevor sie 1948 wegen ihrer Sprache und Geschenkpaketen aus den USA und Kanada zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt wird. „Cleveta“ hat das damals geheißen (§ 58, Abs. 10 und 11, weiß Frau Hirsch heute noch) und bedeutet so viel wie „boshafte Entstellung der sowjetischen Lebensweise“. Wieder wird Camilla Hirsch Näherin und macht Arbeiten für die Gattinnen der verschiedenen Offiziere.

 

 

15 Jahre Verbannung enden

 

Nach Stalins Tod (1953) wird sie schließlich 1956 im Zuge der Amnestie unter Chrutschow in die Freiheit entlassen. Sie ist Schwerinvalide, einzige Überlebende der Familie und ohne Heimat. Noch im selben Jahr heiratet sie einen lettischen Lagergenossen und geht mit ihm nach Riga. Doch „was für Sibirien taugte, hat für Lettland nicht mehr getaugt“, sie lässt sich schon ein Jahr darauf wieder scheiden. Sommer 1958 wagt sie den entscheidenden Besuch in Czernowitz; es ist eine Suche nach Papieren und einer verlorenen Identität und wird zu einem endgültigen Abschied. Als die ehemaligen Nachbarn in der Maria Theresienstraße sie nicht auf Anhieb erkennen, zerreißt es Camilla das Herz.

Erst Herbst 1963 darf sie aus der Sowjetunion ausreisen. Über Moskau, Kiew, Wien (zwei Tage im Sochnutlager von Korneuburg) und schließlich Neapel reist sie nach Israel. Erneut muss sich Camilla Hirsch völlig umstellen. Sie kämpft mit der Sprache, findet Arbeit in einer Trikotagefabrik, erfreut sich an der jungen Philharmonie und der gebotenen Kultur und findet noch eine Liebe, einen Berliner Einwanderer. Sie leben zehn Jahre gemeinsam, bis Herr Hirsch stirbt.

Heute meint sie, dank ihres Optimismus all das überlebt zu haben und sagt augenzwinkernd, „meistens das volle halbe Glas Kognak und nicht das leere“ gesehen zu haben. Sie wundert sich über ihr hohes Alter, fährt noch regelmäßig zu Konzerten in die Stadt, hat zahlreiche Träume und freut bzw. ärgert sich noch mächtig über alles mögliche.

 

Lorenz Potocnik, ehemaliger Gedenkdienstleistender im Anita-Mueller-Cohen-Elternheim, Tel Aviv