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Ausgabe 2/01


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Telegramm

Warten und Scrabble

„Es gibt eine Dame, mit der spiele ich zur Zeit lediglich Scrabble“, erzählt Christian. Er hofft, mit der Zeit ihr Vertrauen wecken zu können. 14 Monate hat er Zeit dazu. „Dieser Frau fällt es außerordentlich schwer, über ihre Vergangenheit zu sprechen“, meint er. Sie fühle sich im Heim sehr einsam, leidet unter einer Nervenkrankheit.

Christian Rohrauer leistet Gedenkdienst am Anita Mueller Cohen Elternheim in Tel Aviv. Das Anita Mueller Cohen Elternheim ist ein Altersheim, in dem vor allem EmigrantInnen aus den Ländern der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie leben. Ein verbindendes Element ist neben der gemeinsamen Geschichte und Religion daher die gemeinsame Muttersprache Deutsch. Zur Zeit leben ungefähr 90 Personen im Altersheim, der Großteil von ihnen, circa 70 Personen, wohnt in der „Unabhängigen Abteilung“. Dort leben Menschen zwischen 80 und 95 Jahren, die physisch und psychisch weitgehend noch in der Lage sind, sich selbst zu versorgen. Dann gibt es noch die Pflegeabteilung, in der ca. 20 Menschen mit schweren Krankheiten betreut werden. Sie brauchen medizinische Hilfe sowie Hilfe beim Waschen, Anziehen und Essen.

„Heute früh half ich dem 97-jährigen Adon beim Rasieren, Duschen und Anziehen. Ich betreue Bewohner, die schon mein Vorgänger betreut hat, die ich quasi von ihm „übernommen“ habe. Die Betreuung durch Christian schätzen die BewohnerInnen des Heims hoch ein.

„Das Leben dieser Menschen besteht nur mehr aus Warten: Warten aufs Aufstehen, Warten auf das Frühstück, auf die Physiotherapie, auf das Mittagessen . . .“, sinniert Christian. Sein Vorgänger hatte deshalb einen Internet-Kurs ins Leben gerufen. Im Computer-Einzelunterricht geht es darum, die „SchülerInnen“ mit dem Computer vertraut zu machen, ihn ohne fremde Hilfe zu nutzen. „Im Internetkurs gibt es kleine Fortschritte. Mit einer meiner Schülerinnen musste ich den Unterricht mangels Fortschritt beenden. Dafür hab ich jetzt zwei neue Schülerinnen – außerordentliche Talente“, schmunzelt Christian.

 

(ju)

 

 

Von der Nummer zum Namen

 

Pionierarbeit leisten die beiden Gedenkdienstleistenden an der Fundación Memoria del Holocausto in Buenos Aires. „Del Número al Nombre“, übersetzt „Von der Nummer zum Namen“, ist ein Projekt, das die Biografien Holocaust-Überlebender erfasst, die vor, während oder nach dem Zweiten Weltkrieg nach Argentinien emigrierten. Nach dem Vorbild der „Austrian Heritage Collection“, an der die Gedenkdienstleistenden am Leo Baeck Institute in New York arbeiten, soll die Auswertung der Fragebögen durch oral history-Interviews ergänzt werden.

Parallel zu „Del Número al Nombre“ starteten Oliver Kühschelm und Jochen Planer ein eigenes, langfristiges Projekt: Die Erstellung einer biografischen Sammlung über österreichische EmigrantInnen. Der Kontakt zu österreichischen EmigrantInnen intensivierte sich weiter und entwickelte sich bald zur hauptsächlichen Tätigkeit der beiden Gedenkdienstleistenden. Zahlreiche ÖsterreicherInnen haben mittlerweile den von Jochen und Oliver erstellten Fragebogen ausgefüllt, mehrere Interviews gegeben und ihre Geschichte(n) erzählt. Oliver und Jochen sehen sich als Sammler von Lebensgeschichten, deren Gemeinsamkeit in der Erfahrung der Vertreibung aus ihrer Heimat besteht. Dabei tun sich die unterschiedlichsten Aspekte der komplexen Geschichte(n) der Emigration aus Österreich nach Argentinien auf.

 

(ju)

 

Amsterdam - Vilnius

 

Gedenkdienst als Brücke zwischen Amsterdam und Vilnius: eine Erfolgsstory mit Fortsetzung.

Nach dem großen Erfolg der Ausstellung „Anne Frank – Eine Geschichte für heute“ in Litauen soll die Kooperation zwischen dem Anne Frank Haus in Amsterdam und dem Jüdischen Museum in Vilnius nun fortgesetzt werden. Geplant ist eine Ausstellung über „The Jews of Lithuania throughout the Centuries“. Vilnius war einst kulturelles, wirtschaftliches und politisches Zentrum des Judentums in Osteuropa, weshalb es auch als „des Jerusalem de Lite“, das „Jerusalem Litauens“ bekannt war. Das jüdische Litauen und die Litvak-Kultur fanden mit dem Einmarsch der Nazis in Litauen 1941 jedoch ein tragisches Ende: Über 94% der jüdischen Bevölkerung wurde ermordet.

Im Jänner 2002 wird die Ausstellung in Vilnius eröffnet werden und in der Folge durch ganz Litauen touren. Unser Gedenkdienstleistender vor Ort, Reinhard „Sepp“ Brudermann, hat neben organisatorischen Treffen mit Historikern die Texte für die Paneele „First Soviet Period“ verfasst, Texte und Fotos vorbereitet und ist nunmehr für das Design der Paneele zuständig. Gemeinsam mit Niko Mayr, Gedenkdiener am Anne Frank Haus in Amsterdam, werden für die Ausstellung Interviews mit Holocaust-Überlebenden aus Litauen auf MiniDV Format gefilmt, wichtige Passagen transkribiert und ins Englische übersetzt. Zwölf Interviews gehen bereits auf Brudermanns Konto. Weitere folgen noch. Pionierarbeit sozusagen.

 

(ju)

 

 

Terroranschläge in den USA

 

Unsere sechs Gedenkdienstleistenden in Washington (Harald Schindler, Roland Engel) und New York (Sebastian Markt, Roland Winkler, Jan Prusa, Andreas Barth) sind wohlauf. Das US Holocaust Memorial Museum in Washington wurde unmittelbar nach den Anschlägen evakuiert. Auch die Fundación Memoria del Holocausto in Buenos Aires war aus Angst vor weiteren Anschlägen kurzfristig geschlossen. Die für den 11. September 2001 angesetzte Verleihung des Mathilde Bueno-Gedächtnispreises an Dr. Anibal Ibarra, Bürgermeister von Buenos Aires, die Jochen Planer (unser Gedenkdienstleistender vor Ort) organisiert hatte, wurde aufgrund der Terroranschläge in den USA abgesagt. (sl)