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Ausgabe 3/01


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Roma und Sinti in Österreich

Seit Jahrhunderten waren die Roma und Sinti Diskriminierung und Ausgren­zung ausgesetzt. Den Höhepunkt der Verfolgung bildete die NS-Zeit, als ca. 90 Prozent der in Österreich lebenden Roma und Sinti ermordet wurden.

Bereits 1938 wurden 232 Roma in­haftiert und als „Asoziale" kategorisiert in Konzentrationslager eingewiesen. Ein Jahr später ordnete das Reichskriminal-polizeiamt die Einweisung von 3000 ar-beitsfähigen burgenländischen Roma in Konzentrationslagern an. In Berlin ging man davon aus, dass die burgenländi-schen Roma nichts arbeiteten. Das Ge­genteil war der Fall. Nach dem An-schluss hatte man den Roma ihre tradi­tionellen Berufe, wie etwa das Musizie-ren in der Öffentlichkeit, verboten. Aufgrund der kriegsbedingten Rüstungs­konjunktur fanden viele Roma Arbeit in Industriebetrieben, im Baugewerbe und in der Landwirtschaft. Sogar der steiri-sche Gauleiter Uiberreither kritisierte die Folgen dieser Deportationen, unterstütz­te sie aber aus rassistischen Motiven: „Obwohl es sich hier um unständig be­schäftigte Zigeuner handelt, die weder vorbestraft noch arbeitsscheu sind oder in anderer Weise der Allgemeinheit zur Last fallen, will ich ihre Unterbringung in Zwangsarbeitslagern aus der Erwägung heraus anordnen, daß ein Zigeuner als außerhalb der Volksgemeinschaft stehend stets asozial ist."

Tatsächlich wurde eine Reihe von Zwangsarbeitslagern für „Zigeuner" ein­gerichtet. Derartige Lager gab es in Wi­en, in der Steiermark in Leoben, Graz, Kobenz, Triebendorf, Unzmarkt, Zelt­weg, St. Georgen ob Judenburg und St. Lambrecht bei Neuberg, in Oberöster­reich in Weyer, in Salzburg in Maxglan, in Niederösterreich in Hinterberg, Perg, Karlhof in Kammern, Fischamend, und Groß-Globnitz. Bei den Verhaftungsak­tionen von Arbeitsfähigen blieben nun Hunderte unversorgter Kinder und ande­re Angehörige zurück. Dadurch stiegen aber die Fürsorgeausgaben der Ge­meinden stark an, was abermals als Be­gründung für die angebliche Asozialität der Roma und Sinti diente. Am 17. Okto­ber 1939 befahl Himmler, dass sämtliche Roma und Sinti ab sofort ihren Aufent­haltsort nicht mehr verlassen durften. Da die festgehaltenen Roma und Sinti von den Gemeinden versorgt werden mus-sten, forderten diese nun ihre „Abschaf­fung". Das Reichssicherheitshauptamt empfahl schließlich die Einrichtung von Zigeunerlagern, wie jenes in Lacken bach.

 

 

„Zigeunerlager Lackenbach"

 

Das Zigeunerlager Lackenbach wur­de am 23. November 1940 in einem ehe­maligen Gutshof eingerichtet. Die Lager­leitung unterstand der Kriminalpolizeileitstelle Wien, die Kosten des Lagers teil­ten sich die Landräte der Kreise Brück an der Leitha, Eisenstadt, Lilienfeld, Oberpullendorf, St. Polten und Wiener Neustadt sowie die Gemeindeverwal­tung des Reichsgaues Wien im Verhält­nis der aus den Kreisen und Städten ein­gelieferten Zahl der Häftlinge. Die hier in­ternierten Roma und Sinti mussten in den Ställen und Scheunen des ehemaligen Guthofes unter primitivsten Bedin­gungen leben und Zwangsarbeit leisten. Die Löhne wurden an die Lagerleitung überwiesen, die Roma bekamen nur ein geringfügiges Taschengeld von 5 bis 10 Reichsmark pro Monat. Bei geringsten Verstößen gegen die Lagerordnung wur­den sie grausamst bestraft. Prügelstra­fen, Appellstehen und Essensentzug prägten den Alltag im Lager. Die kata­strophalen Lebensbedingungen führten 1942 zum Ausbruch einer Fleckfiebere­pidemie, der zahlreiche Roma zum Op­fer fielen.

Die Zahl der in Lackenbach Inhaftier­ten schwankte normalerweise zwischen 200 und 900, ein Drittel davon waren Kinder. Am 1. November 1941 erreichte die Zahl der Inhaftierten den Höchst­stand von 2335 Personen. Von den ins­gesamt rund 4000 im Lager Lackenbach internierten Roma und Sinti wurden im Herbst 1941 2000 in das Ghetto in Lodz / Litzmannstadt und von dort später ins Vernichtungslager nach Chelmno / Kulmhof deportiert. Nur we­nige hundert Roma und Sinti erlebten die Befreiung des Lagers Lackenbach durch sowjetische Truppen im April 1945. Ins­gesamt kamen im Lager Lackenbach zwischen 1940 und 1945 237 Personen ums Leben.

 

Mit Erlass vom 1. Oktober 1941 ord­nete Himmler die Deportation von 5000 zumeist österreichischen Roma und Sinti in das Ghetto in Lodz / Litzmann­stadt an. In der Regel wurden ganze Fa­milien deportiert. Von den 5007 nach Lodz / Litzmannstadt deportierten „Zi­geunern" waren nach Einschätzung der Deutschen Ghettoverwaltung insgesamt nur 1925 arbeitsfähig. Neben den 2318 Erwachsenen befanden sich in den fünf Transporten auch 2689 Kinder, die mehr als die Hälfte der Deportierten ausmach­ten. Von den 5007 ins Zigeunerlager in Lodz / Litzmannstadt deportierten Roma und Sinti starben 613 Personen bereits in den ersten Wochen nach der Ankunft, die meisten wahrscheinlich an einer Fleckfieberepidemie. Alle noch lebenden Roma und Sinti wurden im Dezember 1941 oder Jänner 1942 ins Vernich­tungslager Chelmno / Kulmhof überstellt und vergast. Niemand überlebte.

 

Am 26. Jänner 1943 erging der Befehl Himmlers zur Deportation der österreichischen Roma und Sinti nach Auschwitz-Birkenau. Auch die Lokalbehörden in den damaligen Gauen Steiermark und in Niederdonau drängten auf die Deportation der noch in österreichi­schen Lagern in­haftierten Roma und Sinti. Von den Deportationen wurden nicht nur „reinras­sige" Roma und Sinti erfasst, sondern auch „Mischlinge" und sogenannte „zi­geunerische Personen". Einzelne bur-genländische Roma-Mischlinge, die ihren Wehrdienst an der Front versahen, wurden auf Heimaturlaub beordert, dort

verhaftet und eben­falls deportiert. An­fang April 1943 wur­den ca. 2700 öster­reichische Roma und Sinti in Güterwaggons nach Auschwitz-Bir-kenau gebracht, wo sie unter schreckli­chen Umständen in einem eigens abge­grenzten Bereich, dem „Zigeunerfamili­enlager", leben mussten.

 

Im Hauptbuch des Zigeunerlagers Auschwitz-Birkenau wurden 10849 weibliche sowie 10094 männliche Häft­linge registriert. Zu fast zwei Drittel stammten die dort internierten Roma und Sinti aus Deutschland und Österreich, über 20 Prozent aus Böhmen und Mähren und knapp über sechs Prozent aus Polen. Täglich starben kranke und entkräftete Häftlinge; immer wieder wur­de eine größere Anzahl von Kranken vergast, darunter am 12. Mai 1943 auch österreichische Roma und Sinti. Bis En­de 1943 starben 70 Prozent der Häftlin­ge des Zigeunerlagers. Ende Juli 1944 wurden alle Insassen des Zigeunerla­gers Auschwitz-Birkenau, die als noch arbeitsfähig angesehen wurden, in ver­schiedene andere Konzentrationslager verlegt und als Zwangsarbeiter in Indus­triebetrieben eingesetzt. Am 2. August 1944 umstellte die SS das Zigeunerla­ger, und in der Nacht auf den 3. August wurden alle noch im Zigeunerlager le­benden Häftlinge in den Gaskammern ermordet.

 

 

„Wiedergutmachung"

 

Nach der Befreiung 1945 war die Dis­kriminierung der Roma und Sinti in Österreich noch keineswegs zu Ende. Von den 130 Romasiedlungen im Bur­genland, meist am Rande der Dörfer ge­legen, in denen jeweils zwischen 30 und 300 Personen gelebt hatten, war in der Regel nichts geblieben. Die Überleben­den konnten nach 1945 kaum An­sprüche auf Entschädigung für ihre zer­störten Häuser auf Gemeindegrund gel­tend machen, da sie aufgrund der feh­lenden grundbücherlichen Eintragung nicht nachweisen konnten, jemals ein Haus besessen zu haben. Auch durch das Opferfürsorgegesetz waren die Ro­ma und Sinti vor allem dadurch schwer benachteiligt, daß die Haft in Lacken­bach nicht als KZ-Haft anerkannt wurde und wird. Erst 1988 erhielten die Überle­benden der „Zigeunerlager" bei minde­stens  halbjähriger  Inhaftierung  das Recht auf eine Amtsbescheinigung und damit auf eine Opferfürsorgerente. Vor­aussetzung für eine Opferfürsorgerente war seit jeher, daß die Bezieher bedürf­tig, nicht vorbestraft und in ihrer Er­werbsfähigkeit gemindert waren. Viele Roma und Sinti waren in der Zwi-schenkriegszeit und zum Teil auch nach 1945 aufgrund diskriminierender Geset­ze, zum Beispiel wegen „Vagabundage", vorbestraft. Oder sie waren unter der

Vorwand der „Asozialität" in die KZs ein­geliefert worden. Sie hatten daher kei­nen Anspruch auf eine Amtsbescheini gung und konnten damit keine Opferfür sorgerente beanspruchen. Für viele wai auch der Nachweis der Minderung de Erwerbsfähigkeit ein unüberwindliches Hindernis, da sich häufig - teilweise selbst in die NS-Vergangenheit verstrick te -Amtsärzte weigerten, den Roma und Sinti eine Minderung ihrer Erwerbsfähig keit zu bestätigen. Wenn die gesundhei liehe Schädigung unübersehbar war, wurde oft jeglicher Zusammenhang ml der erlittenen Haft im Konzentrationsla-ger oder mit geleisteter Zwangsarbei bestritten.

 

 

Politische Vertretung

 

VertretungWie viele Roma und Sinti heute in Österreich leben lässt sich nur schätzen, da in der Zweiten Republik über die Zu­gehörigkeit zu Volksgruppen keine Son­derlisten mehr geführt werden, wie dies in der Zwischenkriegszeit noch der Fall war. Die Sprache der Roma und Sinti, das Romanes, ist eine indogermanische Sprache des indischen Sprachzweiges. Bei der Volkszählung 1991 gaben im Burgenland 95 Personen auch Roma­nes als Umgangssprache an, österreich­weit waren es 122. Die Tatsache, daß aber viele Angehörige der Minderheit nicht unbedingt diese Minderheitenspra­che verwenden, oder sich nicht zu ihr be­kennen, verzerrt die Brauchbarkeit dieser Angaben. Schätzungen von Verei­nen und Vertretern der Minderheit schwanken zwischen rund 10.000 und 40.000 Romanes-Sprechern, unter ih­nen viele, die als „Gastarbeiter" in den 60er und 70er Jahren neu zugewandert waren.

Im Juni 1989 wurde der erste Roma-Verein in Oberwart und 1991 der Kultur­verein österreichischer Roma in Wien gegründet. Diese und weitere neu ent­stehende Vereine wie z.B. Romano Centro in Wien zeigten das neu entste­hende Selbstbewußtsein der Minderheit und betrieben erfolgreich die Anerken­nung der Roma als Volksgruppe. Am 15. Oktober 1992 wurde der 4-Parteien-Ent-schließungsantrag betreffend die Aner­kennung der Roma und Sinti als österreichische Volksgruppe von den Abge­ordneten aller Parlamentsfraktionen ein­stimmig angenommen. Mit dem einstim­migen Beschluß im Hauptausschuß des Nationalrates vom 16.12.1993 wurden die österreichischen Roma und Sinti-gruppen als "Volksgruppe der Roma" (Roma als Oberbegriff für die verschie­denen in Österreich lebenden autocht-honen Untergruppen) anerkannt.

Die Existenz der Volksgruppe wurde der Öffentlichkeit aber erst mit dem At­tentat in Oberwart bewußt. Am 4. Febru­ar 1995, kurz vor Mitternacht, wurden 4 Männer der Volksgruppe der Roma durch einen hinterhältigen Rohrbomben-Anschlag getötet. Es waren Söhne und Enkelkinder von Überlebenden des Ho­locaust. Peter Sarközi (27), Josef Simon (40) wollten zusammen mit den Brüdern Erwin Horvath (18) und Karl Horvath (22) eine Tafel entfernen, die auf der Zu fahrtsstraße zur Roma-Siedlung aufge stellt war. Die Tafel mit der Inschrift „ROMA ZURÜCK NACH INDIEN" war eine heimtückisch getarnte Rohrbombe Das Bombenattentat von Oberwart war der erste rassistisch motivierte Mord in Österreich seit 1945.

 

Gerhard Baumgartner, Florian Freund,

Mitarbeiter der Österreichischen Historikerkommission