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Ausgabe 3/01


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Die Sinti von Weyer

Über den Völkermord an einer uralten oberösterreichischen Minderheit

 

Seit 1765, das läßt sich der Pfarrchronik entnehmen, seit 1765 sind fast alle Mitglieder der Familie Kerndlbacher in Hochburg / Ach, einer Gemeinde im westlichen Oberösterreich, getauft worden. Erst gegen die Mitte unseres Jahrhunderts hat sich das radikal geändert. Auf dem Ortsfriedhof von Ach wird das Grab des Robert Kerndlbacher, Musiker, gestorben am 28. Februar 1938, immer noch erhalten, ein entfernter Verwandter, der alte Herr Blach aus München, läßt es sich nicht nehmen. Im doppelten Wortsinn.

Robert Kerndlbachers Grab ist das letzte erhaltene Kerndlbacher-Grab für viele Jahre, obwohl Dutzende Mitglieder der Familie in den folgenden Jahren verstorben sind, genauer gesagt: ermordet wurden. Denn die Kerndlbachers, weithin angesehene Pferdehändler, sind Teil jener autochthonen oberösterreichischen Sintiminderheit, die zum allergrößten Teil in Litzmannstadt (heute wieder Lodz) im Zigeunerghetto Hunger und Durst, Flecktyphus und Gas (50 Kilometer vor der Stadt in Kulmhof, Chelmno) zum Opfer gefallen ist. Zurückgekehrt ist niemand.

Überlebt haben einzelne Sinti, die untertauchen konnten, manche, die außerhalb Oberösterreichs verhaftet wurden und nicht ins Lager Weyer kamen, dafür nach Ravensbrück oder Auschwitz.

Das Lager Weyer im Innviertel: Nach der überstürzten Auflassung eines Arbeitserziehungslagers am selben Ort (mißliebige Bürger genossen dort sadistisches SA-Wachpersonal und nicht selten Erziehung zum Tod) wegen einer Anzeige des Lagerarztes Ende 1940 und intensiver staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen richtete der Reichsgau Oberdonau jenes Zigeuneranhaltelager ein, aus dem es im Prinzip nur zwei Ausgänge gab: den einen in die Reichsbahnwaggons nach Lackenbach im Burgenland und drei Tage später nach Lodz (November 1941) oder den anderen in die Gerätekammer des Totengräbers von Haigermoos unter der Apsis der Pfarrkirche, wo die toten Zigeuner zwischen Gießkannen und Spaten abgelegt wurden, bis sie irgendwo unauffällig verscharrt wurden.

In Weyer selbst vegetierten hunderte Menschen auf engstem Raum, und obwohl sich die Zustände nicht mit jenen des vorherigen Arbeitserziehungslagers mit seinen systematischen Tötungen und Folterungen vergleichen lassen, starben wieder Menschen. Allein die Tatsache, daß sich in verschiedenen Quellen zum Teil verschiedene Todesursachen für dieselben Personen finden, legt nahe, daß es Gründe zum Vertuschen gab. Die Arbeitsleistung der Sinti bei der Entsumpfung des Ibmer Moores wurde vom Wasserwirtschaftsamt Braunau kollektiv abgegolten und vom Reichsgau Oberdonau als fünfstellige Reichsmarkeinnahme im Haushaltsplan verbucht. Ansprüche auf vorenthaltenen Lohn konnte niemand mehr stellen.

Stigmatisierung und Verfolgung der Sinti haben eine lange Tradition in diesem Land, völliges Unverständnis gegenüber Sitten und Gebräuchen der Zigeuner, zynische Rechtsvorschriften und parteiliche Richter trugen das ihre dazu bei, daß der Boden für die vollständige Vernichtung bereitet war.

All diese Versatzstücke finden sich in der frühen Zweiten Republik wieder, wenn etwa der Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit schon 1948 vor dem wieder zunehmenden Zigeunerunwesen warnt und darauf verweist, daß sich die Zigeuner jetzt gern als ehemalige KZ-ler ausgeben würden, um Mitleid zu erregen. Er schlägt für Nichtstaatsbürger Österreichs die sofortige Außerlandschaffung lästiger (sic!) Zigeuner vor. Daß die Nazis den Sinti die Staatsbürgerschaft entzogen hatten, fügte sich ausgesprochen gut, und so mußte etwa Rosa Kerndlbacher, geboren in Königswiesen im Mühlviertel, in der Steiermark 1939 festgesetzt, über das Lager Maxglan in Salzburg nach Ravensbrück verbracht, als einziges von zwölf Geschwistern lebendig zurückgekommen, bis 1988 warten, ehe die Republik sich bequemte, auch den Roma und Sinti zuzugestehen, Opfer der NS-Gewaltherrschaft gewesen zu sein. 1991 erhielt die alte Dame dann endlich die Staatsbürgerschaft (und eine kleine Opferrente), nicht ohne ihren Namen aufgeben zu müssen. Denn standesamtliche Heiratsdokumente ihrer ermordeten Eltern waren nicht aufzutreiben, also mußte sie den Mädchennamen der Mutter annehmen, Vurschrift ist Vurschrift.

1954 erklärte die Bundespolizeidirektion Linz auf Nachfrage, das Lager Weyer habe ganze sechs (!) Wochen bestanden; und irgendwann um diese Zeit machte sich auch der Bezirksrichter von Wildshut, zu dessen Gerichtsbezirk der Weiler Weyer gehört, daran, den ermordeten Kindern, die, weil ledig geboren, formell dem Gericht unterstanden, sobald sie ins Lager eingeliefert waren, im Pflegschaftsakt die Großjährigkeit zuzubilligen, obwohl, wie bei der damals neunjährigen Amalia Blach, der letzte Aktenvorgang auf den fernen Frühsommer 1941 zurückging.

Das Zigeuneranhaltelager Weyer samt Folgen war 60 Jahre kein Thema, ein einziger kleiner Aufsatz eines Historikers ohne brauchbare Daten und Fakten sowie ein paar kurze Erwähnungen im Band Widerstand und Verfolgung in Oberösterreich 1934 –1945 des DÖW waren alles, was sich dazu ansammelte. Niemand wurde je für die schrecklichen Ereignisse belangt, und erst meine Recherchen bewogen die Gemeinde St. Pantaleon, zu der Weyer und Haigermoos damals gehörten, eine Erinnerungsstätte für die Opfer des Terrors von Weyer zu schaffen.

Für den ORF gestaltete ich schließlich einen TV-Essay zum Thema, und mein Roman Herzfleischentartung hat den Geschehnissen 2001 endgültig weit über Österreichs Grenzen hinaus große Publizität eingetragen. Vor kurzem hat nun der Landeshauptmann von Oberösterreich, Josef Pühringer, das Oberösterreichische Landesarchiv beauftragt, das Schicksal der oberösterreichischen Sinti zu erforschen. Und jener rührige Sintiverein in Linz, Kétani (=Miteinander auf Romanês) heißt er, wird, so steht zu hoffen, vom Land in Zukunft etwas mehr unterstützt werden, wie es der moralischen Verantwortung entspricht.

 

 

Ludwig Laherfreier, Schriftsteller

 

 

Literatur:

Bastian, Till: Sinti und Roma im Dritten Reich. Geschichte einer Verfolgung, München 2001.

Gedenkbuch die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, München.

 

Gesellmann, Georg: Die Zigeuner im Burgenland in der Zwischenkriegszeit. 1989.

 

Rieger, Barbara: "Zigeunerleben" in Salzburg 1930 -1943. Die regionale Zigeunerverfolgung als Vorstufe zur planmäßigen Vernichtung in Auschwitz, 1990.

 

Rieger, Barbara: Roma und Sinti in Österreich nach 1945. Dipl. Wien, 1997.

 

Rose, Romani: Sinti und Roma im "Dritten Reich". Das Programm der Vernichtung durch Arbeit, Göttingen 1991.

 

Stojka, Ceija: Wir leben im Verborgenen. Erinnerungen einer Rom-Zigeunerin, Wien 1995.

 

Stojka, Karl: Ein Kind in Birkenau, Wien 1990.

 

Stojka, Mongo: Papierene Kinder. Glück, Zerstörung und Neubeginn einer Roma-Familie in Österreich, Wien 2000.

 

Thurner, Erika: Nationalsozialismus und Zigeuner in Österreich, Wien 1983.