AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 3/01


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

„Sobald sie wissen, dass du Zigeuner bist, fangen die Probleme an“

Der Verein Kétani kämpft für die Rechte von Sinti und Roma in Oberösterreich

 

Der Verein Kétani (Auf Deutsch: „Zusammen“) setzt sich seit vier Jahren für die Rechte von Sinti und Roma in Oberösterreich und in Westösterreich ein. Gegründet wurde er von den Geschwistern Rosa Martl und Richard Kugler, beide Sinti aus Linz.

Die Idee zur Gründung des Vereins hatte Rosa Martl. 16 Jahre lang hat sie für die Rechte ihrer Mutter, Rosa Winter gekämpft. Rosa Winter wird als Sinti 1939 von den Nazionalsozialisten verhaftet und schließlich in das KZ Ravensbrück verschleppt. Nach dem Krieg erhält sie keinerlei Entschädigung. 1975 beginnt ihre Tochter für sie einen langen Kampf mit den Behörden. Erst 1991 erhält Rosa Winter die österreichische Staatsbürgerschaft, 45.000 Schilling Haftentschädigung für 6 Jahre Internierungslager und KZ-Haft, 70.000 Schilling Wiedergutmachung vom Österreichischen Nationalfonds und seither auch eine kleine Rente.

Durch den Erfolg ermutigt, gründet Rosa Martl den Verein „Kétani“, um auch anderen Sinti und Roma mit einem ähnlichen Schicksal zu helfen. Der Verein wird als „Kulturverein“ vom Bundeskanzleramt und vom Land Oberösterreich gefördert.

 

GEDENKDIENST: Frau Martl, mit welchen Problemen hatten sie in den 16 Jahren zu kämpfen, in denen sie sich für die Entschädigung ihrer Mutter eingesetzt haben?

 

Meine Mutter hat als staatenlos gegolten, obwohl ihre Eltern hier geboren waren und ihre Familie seit 1765 das Heimatrecht in Österreich hatte.

Außerdem hatte sie nach dem Krieg einige Vorstrafen und das hat schon genügt, um ihr die Staatsbürgerschaft nicht zu geben, und damit auch nicht die Anerkennung als Opfer des NS-Regimes. Unzählige Schreiben haben nichts genützt.

 

GEDENKDIENST: War das aus ihrer Sicht eine bewusste Verzögerungstaktik der Regierung?

 

Ja. Man hat ja auch Opfern, die vor 1938 wegen Kleinigkeiten vorbestraft waren keine Entschädigung gegeben. Die Begründung war, daß sie ohnehin mit Recht in den Lagern gewesen seien.

Auch den KZ-Verbänden muß man in dieser Sache einen Vorwurf machen. Die haben nach dem Krieg überhaupt nichts für die Sinti und Roma getan. Sie haben sich damit gerechtfertigt, daß die Leute ja nicht zu ihnen gekommen seien, obwohl sie gewusst haben, daß die meisten Sinti und Roma aus dieser Generation nicht schreiben und lesen können.

 

GEDENKDIEST: Kann den Leuten mit dem Verein „Kétani“ beim Kampf mit den Behörden jetzt eher geholfen werden?

 

Ja, sicher. Es steht jetzt jemand hinter ihren Anliegen. Wir haben einfach leichter Zugang zu den Behörden und Ämtern.

Es geht alles etwas schneller. Auch deswegen, weil sich in den letzten Jahren international bei der Entschädigung für NS-Opfer einiges getan hat. Aber es warten immer nocht etwa 230 Vereinsmitglieder auf eine Entschädigung, alle von ihnen sind zwischen 70 und 80.

 

GEDENKDIENST: Roma und Sinti werden bei der österreichischen Einigung auf die Entschädigung für NS-Opfer mitberücksichtigt. Sind sie mit dieser Regelung zufrieden?

 

Es bleibt uns nichts anderes übrig. Die Alternative wäre, daß wir unsere Ansprüche mit einem eigenen Anwalt einklagen, aber sie wissen, wie lange das dauert. Das würde sich so lange hinziehen, bis überhaupt kein Opfer mehr lebt.

 

GEDENKDIENST: Mit welchen Problemen kommen die Leute sonst noch zu ihnen?

 

Manche brauchen einen Hilflosenzuschuß, weil es ihnen gesundheitlich schon sehr schlecht geht. Andere kommen zu uns, weil sie selbst oder ihre Kinder ständig in der Schule diskriminiert werden. Wir versuchen zu vermitteln. Wir haben Häftlinge, die um einen Besuch bitten. Ein Häftling aus Ex-Jugoslawien sitzt schon seit 6 Jahren im Gefängnis, und hat noch nie Besuch von seiner Familie bekommen.

Dann machen wir Campingplatzbetreuung. Das heißt, wenn’s Probleme gibt, vermitteln wir zwischen der Gemeinde und den fahrenden Sinti und Roma. Aber wir können uns natürlich nur minimal engagieren, weil wir weder Zeit noch Personal haben.

Außerdem kümmern wir uns um kulturelle Projekte. Zum Beispiel haben wir eine Filmreihe über Frauen im Widerstand gegen das NS-Regime in Linz gezeigt. Danach haben wir die Ausstellung „Wege nach Ravensbrück“ nach Linz gebracht. Derzeit planen wir eine große Sinto-Ausstellung, die nächstes Jahr starten soll.

 

GEDENKDIENST: Wie viele Mitarbeiter hat der Verein Kétani?

 

Richard Kugler: Wir sind zu zweit, wobei ich ehrenamtlicher Obmann bin. Meine Schwester, Rosa Martl, sollte zwar einen Lohn von 14.000 öS im Monat bekommen. Allerdings verzögern sich die Zahlungen vom Bundeskanzleramt immer wieder. Im Frühling mussten wir 5 Monate warten, bis das Geld überwiesen wurde. Der oberösterreichische Landeshauptmann Pühringer hat uns jetzt zugesichert, sich für pünktliche Zahlungen einzusetzen.

 

GEDENKDIENST: Hat sich seit der neuen Regierung die Zahlungsmoral verschlechtert?

 

Nein, das nicht. Aber die Situation hat sich auch nicht verbessert. Die Arbeit wird immer mehr, und wir bräuchten mindestens einen weiteren Mitarbeiter. Die zu erledigende Post häuft sich.

 

GEDENKDIENST: Sie haben die Diskriminierung in der Schule angesprochen. Mit welchen Problemen sind sie konfrontiert?

 

Rosa Martl: Ich hab’ das Gefühl, sobald die Lehrer wissen, dass ein Kind ein Rom oder ein Sinto ist, fangen die Probleme an. Entweder mit Mitschülern, oder mit den Lehrern selbst. Unser Obmann hat selbst Probleme gehabt.

 

Richard Kugler: Ein Problem ist, das wir einfach ein anderes Volk sind. Ein Sinto-Kind wird sich nie so einfügen können, wie ein anderes Kind. Das hat ein anderes Blut, und ist das lange Sitzen nicht gewohnt. Mein Sohn streitet jeden Tag mit der Lehrerin. Die Situation wird langsam besser, weil immer mehr Sinti und Roma sesshaft werden. Früher, wie noch die meisten in Wohnwägen gehaust haben, und die Kinder von dort in die Schule geschickt worden sind, hat das natürlich noch viel weniger funktioniert. Die Vorurteile gegenüber Zigeunern sind allerdings noch immer da. Es gesteht sich keiner mehr ein, und es redet keiner mehr drüber. Aber wie’s in den Leuten ausschaut ist ein Wahnsinn. Und es gibt in den Schulen noch immer genug Nazis. Ich hab sogar dem Direktor der Schule meines Kindes ins Gesicht gesagt, dass er in meinen Augen ein Nazi ist.

 

GEDENKDIENST: Wie verhalten sich die Behörden, wie der Landesschulrat?

 

Richard Kugler: Ich hab’ einen Vorfall zur Anzeige gebracht. Als ein Türkenkind meiner Tochter auf den Kopf geschlagen hat und sie beschimpft hat mit „Du Scheiß-Zigeunerin!“ ist es mir zu viel geworden. Das Unterrichtsministerium und der Landesschulrat haben das ganze untersucht. Vor der Kommission haben die Lehrer behauptet, sie hätten nichts gesehen. Mitten in der Schule. Schließlich ist das ganze im Sand verlaufen. Privat klagen wollte ich dann nicht, obwohl man das tun sollte.

 

GEDENKDIENST: Fühlen Sie sich auch in anderen Lebensbereichen als Sinto diskriminiert?

 

Richard Kugler: Probleme gibt’s nur dann, wenn jemand weiß, daß ich  Zigeuner bin. Wenn sie’s nicht wissen, dann glauben sie, du bist ein Jugoslawe oder ein Türke. Wenn Du mit ihnen dann in der Mundart redest, fragen sie dich: Bist Du schon lange in Österreich? Und ich sage: Ja, schon seit meiner Geburt, ich bin ein Zigeuner. Dann gibt’s lange Gesichter.

Das Problem ist, daß die Vorurteile durch  den Nationalsozialismus in die Leute hineingetrichtert worden sind, und daß immernoch in den Leuten drinnen hängt. Schwarze Schafe gibt es natürlich überall. Das traurige ist, wenn bei den Zigeunern einer ein schwarzes Schaf ist, wird die ganze Sippe angekreidet. Wenn bei den Gadji (Nicht-Zigeuner, Anm.) einer ein schwarzes Schaf ist, wird er ausgesondert und die Sippe bleibt rein. Das ist das Verbrechen daran.

 

GEDENKDIENST: Was müsste aus ihrer Sicht noch  für die Rechte der Sinti und Roma getan werden?

 

Rosa Martl: Eine Forderung ist, daß der Haus-zu-Haus Handel in Österreich legalisiert wird. In Deutschland ist das bereits legalisiert. Dort zahlen die Sinti etwa 1.000 Mark Steuern im Vierteljahr und dürfen dafür Haus-zu-Haus Handel betreiben. Auch das Marktfahrer-gewerbe müsste leichter zu bekommen sein.

 

GEDENKDIENST: Gibt es nicht ohnehin nur mehr wenige Sinti und Roma, die diesen Haus-zu-Haus Handel betreiben?

 

Rosa Martl: Ja, weil es eben kriminalisiert wird. Aber es wäre doch besser, jemanden, der die Tendenz zum Handel hat, das auf legaler Basis zu ermöglichen. Wenn die Roma und Sinti in der warmen Jahreszeit auf die Reise gehen, handeln viele mit Antiquitäten, andere mit Schmuck oder Edelsteinen. Es gibt auch gute Musikinstrument-Händler. Allerdings haben die meisten keinen Gewerbeschein. Sie dürften ihren Beruf gar nicht ausüben. Für Roma und Sinti müsste es daher gesetzliche Ausnahmen geben, damit sie auch ohne Gewerbeschein handeln können.

 

GEDENKDIENST: Welche Zukunft  sehen sie für Roma und Sinti in anderen Bereichen?

 

Rosa Martl: Auf jeden Fall sollten die Musikbegabten gefördert werden, dann auch andere Arten von Handel, wie der Auto- oder Pferdehandel.

 

Richard Kugler: Natürlich darf man nicht vergessen, dass es bereits viele Roma und Sinti gibt, die Matura haben und sogar studieren. Rosas Tochter will zum Beispiel Juristin werden. Aber es gibt nach wie vor Sinti Familien, die von Mai bis November in Österreich auf die Reise gehen. Und das wird es auch immer geben, auch wenn sich immer mehr Roma und Sinti anpassen. Auch ich kann mit meiner Baufirma nicht weg, aber ich werde meine Firma sicher irgendwann an den Nagel hängen. Irgendwann werde ich von diesem Leben genug haben. Ich will nicht eingesperrt sein. Der Zigeuner sagt: Ich will nicht der Knecht meines eigenen Geldes sein. Ich will mir’s dann verdienen, wenn ich will.

 

Paul Schiefer, Journalist und GD-Mitarbeiter