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Ausgabe 3/01


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Roma und Sinti

Roma und Sinti sprechen Romanês, eine indogermanische Sprache mit vielen verschiedenen Dialekten, in denen auch Lehnwörter – zB. aus dem Deutschen und Ungarischen vorkommen.‘Rom’ bedeutet Mensch oder Mann, ‘Sinto’ hat seinen Ursprung vermutlich in der indischen Provinz Sind oder dem Fluss Sindhu (Indus). In Deutschland lebt das Volk ursprünglich unter dem Namen Sinti, in Ost- und Südosteuropa als Roma.

Die Volksgruppe der Roma und Sinti stammt aus der indischen Region Punjab. Im 9. und 10. Jhd. verschleppen die Araber bei ihren Feldzügen die Bewohner, um sie als Soldaten ins Feld zu schicken. Später werden sie im Iran, in der Türkei und am Balkan als Sklaven verkauft. Im 14. und 15. Jhd. flüchten viele von ihnen nach Westeuropa. 1389 werden Roma auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes erstmals urkundlich erwähnt. Die ersten Sinti kommen im 19. Jhd. nach Österreich. Ab dem 16. Jhd. werden die Sinti und Roma in ganz Europa verfolgt, zahlreiche „Zigeuner“-feindliche Gesetze werden erlassen. Im Burgenland verfügt Kaiser Karl VI., daß alle männlichen Roma hinzurichten und Frauen und Kindern ein Ohr abzuschneiden sei.

Die Verfolgung der Roma und Sinti hat ihren Höhepunkt im Nationalsozialismus. Sie werden zuerst in Sammellager geschickt (in Österreich Lackenbach bei Oberpullendorf), und später in KZs und Vernichtungslagern erschossen, vergast, oder durch Essensentzug und Zwangsarbeit umgebracht. Bis zum Ende des 2. Weltkriegs werden etwa 500.000 Roma und Sinti aus 11 Ländern ermordet. 75% der österreichischen Roma und Sinti sind dem Holocaust zum Opfer gefallen. Heute leben etwa 25.000 Roma und Sinti in Österreich. Weltweit sind es etwa 12 Mio., davon ein Großteil in Rumänien und am Balkan.

 

(ps)

Roma in der Tschechischen Republik

Mit der „Samtenen Revolution“ 1989 kam es in Tschechien zu weitreichenden Veränderungen in allen Lebensbereichen; für eine Gruppe änderte sich allerdings nicht vieles zum Besseren für die an die 300.000 hier lebenden Roma. Seit ihrem Erscheinen in den tschechischen Ländern im 15. Jhd. war diese Volksgruppe ständig Diskriminierung, Rassismus und Verfolgung bis hin zur Ermordung ausgesetzt. Bereits unter Leopold I. aus den habsburgischen Ländern vertrieben, verfolgte später Maria Theresia eine harte Assimilationspolitik. Auch in der eigentlich liberalen ersten tschechischen Republik hörte die Diskriminierung nicht auf. Während des Zweiten Weltkrieges schließlich wurden die tschechischen Roma wie alle anderen Roma und Sinti im nazideutschen Einflussgebiet zunächst in Lager gesteckt. Im damaligen Protektorat Böhmen und Mähren wurde in Lety bei Prag ein solches Konzentrationslager eingerichtet, von wo aus die Insassen 1943 nach Auschwitz zur Ermordung deportiert wurden. Unter dem kommunistischen Regime wurden Roma zwangsangesiedelt, die Frauen – oft ohne ihr Wissen oder für Geld – sterilisiert und viele Kinder den Eltern zwecks „besserer Erziehung“ weggenommen.

 

Nach 1989 erlangte die Gruppe der tschechischen Roma den Status einer nationalen Minderheit mit den dementsprechenden Rechten. Es entstanden Vereine und Organisationen, und nach den ersten freien Wahlen zogen elf Abgeordnete der Roma ins Parlament. Diese neuen Bewegungen und Vereine – die bedeutendsten sind der Demokratische Verband der Roma, die Roma-Bürgerinitiative und die Bürgervereinigung für Kultur und Presse der Roma – zeigen allerdings keine feste Organisationsstruktur, sondern sind auf Sippenverbänden aufgebaut; dadurch kommt es auch zu keinem nennenswerten Einfluss auf die Roma-Kommunität als Ganzes und in Folge zu keiner wirkungsvollen Vertretung der Forderungen und Interessen der Roma als nationale Minderheit. Dazu gesellt sich die Unfähigkeit bzw. die Unlust regionaler und nationaler Behörden, die Anliegen der Roma-Minderheit ausreichend zu vertreten. Aus diesen Gründen zählt die Volksgruppe der Roma nach wie vor zur gesellschaftlichen und sozialen Randgruppe. Die Schulbildung ist katastrophal - unter Roma-Kindern liegt die Analphabetenrate um die 80% -, die Arbeitslosigkeit beträgt bis zu 75%, in manchen Gebieten über 95%, und die Wohnsituation kann als desaströs bezeichnet werden. So ist es verständlich, daß viele Roma-Familien ihr Glück anderswo in Europa suchen. Immer wieder kommt es zu Emigrationsströmen, die verursachen, daß Länder wie Kanada erst vor kurzem eine Visapflicht für Tschechen einführten oder England am Prager Flughafen eigene Beamte einsetzte, die auswanderungswillige Roma von tschechischen Touristen oder Geschäftsreisenden „aussieben“ und ihnen die Einreise nach England verweigern sollten. Aufgrund zahlreicher nationaler und internationaler Proteste, und weil die Zahl der Asylbewerber wieder zurückging, wurde diese Regelung - allerdings nur auf Zeit - im Oktober dieses Jahres eingestellt.

Schikanen dieser Art finden sich in den letzten Jahren häufig; internationale Schlagzeilen machte vor allem die „Roma-Mauer“ in Ústí nad Labem (Aussig an der Elbe); einer Industriestadt in Nordböhmen mit einem relativ hohen Anteil an Roma. Dort, in der Maticní-Straße, entschloss sich im August 1999 die örtliche Stadtverwaltung zum Bau einer Mauer zwischen Häusern tschechischer Einwohner und einem Roma-Siedlungsblock. Das Rathaus behauptete, dass diese Mauer – ein Gebilde aus bunten Keramik-Ziegeln mit offenen Zwischenräumen – die Anrainer vor „Lärm und Schmutz“ (!) im Areal der Roma-Siedlung schützen solle. Nach drei Monaten wurde die Mauer wegen heftiger Proteste nationaler und internationaler Menschenrechtsorganisationen schließlich wieder abgetragen.

Bezüglich der Diskriminierung von Roma in Tschechien wurde im Oktober ein Bericht des Open Society Institut (IOS) in Brüssel veröffentlicht, in dem es heißt, daß die Tschechische Republik zwar die Existenz von Diskriminierung gegen die Roma-Minderheit nicht abstreite und ein effizientes Programm zu Verbesserungen in diesem Bereich in Angriff genommen habe, sich die Gesamtsituation aber nicht verbessert habe, da die Tschechische Republik „keinen adäquaten rechtlichen Rahmen zur Erfassung der Diskriminierung hat. Dort wo Vorschriften existieren werden sie nicht ausreichend angewendet oder erzwungen.“ Die Gerichte bewerten Gewalt gegen Roma nur ungern als rassistisch, und Angehörige der Roma-Nationalität erleben im Fall eines diskriminierenden Vorgehens von Seiten der Ämter nur selten Gerechtigkeit.

Doch es bleibt nicht nur bei Diskriminierungen; auch tätliche Angriffe auf Roma-Angehörige werden ein immer größeres Problem. Trotz der vorjährigen Regierungskampagne unter dem Stichwort Toleranz häuften sich rassistische Übergriffe. Fast jeden Tag liest man in einer tschechischen Zeitung von Angriffen rechtsextremer Gruppen auf Roma, und seit der Wende 1989 vergeht kaum ein Jahr, in dem nicht zumindest ein rassistisch motivierter Mord oder Totschlag an Roma begangen wird. Der letzte liegt erst einige Monate zurück, als im Juli 2001 in Svitavy ein Rom von einem Skinhead erschlagen wurde. In einigen Städten entdeckt man bereits Selbstverteidigungsgruppen von Roma auf den Straßen, sogenannte Bürgerwachen, z.B. im mährischen Ostrava (Ostrau), wo sich eine solche nach einem Skinhead-Angriff auf einige Roma gebildet hat.

Immer wieder kommt es aufgrund solcher Ereignisse wie Diskriminierung oder rassistisch motivierten Übergriffen zu Aufschreien internationaler Organisationen;

im Juli kritisierte Amnesty International die Tschechische Republik wegen des vorhandenen Rassismus; tschechische Ämter bieten Roma-Angehörigen „keinen ausreichenden Schutz“, und die Polizei nehme „Anzeigen bezüglich rassistischer Angriffe nicht ernst genug“. Im August folgte eine Kritik von Seiten der UN-Kommission für Menschenrechte.

Die tschechische öffentliche Meinung zu Angehörigen der Roma-Minderheit änderte sich in den letzten Jahren kaum. Im Juni wurde eine Studie des tschechischen Zentrums für empirische Forschung (STEM) veröffentlicht, die die Beziehung der tschechischen Gesellschaft zu Minderheiten untersuchen sollte. Auf die Frage: „Wie würden Sie es hinnehmen, wenn Sie als Nachbarn einen Rom hätten?“, antworteten lediglich 9% mit „sehr gut“ (immerhin ein 6%iger Zuwachs zur gleichen Frage im Vergleich zu einer ähnlichen Studie aus dem Jahr 1994); 29% der Befragten wäre eine solche Situation unangenehm, 31% würden es nur schwer hinnehmen, und 31% erachten es als „völlig inakzeptabel“

.Anders die (seriöse) tschechische Presse und das öffentlich-rechtliche Fernsehen: Zumindest sie versuchen großteils, Verständnis und Interesse für die Volksgruppe der Roma innerhalb der tschechischen Bevölkerung zu wecken. Reportagen über Künstler, Musiker oder erfolgreiche Manager aus den Reihen der Roma werden gebracht, Interviews mit Angehörigen dieser Minderheit geführt, und der öffentlich-rechtliche Fernsehsender Ceská Televize stellte einen Nachrichtensprecher ein, der der Volksgruppe der Roma angehört und die Nachrichten zur Hauptsendezeit verlas. Auch einzelne Politiker sind hervorzuheben, allen voran der tschechische Präsident Václav Havel, der immer wieder öffentlich für die Roma auftritt, oder die Regierung, die zumindest versucht, Sozialprojekte und Integration zu fördern. Nicht zuletzt soll aber die Volksgruppe der Roma selbst erwähnt werden, deren Vereine und Organisationen immer wieder Kultur- oder Musikfestivals, Ausstellungen und Projekte mit dem Ziel, das Bild dieser Minderheit in der Gesellschaft nachhaltig zu verbessern, veranstalten.

 

Martin Niklas, ehemaliger Gedenkdienstleistender