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Ausgabe 4/01


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Argentinien, was ist aus dir geworden?

„Ich gehöre zu einer Übergangsgeneration zwischen unseren eingewanderten Eltern und unseren ausgewanderten Kindern.“ So sieht sich heute eine 50-jährige, in Argentinien geborene Frau; Tochter von deutsch-jüdischen Emigranten, die in der Nazizeit nicht nur ein Fluchtziel in Argentinien fanden, sondern auch die Möglichkeit, eine neue, friedliche Existenz aufzubauen.

Für die Enkelkinder dagegen, die jetzt ungefähr das Alter der damals ausgewanderten Großeltern haben, bietet das heutige Argentinien kaum noch eine Zukunft. Die tiefgreifende wirtschaftliche, politische, aber vor allem moralische Krise des Landes treibt die Jugend fort auf der Suche nach hoffnungsvolleren Horizonten. Viele finden jetzt diese Möglichkeit durch die Erwerbung eines europäischen Passes dank des deutschen oder österreichischen Ursprungs ihrer Großeltern. Eine Familiengeschichte, gekennzeichnet durch Wanderung und Entwurzelung in einer modernen Welt, wo generell die Identitäts- und Zugehörigkeitsgefühle ständig in Frage gestellt werden.

Während der Nazizeit kamen ungefähr 45.000 deutschsprechende Juden nach Argentinien, weitaus die größte Zahl im Vergleich zu den anderen lateinamerikanischen Zielländern. Den meisten dieser Einwanderer war Argentinien völlig unbekannt.  Die Redewendung „Es kommt mir spanisch vor“ spricht für die kulturelle Distanz, die diese Menschen überbrücken mussten.

Für die schon bestehende jüdische Gemeinschaft in Argentinien, in ihrer Mehrzahl aus Polen und Russland, waren diese neuen Emigranten „zu deutsch“, und umgekehrt waren die anderen „zu jiddisch“ in ihrer Art. Die gegenseitigen Vorurteile zwischen den sogenannten „Ostjuden“ und „Jeckes“ setzten sich in Argentinien leider fort. Die deutsche Kolonie kam natürlich auch nicht als Zugehörigkeitskreis in Frage.

Daher entstand die Notwendigkeit, ein eigenes Gemeinschaftsleben aufzubauen, in dem sie zusammengehalten und ihre deutsch-jüdische Kultur und Lebensart weiterführen konnten. Eine etwas geschlossene, aber vertraute Welt, in der man den Schmerz und die Sorgen des erzwungenen Migrationschicksals erfolgreich überwinden konnte.

In diesem Milieu sind ihre argentinischen Kinder aufgewachsen, geprägt von der kulturellen mitteleuropäischen Erbschaft und mit einer noch schwachen, entstehenden Bindung an Argentinien. Erst die Enkelkinder, also die zweite Generation, die im neuen Land geboren wurde, fühlt sich in Argentinien zu Hause. Und jetzt, gerade wo man endlich Wurzeln zu schlagen glaubte, ändern sich die Zeiten, und es weht ein neuer Wind.

Ich könnte diese lange multigenerationelle Geschichte auf folgende Weise zusammenfassen: Über Jahrhunderte waren „die Juden in Deutschland“, mehr oder weniger verfolgt oder geduldet, je nach dem Willen des jeweiligen Fürsten oder Königs. Mit der Aufklärung und der Emanzipation verwandelten sie sich in „deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens“. Dann wieder in der Nazizeit wurden sie „Juden in Deutschland“. Nach der Zwangsemigration wurden sie zu „den deutschsprachigen Juden in Argentinien“. Ihre Kinder bekennen sich als „Argentinier deutsch-jüdischer Herkunft“. Und jene Kindeskinder, die in nicht wenigen Fällen nach Deutschland bzw. Österreich zurückkehrten, fühlen sich als „Argentinier in Deutschland“. Sie haben inzwischen selbst Kinder: Das sind die neuen „deutschen Staatsbürger“ mit mehr oder weniger jüdischer Bindung. Oder sollten wir neuerdings von „europäischen Bürgern“ sprechen? Eine offene, dynamische und wechselvolle Geschichte.

Ich hoffe nur, daß der argentinische „Stempel“ mit seinen Licht- und Schattenseiten bei diesem langen Familienroman nicht verloren geht, sondern im Gegenteil zur Bereicherung der kommenden Generationen  beitragen wird - wo immer sie auch Fuss fassen mögen.

 

Alfredo Schwarcz, Psychologe und Gerontologe in Buenos Aires

Editorial

Liebe Leserin!

Lieber Leser!

 

Die vierte Ausgabe von GEDENKDIENST im Jahr 2001 widmet sich Argentinien, das gerade in den letzten Tagen in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit gerückt ist. Seit 1998 arbeiten jeweils zwei Gedenkdienstleistende an der Fundación Memoria del Holocausto in Buenos Aires. Argentinien war in der NS-Zeit Fluchtziel von ca. 1.700 jüdischen ÖsterreicherInnen. In Zusammenarbeit mit dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, dem Österreichischen Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus und der Fundación hat Gedenkdienst vor wenigen Monaten ein ambitioniertes Projekt gestartet, das sich zum Ziel setzt, möglichst viele österreichische EmigrantInnen, die heute noch in Südamerika leben, zu kontaktieren und ihre Lebensgeschichten für zukünftige Generationen aufzuzeichnen. Lesen Sie dazu die Interviews mit den Emigrantinnen Gertrudis Neumann und Margit Schindelmann. Der Psychologe Alfredo Schwarcz, der im Frühjahr 2002 auch Vorträge in Wien halten wird, widmet sich den Fragen der Akkulturation und der teils spannungsvollen Beziehung der jüdischen Flüchtlinge zur argentinischen Gesellschaft.

In den vergangenen Ausgaben von Gedenkdienst haben wir Ihnen jeweils eine unserer Einsatzstellen präsentiert, nun unternehmen wir auch den Versuch, die jüngere Geschichte des jeweiligen Landes zu beleuchten. Oliver Kühschelm hat die Zeit der Militärdiktatur recherchiert und mit der argentinischen Literaturwissenschafterin Paula Siganevich ein Interview geführt. Sie beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie die argentinische Gesellschaft der Diktatur gedenkt. Die Gedenkdienstleistenden Philipp Mettauer, Thomas Bogner und Oliver Kühschelm sowie die Historikerin Regula Nigg konzipierten den Schwerpunkt zu GEDENKDIENST 4/2001; Ihnen und den anderen MitarbeiterInnen dieser Ausgabe sei an dieser Stelle gedankt.

 

Ganz besonders habe ich mich über die positiven LeserInnen-Reaktionen zur letzten Ausgabe von GEDENKDIENST gefreut, die sich den Roma und Sinti in Österreich widmete. Ich möchte Ihnen im Namen all unserer MitarbeiterInnen für Ihr Interesse an unserer Arbeit danken, wünsche Ihnen Alles Gute für das Jahr 2002 und verbleibe

 

Herzlichst, Ihr

Christian Klösch, Obmann Verein GEDENKDIENST

 

PS: Bitte unterstützen Sie auch 2002 die Arbeit von GEDENKDIENST durch ein Abo, ein Förderabo oder durch ein Spende! Danke!