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Ausgabe 4/01


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Wien-Buenos Aires einfach, bitte!

Österreichische EmigrantInnen in Buenos Aires

 

Argentinien war seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ein klassisches Einwanderungsland. Die vielfältigen Wurzeln der argentinischen Gesellschaft werden ersichtlich, wenn man einen Blick in das Telefonbuch von Buenos Aires wirft.

Neben spanischen finden sich zahlreiche italienische, slawische, französische, asiatische und auch deutsche Familiennamen.

Die schon in Argentinien ansässige deutschsprachige Gemeinde wurde ab 1933 von Deutschen und ab 1938 von ÖsterreischerInnen, die durch eine rechtzeitige Emigration den nationalsozialistischen Verfolgungen in Europa entgingen, vergrössert. Auf diesem Weg gelangten rund 1700 Österreicher und Österreicherinnen nach Argentinien.

Da die meisten von ihnen ein grossstädtisches Leben in Wien gewohnt waren, fühlten sie sich vor allem von der Metropole Buenos Aires angezogen. Das Leben in der prosperierenden und kulturell lebendigen Hauptstadt mit dem starken europäischen Einfluss ermöglichte ihnen unter den gegebenen Umständen eine grösstmögliche Kontinuität ihres bisherigen Lebensstils.

Diese relativ günstigen Bedingungen führten dazu, dass diejenigen österreichischen EmigrantInnen, die aufgrund der restriktiven Einwanderungsbestimmungen von den argentinischen Behörden abgewiesen wurden und nach Uruguay, Paraguay oder Bolivien ausweichen mussten, entweder während des Krieges illegal einreisten oder danach auf legalem Weg nach Buenos Aires kamen. Ebenso kamen in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg ÖsterreicherInnen nach Argentinien, die den Holocaust in Europa überlebt hatten, und nun mit dem Ziel der Familienzusammenführung die Einreiseerlaubnis bekamen.

 

Die österreichische EmigrantInnengemeinde

Die österreichische EmigrantInnengemeinde in Buenos Aires ist - obwohl klein - sehr heterogen. Das mag damit zusammenhängen, dass die österreichischen EmigrantInnen - in der Mehrheit rassistisch Verfolgte - den Entschluss zur Emigration quasi über Nacht treffen mussten. Im Gegensatz dazu steigerten sich in Deutschland die antisemitischen Ausschreitungen ab 1933 erst nach und nach. Die deutschen Juden und Jüdinnen hatten daher die Möglichkeit, zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammenzuwachsen, sich sowohl in Deutschland wie in Argentinien zu organisieren und die Emigration bzw. Immigration vorzubereiten.

Trotzdem gelang es den österreichischen EmigrantInnen in Argentinien, eine überparteiliche antifaschistische Exilorganisation zu gründen. Das Comité Austríaco entstand im Oktober 1941 und schloss, mit Ausnahme einer Gruppe von SozialistInnen, ÖsterreicherInnen allen Couleurs ein, die sich für ein freies und demokratisches Österreich einsetzten. Diese relative Einheit zerbrach bald nach Kriegsende, nachdem das Hauptziel der Vereinigung erreicht worden war und die weiteren Interessen divergierten. Heute gibt es in Buenos Aires verschiedene kleinere Klubs und Vereinigungen, in denen sich die EmigrantInnen zusammengeschlossen haben. Hauptsächlich finden solche Treffen aber auf informeller Ebene statt, etwa um Bridge zu spielen oder weil man sich von den ersten Emigrationsjahren in Bolivien her kennt.

 

Akkulturation (1) 

Die österreichischen EmigrantInnen haben sich sehr unterschiedlich stark in die argentinische Gesellschaft integriert. Das Alter zur Zeit der Ankunft in Argentinien spielte bei der Akkulturation eine zentrale Rolle. So haben etwa Kinder, die hauptsächlich in Argentinien sozialisiert wurden und zur Schule gingen, recht schnell Tritt gefasst, während Jugendliche sich in der Regel schon erheblich schwerer taten, kam für sie doch die Verfolgung in Österreich und die Emigration in einer für die Persönlichkeitsbildung schwierigen Phase. Auch die Wahl des Ehepartners/der Ehepartnerin beeinflusste die Akkulturation wesentlich. Eine Heirat mit einer/m argentinischen PartnerIn führte in der Regel zu einer nahezu vollständigen Integration in die argentinische Gesellschaft. Mitteleuropäische Gewohnheiten wurden in diesem Fall entweder abgelegt oder geschickt in eine argentinische Identität verwoben.

ÖsterreicherInnen mit einer/m deutschsprachigen EhepartnerIn bekundeten je nach Beruf mehr oder weniger Mühe, sich in die argentinische Gesellschaft einzuleben. Hausfrauen mit wenig Kontakt zu ArgentinierInnen – zumal wenn sie im deutschsprachig beeinflussten Viertel Belgrano lebten – lernten beispielsweise oft nur langsam und mangelhaft spanisch. Denjenigen EmigrantInnen mit einer Anstellung in einer argentinischen Firma oder einem Geschäft, das sie in regen Kontakt mit argentinischen GeschäftspartnerInnen brachte, gelang es hingegen meist recht schnell, sich sprachlich und kulturell zu integrieren.

Abgesehen von Alter und Beruf erleichterten Fremdsprachenkenntnisse und gewisse Charaktereigenschaften wie z.B. Abenteuerlust, Optimismus oder auch Offenheit für Neues den erfolgreichen Aufbau einer neuen Existenz und die Akkulturation.

 

„Das Herz europaschwer“ (2)

Einige EmigrantInnen haben ihr Herz nach wie vor in Wien und verkehren oft hauptsächlich in einem österreichisch-deutschsprachigen EmigrantInnenmilieu. Andere sagen von sich, wenn sie auf ihr Zugehörigkeitsgefühl zu einer Nation angesprochen werden: "Ich bin nix". Wieder andere sind KosmopolitInnen geworden. Gemeinsam ist ihnen allen - ausser jenen, die als Kinder Österreich verlassen mussten - dass sie das Hinausgeworfenwerden aus der eigenen Kultur als tiefe Verletzung und Verlust empfinden.Viele haben ab den Sechzigerjahren auf Reisen durch Europa auch in Wien Station gemacht. Nicht selten sind sie dann aber in Österreich von den Erinnerungen an die Verfolgungen eingeholt worden. Aus diesem Grund zog es beispielsweise eine Emigrantin vor, in Wien hochdeutsch statt den ihr vertrauten Dialekt zu sprechen, um sich nicht als Österreicherin zu erkennen zu geben. Eine eher männliche Taktik scheint es zu sein, einen Wienaufenthalt mit einer Geschäftsreise nach Europa zu verbinden und auf diese Weise einer allzu emotionalen Auseinandersetzung mit den Erinnerungen vorzubeugen. Nur ganz wenige EmigrantInnen sind bewusst nie mehr nach Österreich zurückgekehrt.

Abgesehen von Reisen sind die meisten EmigrantInnen über eine österreichische Pension mit ihrer ehemaligen Heimat in Verbindung geblieben. Angesichts der wirtschaftlich unsicheren Lage in Argentinien garantiert eine österreichische Pension zwar ein regelmässiges und gesichertes Einkommen. Durch die enorm gestiegenen Lebenskosten reicht dies allein aber nicht mehr zum Leben. Umso willkommener sind deshalb die symbolischen Entschädigungen durch den Nationalfonds der Republik Österreich für die Opfer des Nationalsozialismus, zu denen sich Österreich 60 Jahre nach der Vertreibung endlich hat durchringen können.

 

Regula Nigg, Historikerin und Mitarbeiterin des DÖW

 

(1) Idealtypisch ein Annäherungs- und Angleichungsprozess an die Kultur des Exillandes, an Wertvorstellungen und Lebensgewohnheiten, an dessen Ende die Identifizierung mit der Geschichte,Politik und Kultur des Landes steht.

 

(2) Kalmar, Fritz: Das Herz europaschwer. Heimatgeschichten aus Südamerika (Wien 1997).

 

 

Alfredo Schwarcz, „Trotz allem... die deutschsprachigen Juden in Argentinien"

Böhlau-Verlag, Wien 1995 Der Autor (siehe auch seinen Beitrag auf Seite 1) wurde 1950 in Buenos Aires geboren - als Sohn eines Wieners und einer Berlinerin.

Sein Buch, eine sehr profunde Arbeit zum Thema, behandelt die unterschiedlichsten Aspekte der Erfahrungen jener Menschen, die der Nationalsozialismus zu EmigrantInnen machte: ihre schwierige und oft nicht vollständige Integration in Argentinien, den Aufbau einer eigenen deutschsprachig jüdischen Gemeinde, die Beziehung zum Ursprungsland Deutschland bzw. Österreich, ihr soziales und psychologisches Profil.

DÖW lancierte Projekt über österreichische Emigration in die La Plata-Staaten

Seit Anfang Oktober 2001 läuft unter der Ägide des Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes ein Forschungsprojekt, das sich der Aufarbeitung der österreichischen Emigration in die La Plata-Staaten Argentinien, Uruguay und Paraguay zwischen 1934 und 1945 widmet. Bewusst wurde im Gegensatz zu bereits erschienen Publikationen der DÖW-Reihe „Österreicher im Exil: 1938-1945“ der Schwerpunkt auf die Erforschung alltagsgeschichtlicher Aspekte der Emigration gelegt. Mittels lebensgeschichtlicher Interviews mit EmigrantInnen und der Sammlung von zeithistorisch interessanten Dokumenten wird versucht, die persönlichen Erfahrungen der EmigrantInnen und ihre Sichtweise sowohl der Vertreibung als auch des Neubeginns in Südamerika zu dokumentieren.

Zwischen dem DÖW, dem Verein Gedenkdienst und der Fundación Memoria del Holocausto wurde eine Kooperation vereinbart, wodurch die von den ehemaligen bzw. aktuellen Gedenkdienstleistenden in Buenos Aires, Oliver Kühschelm, Philipp Mettauer und Thomas Bogner, geführten Interviews dem Forschungsprojekt zur Verfügung gestellt werden. Darüber hinaus steigen die beiden erstgenannten Gedenkdienstleistenden nach Beendigung ihres Zivilersatzdienstes als wissenschaftliche Projektmitarbeiter ein.