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Ausgabe 4/01


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„Wir sind Juden, wir müssen hier weg!“

Margit Schindelmann, Emigrantin aus Brünn

 

Margit Schindelmann, 1911 geboren, wuchs in Brünn in einem grossbürgerlichen Elternhaus auf. Brünn war für die Familie Schindelmann „die Vorstadt Wiens“, in die sie nicht nur zum Kleiderkaufen und in den Reitclub fuhr, sondern auch zwei Häuser besass. Durch die Vorkommnisse in Deutschland und Österreich alamiert, beschloss die Familie schon vor der Besetzung der Tschechoslowakei zu emigrieren. Margit Schindelmann war zu dieser Zeit bereits verheiratet und hatte zwei kleine Kinder. Als sie im März 1939 mit ihrem Vater und ihrem Mann in der Bank in Prag war, um ihr Geld zu retten und nach Argentinien zu überweisen, sahen sie bereits die deutsche Wehrmacht einfahren.

 

„Sie können sich nicht vorstellen, was das für ein Moment war. Noch heute krieg’ ich eine Gänsehaut. Daß war genau so, wie wenn Sie sehen: ‚Jetzt geht die Welt unter.’ Das ist genau so, wie wenn Sie sehen, das Wasser kommt und alles geht unter. Ein fürchterlicher Anblick. Da sind sie eingefahren, die SS und die Gestapo und auf beiden Seiten sind die Leute gestanden und haben sie angespuckt und geschrieen, aber die sind ruhig weitergefahren zum Wenzelsplatz hinauf. Das war alles schon genau vorbereitet: Die tschechische Polizei war schon in deutscher Uniform.“

 

Mit deutschen Uniformen sollte die Familie dann noch einmal in Berührung kommen. Um Pässe und die Ausreiseerlaubnis zu bekommen, musste sie vor dem deutschen Hauptquartier auf dem Hradschin Schlangestehen.

 

„Da sagt der Hauptmann: ‚Warum wollen Sie denn wegfahren? Das sind doch alles Märchen, was die Leute erzaehlen!’ Aber mein Mann meinte: ‚Nein, wir sind Juden, wir müssen hier weg!’ Sagt er: ‚Gut’, muy bien, gibt ihm den Stempel und sagt zu dem Fräulein: ‚Das war der letzte Paß, den ich heute gegeben hab.’ Steht auf und geht weg. [...] Wir hatten also noch Glück, wir konnten weg. Die anderen sind dortgeblieben. Von meinen Leuten sind 32 dort geblieben, die hat man alle umgebracht.“

 

 

Von Brünn nach Buenos Aires

 

Damit begann eine abenteuerliche Reise. Da Margit, ihr Mann und die beiden Kinder kein Visum mehr für Argentinien bekommen hatten, und sie nicht, wie „damals üblich, ein bißchen coima“, Schmiergeld bezahlen wollten, versuchten sie über Uruguay und Paraguay illegal ins Land zu gelangen.

Paraguay stellte für die europäischen Flüchtlinge ein exotisches Ziel dar. An die lateinamerikanischen Sitten und Gebräuche mussten sie sich erst langsam gewöhnen.

 

„Wir sind dann also nach Asunción gefahren und waren sehr überrascht, daß das die Hauptstadt Paraguays ist. Wenn es dort ein Gewitter gibt und es blitzt, dann gehen in der ganzen Stadt die Lichter aus. Das war noch recht rückständig. Ausserdem haben wir in einer sehr schlechten Pension gewohnt, angeblich war das eine von den guten. Dort schläft man mit Netzen ueber den Betten. Seinerzeit in Brünn hat man gesagt, das ist, weil in der Nacht die Schlangen auf den Dächern herumkriechen und die sonst ins Bett fallen. Aber das ist ja nicht wahr, das Netz ist ja gegen die mosquitos. Dann hab ich dort noch in die Küche geschaut und hab gesehen, daß der Tisch so schwarz war. Und hab genauer geschaut und hab gesehen, daß da lauter schwarze Fliegen auf dem Essen gesessen sind! Bueno, das war höchst unappetitlich, aber wir hatten ja keine andere Möglichkeit.“

 

Um von Paraguay nach Argentinien zu gelangen fuhren sie mit einem kleinen Motorboot den Grenzfluss Paraná hinunter, auf der Suche nach einer geeigneten Stelle, um an Land zu gehen..

 

„Wir sind ziemlich nah am Strand entlang gefahren. Und da sind Krokodile neben uns gelegen, man hat nur den Kopf gesehen und der war so gross, vielleicht einen, eineinhalb Meter. Schrecklich unheimlich, wenn man diese Tiere neben sich sieht! Dann sind wir in ein grösseres Schiff umgestiegen. Da seh ich oben lauter Menschen, die wir noch nie gesehen haben. Es waren Indiander. Bei uns hat man nur so Raubersgeschichten erzählt, von den Menschenfresser-Indianern. Was konnten wir uns schon vorstellen, unter einem Indianer? In Wahrheit sind das natürlich harmlose, brave, arbeitssame Menschen, aber wenn man sie nicht kennt...

 

 

¿Te gusta el mate?

Abends wurden wir vom Kapitän zum Nachtmahl eingeladen. Da hab ich gesehen, daß die Leute so ein Staberl in der Hand hatten und ein Glas und der Ober hat aus der Kanne heisses Wasser zugegossen. Und dann hat man aus dem Staberl getrunken. Das war die, wie heisst die bloss? Bombilla! Bombilla, ja. Da hat man mate getrunken. Und die ist von Mund zu Mund gegangen, die bombilla. Dann hab ich meinen Mann so mit den Augen gefragt: ‚Was mach ich?’ Hat er mir gesagt: ‚Trink!’ Bueno, muss ich trinken und hab das schnell runtergewürgt, denn es war schrecklich bitter. Und der Kellner hat gedacht, es schmeckt mir so gut, daß er mir schnell nachgegossen hat.“

 

Der Neubeginn

Nach weiteren Tagen der Irrfahrt, Beamtenbestechung und einer nächtlichen Flussüberquerung mit einem Schmuggler kamen die Schindelmanns schliesslich am 25. Mai 1939 in Buenos Aires an. Hier bewiesen sie kaufmännisches Geschick beim Aufbau einer kleine Handschuh-Fabrik. Die notwendigen Maschinen importierten sie aus der Schweiz, und das Leder liessen sie in Brünn gerben, wodurch sich die Handschuhe aufgrund ihrer hohen Qualität in Argentinien besser verkaufen liessen.

 

„So ist man hinaufgekommen, mit viel Arbeit, wir waren ja jung und arbeiteten mit Verstand und genau, wie mans eben drüben gewohnt war. Und jetzt kommt man langsam wieder herunter, vielmehr, man kommt schnell wieder herunter.“

 

Margits Sohn, obwohl in Argentinien aufgewachsen, hatte eine weniger glückliche Hand mit seinen Geschäften.

 

„Er hat geglaubt, er ist noch in Brünn. Man hat ihn so hereingelegt, weil er jedem geglaubt hat. Jeder ist hier gleich ein Freund, ein amigo. Er hat geglaubt, er ist zuhause, wo ein Wort ein Wort ist. Aber hier ist das anders.“

 

Brünn bleibt das Zuhause

Margit Schindelmann spricht immer noch von „zuhause“, wenn sie Brünn meint, obwohl dies „Unrecht“ sei, schliesslich habe sie in Argentinien eine neue Heimat gefunden. Die Argentinier haben sie herzlich empfangen, sie nicht ausgelacht, weil sie die Sprache nicht beherrschte und sie nie nach ihrer Herkunft oder Abstammung beurteilt. Vielleicht hat sich Margit Schindelmann gerade deswegen den argentinischen Gewohnheiten angepasst. Bei einer Reise nach Wien – nach Brünn wollte ihr Mann nicht zurückkehren – beabsichtigte sie, um sechs Uhr nachmittags in ein Beisl jausnen zu gehen.

 

„Da hat man schon die Sessel weggeräumt. Ich hab gedacht, das geht in Ordnung. ‚Nein, jetzt wird gesperrt.’ ‚Es ist doch erst sechs Uhr.’ ‚Ja, wir sperren um sechs Uhr.’ Und hier in Argentinien fängt man doch erst um neun Uhr zum Nachtmahlen an. Oder noch später.“

 

Seit vielen Jahren versucht nun Margit Schindelmann, die Häuser ihrer Familie in Brünn und Berlin wieder zu bekommen, stösst dabei aber nur auf Widerstände, wird von einem Rechtsanwalt zum nächsten geschickt und verliert sich im Bürokratiedschungel.

„Ich kämpf weiter um das Geld. Aber das hat mich so nervös gemacht, daß ich halb krank davon geworden bin. Und so werd ich weiter schreiben. Papeles, papeles, papeles.“

 

Philipp Mettauer, aktueller Gedenkdienstleistender an der Fundación Memoria del Holocausto