AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 4/01


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

„No estaba ni allá ni acá.“

Erinnerungen von Gertrudis Neumann

 

Gertrudis Neumann scheint auf den ersten Blick vollkommen in das Bild zu passen, das man sich von einer österreichischen Emigrantin in Buenos Aires macht: Sie spricht perfekt deutsch, ihre Familie stammt aus Wien bzw. aus der Bukowina, sie verkehrt in EmigrantInnenkreisen, sie liebt das Theater, den zeitgenössischen Tanz, die Musik... Und doch trügt dieses Bild, denn Gertrudis Neumann wurde 1932 in Argentinien geboren, nachdem ihre Eltern zwei Jahre vorher aus familiären Gründen und von der Abenteuerlust gepackt dorthin ausgewandert waren.

 

Österreich trifft auf Argentinien

Fern von Österreich wurde Gertrudis Neumann zusammen mit ihren Eltern und der jüngeren Schwester aber dennoch von den Ereignissen in Europa eingeholt. Das heikle Gleichgewicht zwischen österreichischem Elternhaus und argentinischer Umgebung, geriet für sie aus den Fugen als es darum ging, zuerst argentinische Visa für die bedrohten Familienmitglieder in Österreich zu besorgen und dann v.a. die zahlreichen Verwandten zu beherbergen.

 

„Die Ankunft meiner Verwandten hat mir zahlreiche Konflikte bereitet. Es gab eine starke Tendenz zur Diskriminierung seitens dieser Verwandtschaft. Obwohl selber verfolgt und obwohl sie sich bitter darüber beklagten, unterdrückten sie mich sehr. Ich war die Argentinierin. Ich besaß bereits einige argentinische Gewohnheiten. Das Essen beispielsweise. Ich liebte dulce de leche (Karamelaufstrich), ich liebte alles argentinische. Meine Vorlieben hatten sich bereits ausgeprägt. Was für meine Verwandten schrecklich war, gefiel mir. In diesem Aspekt hatte ich bereits einen Assimilierungsprozeß durchgemacht. Ein anderer Aspekt war die Lüge, das Flunkern. Für meine europäischen Verwandten war lügen etwas Schlimmes, und ich flunkerte oft. Ich will damit sagen, daß das Flunkern in Argentinien nichts Tragisches ist. Für den Europäer hingegen ist es ein schlimmes Vergehen. Ich sehe dies bereits als einen Schritt der Assimilierung. Ich hatte gelernt, daß nichts so heiss gegessen, wie gekocht wird.

Ich frage mich oft, woher ich diese Angewohnheiten hatte, einmal abgesehen von der Volksschule. Ich hatte keinen Umgang mit argentinischen Kindern. Glücklicherweise schickte mich mein Vater in die staatliche Schule, was sehr zu meiner Integration beitrug. Mit der Emigrationswelle wurde meine Assimilierung aber gebremst. Das führte dazu, daß ich weder zu den einen noch zu den anderen gehörte. Ja, diese Verwandtschaft war für mich sehr konfliktreich. Aber sie brachte mir vom intellektuellen Standpunkt her gesehen auch Interessantes, denn eine meiner Tanten war der Prototyp der intellektuellen und musisch interessierten Österreicherin. Davon profitierte ich.“

 

Die Ereignisse in Europa hinterlassen Spuren

Obwohl Gertrudis Neumann bis zu jenem Zeitpunkt Europa nur aus den Erzählungen der Eltern kannte, hinterließen die schrecklichen Nachrichten, die aus Europa nach Argentinien gelangten, Spuren in ihrem Leben.

 

„Es war für mich grauenvoll, alptraumartig. Aber ich erlebte es weder bewusst, noch interessierte ich mich dafür. Es waren eher Alpträume. Aber indem es mich auf politischer Ebene nicht interessierte, traf es mich umso mehr auf der persönlichen. Daneben gibt es eine andere Geschichte, die mein Leben stark geprägt hat: einer Schwester meines Vaters gelang die Emigration nicht. Während meine Großeltern emigrierten, kam sie mit ihrer Tochter in Auschwitz um. Diese Nachricht musste man vor meiner Großmutter geheim halten. Man hat ihr nie gesagt, daß ihre Tochter deportiert worden war. Dies belastete mich sehr. Immer stellt man sich die Frage: Wieso konnte ich mich retten und andere nicht? Diese Frage stelle ich mir immer wieder.

 

“Die zweite Generation zwischen hier und dort

Ihrer österreichischen Wurzeln auf diese brutale Weise bewusst geworden in ihrer Jugend, blieb Gertrudis Neumann der österreichischen Kultur auch später verbunden – wenn auch nicht in jedem Lebensabschnitt mit der gleichen Intensität. Wie in vielen ÖsterreicherInnen ihrer Generation vereinigen sich auch in ihr aufgrund der Familiengeschichte die verschiedenen kulturellen Strömungen, die Österreich zur Zeit der Habsburgermonarchie belebt haben.

 

„Ich glaube, ich habe spanisch und deutsch gleichzeitig gelernt. Deutsch habe ich nachher wieder verlernt. Danach kam die Immigrationswelle, worauf ich wieder anfing, vermehrt deutsch zu sprechen. Danach rückte es wieder in den Hintergrund. Später heiratete ich einen Österreicher, der kein Wort spanisch sprach. Also sprach ich wieder mehr deutsch. Das Deutsch rückte sozusagen wellenförmig in den Vor- und dann wieder in den Hintergrund. Aber die Sprache, mit der ich mich am besten ausdrücken kann, ist spanisch.

Ja, ich habe eine Beziehung zu Österreich und außerdem zur Tschechoslowakei, weil die Küche im Haus meiner Mutter und Großmutter tschechisch beeinflusst war. Das kommt daher, daß die Köchin, die vierzig Jahre bei der Familie arbeitete, eine Tschechin war. Welche Beziehung kann ich zu Österreich haben außer dem Essen, wenn ich nicht dort geboren bin? Ich kann schließlich nicht in der Erinnerung durch die Gassen Wiens schlendern, wenn ich das gar nie getan habe. Was ich von Österreich mitbekommen habe, übermittelten mir meine Eltern, und das war das Essen.

 

“Regula Nigg, Historikerin und Mitarbeiterin des DÖW