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Ausgabe 4/01


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Gedenkdienst in Argentinien

Die Arbeit an der Fundación Memoria del Holocausto

 

„Die Fundación Memoria del Holocausto wurde 1994 als unabhängige Stiftung gegründet. Sie verfolgt das Ziel der Errichtung eines Holocaustmuseums und versucht in der argentinischen Öffentlichkeit Bewußtsein für die Leiden der Opfer des NS-Regimes zu schaffen und allgemein für die Problematik von Rassismus und Diskriminierung zu sensibilisieren.“So das Selbstverständnis der Fundación. Anlaß für die Gründung der Fundación bildeten zwei schwerwiegende Attentate: 1992 wurden bei einem Anschlag auf die Israelische Botschaft 29 Personen getötet. 1994 starben bei dem Bombenanschlag auf die AMIA (Asociación Mutual Israelita Argentina) 86 Menschen.

Das Gebäude der Fundación gehörte ursprünglich einer Elektrizitätsgesellschaft. Unter der Regierung Menem wurde das Haus 1997 als Leihgabe zur Verfügung gestellt.

 

Die Entwicklung der Stelle

1997 vereinbarte Gedenkdienst die Kooperation mit der Fundación in Buenos Aires. Neben den grundlegenden Aufgabenbereichen, wie zum Beispiel der Betreuung des Zeitungsarchives, setzten die Gedenkdienstleistenden, je nach  Voraussetzungen, unterschiedliche Schwerpunkte:

Markus Broer und Jordi Kuhs, 1998/99 die ersten Gedenkdienstleistenden in Buenos Aires, widmeten sich vor allem der Kontaktaufnahme zu österreichischen EmigrantInnen, begannen aber auch, Holocaust-Überlebenden bei Restitutions- und Entschädigungsangelegenheiten zu unterstützen.

Diese Arbeit wurde  in der Folge die Hauptaufgabe von Markus Feurstein und Felix Muhrhofer (99/00). Sie erledigten die Korrespondenz mit dem Fonds der Schweizer Banken, zwei Härtefonds der Claims Conference und bemühten sich um die Restitution von Lebensversicherungen.

Jochen Planer und Oliver Kühschelm, (00/01), setzten die Tätigkeit fort, beschränkten aber diese Agenda, indem sie sich vor allem auf Anträge an die Claims Conference konzentrierten. Jochen beteiligte sich außerdem an der Anne Frank-Ausstellung, die an der Fundación zu sehen war, während Oliver ein Interviewprojekt über österreichischen EmigrantInnen lancierte.

Mein Kollege Philipp Mettauer und ich führen die Arbeit an der Stelle, deren Profil sich allmählich geschärft hat, fort.

 

Unsere derzeitigen Aufgabengebiete

Die „Chicos Austríacos“, wie wir hier gerufen werden, kümmern sich um Kontaktaufnahme/-pflege zu österreichischen EmigrantInnen, nützen dabei bestehende Kontakte unserer Vorgänger, machen jedoch auch neue Bekanntschaften - unter anderem durch das erwähnte Interviewprojekt, bei dem mit Unterstützung des Österreichischen Nationalfonds Fragebögen an etwa 400 österreichische EmigrantInnen versandt wurden.

Schon unsere Vorgänger begannen den Aufbau einer biographischen Sammlung. Es soll nun systematisch an einem Archiv, bestehend aus Fragebögen mit biographischen Eckdaten, lebensgeschichtlichen Interviews, Objekten, Dokumenten und Fotos in Kopie oder (idealerweise) im Original, gearbeitet werden. Nach einem schwierigen Beginn besteht mittlerweile eine Kooperation mit dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, im Rahmen eines Forschungsprojektes über die Emigration in die La Plata-Staaten.

Die Arbeit im Zeitungsarchiv stellt neben der Emigranten-Betreuung einen zentralen Punkt unserer Beschäftigung dar: die tägliche Erstellung eines Pressespiegels der vier bedeutendsten Tageszeitungen von Buenos Aires  zu den Themen Holocaust, 2. Weltkrieg, Nazionalsozialismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, und der zukünftige öffentliche Zugang sollen dieses Archiv aufwerten.

Die Gedenkdienstleistenden werden außerdem zur Mitarbeit bei Ausstellungen oder bei der Organisation von Bildungsseminaren und Veranstaltungen herangezogen. Die weiteren Aufgaben lassen sich nicht so einfach zusammenfassen und beinhalten die Beteiligung am Alltag der Fundación: Übersetzungen, Korrespondenz mit AnsprechpartnerInnen in den verschiedenen Institutionen, und praktische Tätigkeiten.

 

Veränderungen an der Spitze

Zu Beginn des Jahres 2001 übernahm Regina Steiner, ehemalige Vizedekanin der geisteswissenschaftlichen Fakultät an der Privatuniversität Maimónides, die Leitung der Fundación. Sie kam 1947 in einem DP-Camp (Displaced Persons) zur Welt. Bevor sie 1952 mit ihrer Familie nach Argentinien emigrierte, lebte  sie, wie der Großteil ihrer Verwandten Überlebende des NS-Regimes - in einer kleinen, überbelegten Mietwohnung in München.

 

Thomas: Wie ist die Beziehung der Fundación zur argentinischen Gesellschaft?

Regina: Generell gut. Es ist aber notwendig sich vor Augen zu halten, daß die nicht-jüdische Öffentlichkeit sehr wenig über das Thema weiß. Durch unsere Arbeit kommen sehr viele, manchmal zum ersten Mal, mit der Materie in Berührung. Unsere Arbeit, besonders unsere Ausbildungsaktionen, findet speziell auch auf Seiten der Regierung starken Zuspruch.

 

Thomas: Ist die Fundación eine rein jüdische Einrichtung?

Regina: Wir versuchen, uns nicht ausschließlich auf die jüdische Gemeinde zu konzentrieren. Wir richten unsere Botschaft an die gesamte Bevölkerung. Das geschieht durch Fortbildungskurse, Ausbildungsaktionen, Ausstellungen vor Ort sowie Wanderausstellungen und die Einschulung von Jugendlichen, die durch diese Ausstellungen führen. Sie sind meist nicht jüdischer Herkunft und kommen oft zum ersten Mal mit dem Thema in Berührung.

 

Jüngste Entwicklungen

In den vergangenen Monaten war die Fundación sehr aktiv. Vor einigen Wochen wurden zeitgleich zwei Ausstellungen eröffnet:

Zum einen die Wanderausstellung “una muralla humana” (eine menschliche Mauer), die durch ganz Südamerika tourt und fertig konzipiert von der Fundación übernommen wurde. Sie zeigt die Geschehnisse in Dänemark im Oktober 1943, als die dänischen JüdInnen mit Unterstützung von Teilen der Bevölkerung in kleinen Schiffen vor dem NS-Regime nach Schweden flüchteten.

Zum anderen eine Ausstellung, die erstmals von den Mitarbeitern der Fundación selbst konzipiert, realisiert und betreut wird. Sie trägt den Namen „Imágines de la Shoa“ (Bilder der Shoa), und gibt eine Einführung in die Thematik. Vor kurzem fand außerdem ein von der Fundación organisiertes Benefiz-Konzert mit der Folkrloresängerin Mercedes Sosa im Teatro Colón, dem Opernhaus von Buenos Aires, statt. Diese Veranstaltung fand sehr große Resonanz in der Öffentlichkeit.

Die bisherige Kooperation zwischen GEDENKDIENST  und der Fundación Memoria del Holocausto hat sich als äußerst fruchtbar erwiesen. Eine Entwicklung, die sich, hoffentlich, fortsetzen wird.

 

 

Thomas Bogner, aktueller Gedenkdienstleistender in Buenos Aires