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Ausgabe 4/01


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„Zwar bin ich einigermaßen optimistisch...“

Gedenken an die Militärdiktatur heute

 

Paula Siganevich, ihres Zeichens Literaturwissenschaftlerin, lehrt an einer Dependance der New York University in Buenos Aires. Sie beschäftigt sich unter anderem damit, wie die argentinische Gesellschaft der letzten Militärdiktatur gedenkt.

Obwohl selbst nicht in linken Gruppierungen engagiert, verließ sie nach dem Putsch 1976 zunächst für einige Monate das Land, kehrte dann aber wieder zurück. Bis 1977 arbeitete sie in Rosario, der zweitgrößten Stadt Argentiniens, in einem Kulturzentrum, das jedoch von den Militärs demontiert wurde. Danach unterrichtete sie fünf Jahre an einer Mittelschule in der Provinz, bis sie 1983 an der Reorganisation der Universität Rosario teilnahm.

 

Eine gespaltene Gesellschaft

 

Welche Teile der Gesellschaft unterstützen die Erinnerungsarbeit und welche stehen ihr ablehnend gegenüber?

Die argentinische Gesellschaft war schon während der Diktatur gespalten in Leute, die sich im klaren waren, was passierte, und Leute, die sich der Realität verweigerten. Als die Diktatur vorbei war, hat sich diese Trennung weiter erhalten. Auf der einen Seite verfolgt ein Sektor der argentinischen Bevölkerung, der [in den 70ern] soziale Veränderung wollte, die Idee der Arbeit an der Erinnerung. Auf der anderen Seite stehen die Teile der Gesellschaft, die nicht verstanden, was passierte, die gleichgültig waren und bei dieser Haltung geblieben sind.

Jene Gesellschaftsteile, die der Armee verbunden sind, haben die Arbeit an der Erinnerung abgelehnt. Bemerkenswert ist, dass sie mittlerweile einige Methoden der Gedenkorganisationen kopiert haben und aus ihrer Perspektive am Gedenken an jene arbeiten, die sie als ihre eigenen Opfer betrachten [Militärs und ihre Angehörigen, die von Guerilleros getötet wurden, Anm.].

 

 

Welche Kontinuitäten sehen Sie in der Gesellschaft?

Es gibt einen Teil der Gesellschaft, der in der Zeit des „Prozesses“ und des „schmutzigen Krieges“ Vorurteile hatte, und wenn wir diese Menschen heute fragen, werden sie dieselbe Meinung vertreten. Über Personen, die gefangengesetzt wurden und die man verschwinden ließ, sagen sie wohl heute noch: „Irgendeinen Grund wird es schon gehabt haben.“ „Irgendetwas muss er angestellt haben.“ Das sind typische Aussagen für die Zeit [der Diktatur, Anm.] und man kann sie wahrscheinlich heute noch hören.

 

 

Wer bestimmt den gesellschaftlichen Diskurs: Jene Sektoren, die an ihren Vorurteilen festhalten, oder die Menschenrechtsgruppierungen?

Ich kann das nicht messen, ich habe keine statistische Untersuchung gemacht. Mein Eindruck ist, daß in den letzten Jahren die Gruppierungen, die sich mit dem Gedenken und der Verteidigung der Menschenrechte beschäftigen, sehr viel bewegen konnten und dadurch die Thematik stärkere Verbreitung in der Gesellschaft gefunden hat.

Als die Kinder von „Verschwundenen“ auftraten, Zwanzigjährige auf der Suche nach ihrer Identität, war das ein Einschnitt, ein Faktor, der Räume in der öffentlichen Meinung auftat (1). Ein anderer wichtiger Faktor war, daß im Ausland Täter verhaftet wurden (2). Das trug dazu bei, daß sich die Meinung in Argentinien allmählich änderte. Aber ich kann wirklich nicht sagen, wie sehr sie sich geändert hat. Immerhin haben momentan Menschenrechtsorganisationen viel Presse. Es gibt auch viele Forschungen, Publikationen, Filme sind gedreht worden. All das hat dazu geführt, dass die Thematik wieder diskutiert wird.

 

WM und Falklandkrieg

 

Welche Aspekte der Diktatur stehen im Vordergrund der Diskussion und welchen wird nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt?

Ein sehr signifikantes Ereignis für das, was in Argentinien passierte, war die Fußballweltmeisterschaft, die mitten in der Zeit der Repression stattfand. Die Militärs bereiteten das Land auf ein Ereignis vor, das in der ganzen Welt im Fernsehen gezeigt würde, und die Argentinier machten mit und feierten, ohne daran zu denken, was sich in Argentinien gerade abspielte. Das ist etwas, über das nachgedacht und gesprochen werden sollte. Ein weiteres Ereignis, das den Niedergang der Militärs markierte und die Tür für die Wiederherstellung der Demokratie öffnete, war der Krieg um die Malvinas(3) . Damals wurde zum Krieg aufgerufen, das argentinische Volk begann zu feiern, füllte die Plaza de Mayo(4) und stellte sich im Geist des Nationalismus hinter die Verteidigung der Inseln, was absoluter Schwachsinn war, ein historischer Mangel an Vernunft. Man erkannte nicht, dass man zum Krieg aufgerufen wurde, um die ökonomischen Probleme und die Misswirtschaft der Regierung zu verdecken. Ich glaube, dass diese beiden Ereignisse, die Teilnahme der Bevölkerung am Feiern des Malvinen-Krieges und die Teilnahme der Bevölkerung, als das Regime die Fußball-WM zelebrierte, etwas vom argentinischen Volk zu diesem Zeitpunkt zeigen. Darüber hat man nicht nachgedacht, darüber wurde wenig gesprochen. Ich glaube, das sind die Hauptpunkte, wo nicht am Erinnern gearbeitet wird.

 

“Wer wissen wollte, der wusste...”

 

Wenn wir uns den Jahren 83/84 zuwenden, so nehme ich an, dass damals die Gesellschaft Dinge erfuhr, die sie zuvor nicht wusste. Was wusste man schon zuvor, was hätte man wissen können?

Man konnte nicht alles in exakten Daten, im Detail wissen. Aber die Menschen konnten, wenn sie wollten, eine generelle Vorstellung davon haben, was ablief. Wer wissen wollte, der wusste. Wer damals nichts darüber erfuhr, was passierte, ist nicht einfach naiv. Er erfuhr nichts, weil er nichts erfahren wollte. Es war so offensichtlich, man sah die Zeichen überall. Ich hörte in der Nacht Schüsse, am Tag sah man, dass ständig nach Ausweisen verlangt wurde, und auch die Zahl der Leute, bei denen Hausdurchsuchungen durchgeführt wurden. Jeder wusste das.

 

Und heute...?

 

Hat die argentinische Gesellschaft Ihrer Ansicht nach aus dem, was in den 70er Jahren passierte, etwas gelernt?

Hat die Welt aus dem Ersten Weltkrieg gelernt? Hat sie etwas aus dem Zweiten gelernt? Haben wir Argentinier aus der illegalen Repression gelernt? Es sah so aus, als ob die argentinische Gesellschaft gelernt hätte, weniger autoritär zu sein, und als ob sie den Wunsch hätte demokratischer zu sein. Zwar bin ich einigermaßen optimistisch, dass dieser Wunsch noch existiert, aber die Ergebnisse von zwanzig Jahren Demokratie machen uns erheblich Sorge.

 

 

Buenos Aires im September 2001,

Oliver KühschelmHistoriker, ehemaliger Gedenkdienstleistender in Buenos Aires

 

 

(1)Die Militärs raubten vielen schwangeren „Subversiven“, die sie verhaftet hatten, ihren Nachwuchs gleich nach der Geburt. Seit die Kinder, die in politisch „zuverlässigen“ Familien aufwuchsen, erwachsen geworden sind, stellt sich für sie die schmerzhafte Frage nach ihrer wahren Identität.

 

(2)In mehreren europäischen Ländern wurden Klagen wegen Menschenrechtsverletzungen durch Vertreter des Regimes eingebracht.

 

(3)Für die Briten: Falklandinseln

 

(4)Zentraler Platz von Buenos Aires, als der Ort für politische Massenveranstaltungen ein nationaler Mythos