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Ausgabe 1/02


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Kommentar und Editorial

Wem nützt die Diskussion um die Beneš-Dekrete?

Die Benes-Dekrete und die Frage der Vertreibung von Millionen Deutschen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus Ost- und Südosteuropa hat in den letzten Monaten in der Öffentlichkeit die Diskussion um die NS-Zeit und die Frage nach der Entschädigung von NS-Opfern in Österreich in den Hintergrund gedrängt. Zweifellos haben die Benes-Dekrete und die Avnoj-Beschlüsse in einem Europa, das gerade dabei ist, sich eine gemeinsame Verfassung zu geben, keinen Platz. Ihnen liegt nicht nur ein nationalistisches Konzept zu Grunde, sondern sie gehen auch von der These einer Kollektivschuld aus, indem alle Deutschen pauschal zu „Verrätern“ und „Staatsfeinden“ erklärt wurden.

Die Benes-Dekrete, die Avnoj-Beschlüsse und die Diskussion darüber dienen als vorzügliches Vehikel, um revisionistisches Gedankengut wieder aufzuwärmen und um gegen den EU-Beitritt von Tschechien, der Slowakei und Slowenien Stimmung zu machen. Die selbsternannten „Schutzherren“ der Vertriebenen sind wohl wenig an einer offen-ehrlichen Diskussion interessiert und versuchen vielmehr, aus einer möglichst großen Polarisierung und Emotionalisierung der Debatte tagespolitisches Kleingeld für sich herauszuschlagen. Dadurch wird aber der Sache der Opfer der Vertreibungspolitik ein schlechter Dienst erwiesen. Irene Kunz, eine der Vertreterinnen der deutschsprachigen Minderheiten in Tschechien, meinte in einem Zeitungsinterview: „Die Minderheit wird da hineingezogen, ob wir das wollen oder nicht. Es bringt uns gar nichts, wenn die Politiker einander angreifen.“

Die Diskussion, die jetzt der Tschechischen Gesellschaft von außen aufgezwungen wird, wird im besten (unrealistischen) Fall überhaupt nur zu einer oberflächlichen, symbolhaften Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und im schlechtesten (realistischen) Fall zu nationalistischen Reflexen und zur Forderung nach einem nationalen Schulterschluss führen; eine Situation die nur den radikalen Nationalisten dies- und jenseits der Grenze nützt. Die aktuelle Debatte um die Benes-Dekrete wird daher kein Umdenken der öffentlichen Meinung in Tschechien oder sonstwo herbeiführen. So ist es fatal, dass die sogenannte „antifaschistische Linke“, die Sozialdemokraten und Grünen zu den Benes- Dekreten weitgehend schweigen und die öffentliche Diskussion beinahe nur von jenen geführt wird, denen mehr an Eskalierung, Polarisierung und Emotionalisierung gelegen ist. Schade auch, dass von den Vertriebenen-Organisationen keine anderen Signale gesetzt werden. Im Gegenteil, so manche Organisation verbreitet revisionistische Geschichtsauffassungen. In einem Info-Folder der „Sudentendeutschen Landsmannschaft in Österreich“ wird gar das „Münchner Abkommen“ vom September 1938, (in dem Hitler-Deutschland die Abtrennung des Sudentenlandes erreichte) als „späte Erfüllung des Selbstbestimmungsrechtes“ gefeiert. Für die Landsmannschaft fallen anscheinend die über 40.000 Sudetendeutschen, die als Folge des „Anschlusses“ des Sudentenlandes an das Deutsche Reich in KZs verschwanden, nicht ins Gewicht. Wenn dann, in Anspielung auf eine UN-Resolution aus dem Jahr 1974, in der den Palästinensern die Rückkehr in ihre Heimstätten und die Rückgabe des geraubten Vermögens zuerkannt wurde, festgestellt wird: „Unsere Forderung kann nicht deswegen geringeres Gewicht haben, weil wir sie stets ohne Anwendung von Gewalt (!) vertraten“, stellt sich die Frage nach der politischen „Europareife“ dieses Vertriebenenverbandes.

Wenn die Opfer der Vertreibungen und deren Nachkommen die moralische Anerkennung ihrer Leiden erlangen möchten, müssen sie sich von allen revisionistischen Organisationen und von selbsternannten „Schutzherren“ emanzipieren. Der Weg führt nur über eine gemeinsame Aufarbeitung der Geschichte, jenseits von Tagespolitik, parteitaktischem Verhalten und Vereinsmeierei. Und dabei sollten die Verbrechen an deutschsprachigen Menschen nach 1945 in Osteuropa auch im historischen Kontext von dem gesehen werden, wodurch sie letztendlich auch mitverursacht wurden: Die Politik der Versklavung und Vernichtung der slawischen Bevölkerung Osteuropas während der nationalsozialistischen Besatzung, die manche noch immer als eine Art „ordentlicher Beschäftigungspolitik“ bezeichnen.

 

Christian Klösch, Historiker und Obmann Verein GEDENKDIENST

Editorial

Liebe Leserin!

Lieber Leser!

 

Die erste Ausgabe von GEDENKDIENST im Jahr 2002 hat diesmal die Geschichte und Gegenwart der jüdischen Gemeinde in Graz zum Inhalt. Die Mitarbeiter der Regionalgruppe Steiermark sind der Frage nachgegangen, wie sich das Leben der Juden nach der Eröffnung der Synagoge in Graz, vor mittlerweile eineinhalb Jahren, geändert hat. Zu diesem Fragenkomplex lesen Sie das Interview mit dem Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde in Graz. Hermann Zwanzger, Manuel Haberger, Wolfgang Weritsch und Martin Schemeth sei an dieser Stelle für die inhaltliche Konzeption des Schwerpunkts gedankt. Ein Aufsatz von Gerald Lamprecht, der zur Zeit am Grazer David Herzog Zentrum an einer Dissertation über die Geschichte der Juden in der Steiermark arbeitet, rundet dieses Thema ab. Harald Walser beschreibt hingegen das offenbar gänzlich konträre gesellschaftliche Klima in Hohenems in Vorarlberg, wo es im Juni 2001 zur Schändung des jüdischen Friedhofs und zu bemerkenswerten Reaktionen von Seiten der Stadtväter kam.

Über den Zivilersatzdienst war in den letzten Monaten auf Grund der Kürzung durch den Auslandsdienst Förderverein kaum Positives zu berichten. Nun hat sich aber zumindest für GEDENKDIENST eine wichtige positive Entwicklung ergeben: Nach langer Suche konnten wir, dank der Unterstützung der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, neue Räumlichkeiten im Haus Rabensteig 3 im ersten Wiener Gemeindebezirk beziehen! Neben zwei Büros stehen uns nun auch ein Bibliotheks- und ein Veranstaltungsraum für unsere wöchentlichen Mittwochstreffen zur Verfügung! Unser altes Büro in den Räumen der Fachschaft Informatik an der TU Wien war durch den Ausbau unserer Aktivitäten zu klein geworden. Wir möchten die Gelegenheit nützen, Ihnen in dieser Ausgabe auch unsere EVS- Freiwillige aus Berlin, Stefanie Lucas, vorzustellen, die derzeit unser Büro-Team bestehend aus Judith Pfeiffer und Matthias Kail tatkräftigst unterstützt.

Die Aktivitäten zum 10-jährigen Bestehen des Verein Gedenkdienst im Mai 2002 werfen bereits ihren Schatten voraus: Im Mittelteil der Zeitung finden sie das Programm zur Tagung „Vermächtnis Holocaust. Strategie der Nachgeborenen im Umgang mit Nationalsozialismus und Holocaust.“ Zu dieser hochkarätig besetzten Tagung können Sie sich ab sofort im Bildungshaus St. Virgil, Salzburg, Tel. +43 (0662) 659 01-514, anmelden. In der Hoffnung, Sie im Mai bei unserer Tagung persönlich begrüßen zu dürfen, verbleibe ich

 

Herzlichst Ihr,

Cristian Klösch, Obmann Verein GEDENKDIENST