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Ausgabe 1/02


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„in der deutschesten Stadt, in Graz“

Die jüdische Gemeinde von Graz bis 1938

 

Am 9. November 2000 wurde der Israelitischen Kultusgemeinde in Graz die wiedererrichtete Synagoge am David- Herzog-Platz übergeben. Genau 62 Jahre nach der Zerstörung der alten Synagoge in der Reichspogromnacht 1938 erhielt damit die kleine jüdische Gemeinde der Steiermark, Kärntens und des südlichen Burgenlandes ein sichtbares Zeichen ihrer Existenz in der steirischen Landeshauptstadt.

Die Errichtung und Übergabe der Synagoge stellte gleichsam den Höhepunkt einer Entwicklung dar, die in einer verstärkten Beschäftigung der Mehrheitsbevölkerung mit der eigenen Vergangenheit bestand. Demnach steht dieser Bau für eine (erfolgreiche?) Aufarbeitung der Vergangenheit der Grazer/innen wie auch für einen Neubeginn jüdischen Lebens, der sich vor allem durch verstärkte Präsenz in der Öffentlichkeit – etwa erstmals durch ein eigenes Kulturprogramm – bemerkbar macht.

Zwar versucht die Architektur des Neubaus eine bauliche, stilistische und auch lokale Kontinuität zur Synagoge des 19. Jhd. herzustellen, doch kann damit an die erfolgreiche Vergangenheit jüdischen Lebens in der zweiten Hälfte des 19. und den ersten Jahrzehnten des 20. Jhd. sicherlich nicht angeschlossen werden. Die Errichtung und Einweihung der Synagoge 1892 war ein Zeichen der sich formierenden und an Selbstbewußtsein gewinnenden jüdischen Gemeinde, während der Neubau und die Übergabe auf dem Bewußtsein einer historischen Verantwortung der nichtjüdischen Mehrheitsbevölkerung fußt.

 

Rechtliche Unsicherheit

Der Beginn der „modernen“ jüdischen Gemeinde in Graz kann Mitte des 19. Jhd. angesetzt werden, wobei sich die Entwicklung zur zweitgrößten Israelitischen Kultusgemeinde neben Wien auf mehrere Jahrzehnte erstreckte und nur schrittweise voran ging.

Eine Besonderheit der Steiermark bestand im beinahe 400-jährigen Siedlungs- und Aufenthaltsverbot für Juden im Herzogtum Steiermark, das sich Kaiser Maximilian I. von den steirischen Ständen mit einer sogenannten „Judenablöse“ abkaufen ließ. Zwar erfuhr dieses in den Quellen als „Judensperre“ bezeichnete Verbot durch die Gesetzgebung Josefs II. eine Aufweichung, zu seiner Aufhebung kam es jedoch erst in Folge der Ereignisse des Jahres 1848.

Aus der Gleichstellung aller Untertanen ohne Rücksicht auf die Konfession leiteten einige westungarische jüdische Händler für sich das Recht ab, in der Steiermark Handel zu treiben, sich niederzulassen und erste Einrichtungen für ihr religiöses Leben zu errichten. Eine Vorstellung, die von der steirischen Bürokratie und Bevölkerung nicht im vollen Umfang geteilt wurde.

Generell ist diese erste Phase der Ansiedlung von rechtlichen Unsicherheiten geprägt. Während die jüdischen Händler aus der Verfassung vom März 1849 ihr Recht auf freie Mobilität und Niederlassung ableiteten, bezogen sich die steirischen Behörden auf das Ausweisungsdekret Kaiser Maximilians I. und forderten „judenrein“ zu bleiben. Auch mehrmalige Anfragen bei den Zentralbehörden in Wien konnten diesem Zustand, der zu widersprüchlichsten Entscheidungen führte, kein Ende bereiten. So wurden Juden als unliebsame Konkurrenten (Hausierhandel) in manchen Orten ausgewiesen, in anderen erhielten sie wiederum Aufenthaltsgenehmigungen.

Ein Ende dieser Willkür brachte erst die endgültige Aufhebung des Niederlassungsverbotes im Jahr 1861 mit sich. Eine Folge daraus war die Anmietung eines Betlokales, die Eröffnung von koscheren Gaststätten, die Anmietung eines rituellen Bades, der Erwerb eines Friedhofes, die Abhaltung von Religionsunterricht und eine inoffizielle eigenständige Matrikenführung. Die Abhaltung von öffentlichen Gottesdiensten blieb jedoch weiterhin untersagt.

Federführend für diese erste Konstituierung eines Gemeindelebens war die 1863 gegründete Israelitische Corporation, aus der im Zuge 1869, auf der Basis der Vereinsgesetzgebung, die IKG entstehen sollte.

 

Die Kultusgemeinde

Eine endgültige legistische Umsetzung der jüdischen Emanzipation ergab sich erst durch das „Israelitengesetz“ vom März 1890. Die Erhebungen, die nun durchgeführt wurden, zeigten daß sich bis dahin nicht alle in Graz lebenden Juden der jüdischen Gemeinde zugehörig fühlten und daß vor allem die Kärntner Juden die Gründung einer eigenen Kultusgemeinde anstrebten. Diese unterschiedlichen Positionen führten zu langwierigen Diskussionen, deren Ergebnis die Statuten von 1896 waren. Demnach war die Grazer Gemeinde zuständig für die Herzogtümer Steiermark, Kärnten und Krain, wobei die in Graz und Umgebung lebenden Juden der Gemeinde beitreten mußten während die übrigen dieser nur zugewiesen wurden.

Für die Grazer Gemeinde bedeutete diese Regelung nicht nur eine rechtliche Klarstellung, sondern damit fand der Einigungs- und Identitätsbildungsprozeß innerhalb der Grazer Judenschaft vorläufig seinen Abschluß.

Die Jahre bis zum Ersten Weltkrieg und Untergang der Habsburgermonarchie waren vor allem durch ein demographisches Anwachsen wie auch den Auf- und Ausbau von religiös-sozialer Infrastruktur geprägt. Lebten Ende der sechziger Jahre etwa 250 Juden in Graz, so waren es bei der Volkszählung 1880 bereits 1.211 und 1910 1.971. Insgesamt machte die jüdische Minderheit jedoch nie mehr als 1 - 2 % der Gesamtbevölkerung aus. Räumlich fand eine Konzentration auf die Bezirke Gries und Lend statt. Diese Verteilung änderte sich zwar im Laufe der Jahre mit dem sozialen Aufstieg einzelner Familien, die sich in den gutbürgerlichen Bezirken Geidorf und Leonhard niederließen, doch blieb eine Siedlungspräferenz in den ärmlichen Zuwandererbezirken vorherrschend. Nach einem temporären Anwachsen der jüdischen Bevölkerung durch die Flüchtlingsströme während des Ersten Weltkriegs kam es zu einer Stagnation und schließlich zu einem Rückgang. Zurückgeführt wird dieser auf das Ende der Zuwanderung, Geburtenrückgang und verstärkte Austritte aus der IKG.

Daß diese kleine Gemeinde es zu religiöser, kultureller und sozialer Prosperität brachte, zeigt sich vor allem an einer Vielzahl von Vereinsgründungen, der Bestellung eines eigenen Rabbiners (Samuel Mühsam 1877) wie auch einem gestärkten Auftreten nach außen.

Das Spektrum der Vereinsgründungen umfaßte sozial-religiöse Vereine, Studenten-, Geselligkeits- und Sportvereine, die vor allem nach dem Ersten Weltkrieg verstärkt zionistisch ausgerichtet waren.

Eine einschneidende Zäsur in dieser Entwicklung bildete der Erste Weltkrieg und der Zerfall der Monarchie. Einerseits erlag das kulturelle Vereinsleben und anderseits verstärkte sich der Antisemitismus in der Öffentlichkeit. Ausschlaggebend dafür dürfte vor allem das Wegfallen der schützenden Gesetzgebung seitens der Habsburgermonachie wie auch die verschärfte wirtschaftliche Lage, die nach Schuldigen verlangte, sein. Der aufflammende Antisemitismus wurde von vielen als ein Scheitern der Assimilationsbestrebungen verstanden und mündete in eine verstärkte Neugründung von Vereinen in den 20er und 30er Jahren. Zu nennen sind hier vor allem die Gründung der „Hakoah“ 1919, der Loge „Graz“ des unabhängigen Ordens „B´nai B´rith 1928, die Neugründung der Studentenverbindung „Charitas“ 1929 und der Ortsgruppe des „Bundes Jüdischer Frontsoldaten“ 1934. Eine besondere Blüte erlebten vor allem zionistische Vereine. Sie konzentrierten sich auf die Stärkung des jüdischen Selbstbewußtseins, durch Abhaltung von Hebräischkursen und Veranstaltungen zur jüdischen Geschichte und Kultur. Weiters wurden Vorbereitungskurse in ökonomisch-handwerklicher Hinsicht angeboten und unter Mitwirkung der „Hechaluz“ ein Stadtkibbuz errichtet.

Den zionistischen Bestrebungen standen zum Teil der Vorstand der IKG und die konservativen Vereine gegenüber, welche sich durchwegs loyal zum Ständestaat verhielten.

 

Antisemitismus

Wurde der Antisemitismus erst mit dem Ende der Habsburgermonarchie aggressiv proklamiert, so zeigt sich, daß er nicht erst in dieser Zeit entstanden ist. Die Ansiedlung und Konstituierung der jüdischen Gemeinde war immer von antisemitischen Anfeindungen begleitet.

So erließ im Jahr 1894 der Gemeinderat von Graz ein allgemeines Schächtverbot, das zu einem Proteststurm von Kultusgemeinden der ganzen Monarchie führte, oder akademische Vereine schlossen jüdische Studierende aus. Besonders die Grazer Universität kann in dieser Phase als ein zentraler Ort des Antisemitismus bezeichnet werden. Bezeichnenterweise untersagte das Rektorat der Karl-Franzens-Universität die Gründung des jüdischen Studentenvereines „Ivrea“ zunächst mit der Begründung: „Es läßt sich erwarten, daß die Gründung eines academischen Vereines, der sich die Hebung des jüdischen Nationalbewußtseins zur ersten Aufgabe stellt (§2), an der Grazer Universität, an der ein Theil der Studentenschaft theils offen, theils unausgesprochener antisemitischer Anschauung ist, mancherlei Störung der academischen Ordnung zur Folge haben kann.“

Aber auch in publizistischer Hinsicht kam es bereits um 1900 zu antisemitischen Veröffentlichungen. So publizierte der Styria-Verlag 1899 das Buch des Stainzer Kaplans Johann Seidl mit dem Titel „Der Jude des Neunzehnten Jhd. oder Warum sind wir antisemitisch?“.

Einen Höhepunkt sollte der publizistische Antisemitismus durch die Veröffentlichungen des Leopold Stocker Verlages in den 20er und 30er Jahren erreichen. Als Beispiel sei an dieser Stelle nur die antisemitische Hetzschrift übelster Sorte: „Juda. Kritische Betrachtungen über das Wesen und Wirken des Judentums“ von Carl Paumgartten alias Regierungsrat Dr. Karl Huffnagl angeführt.

Aber auch in Zeitungen und im Alltagsleben nahmen die antisemitischen Angriffe nach dem Ersten Weltkrieg zu. Dabei reicht die Palette der Agitationen von körperlichen Angriffen, der Störung von jüdischen Veranstaltungen, dem Streuen von Flugzetteln bis hin zu bis hin zu vorgeblich wissenschaftlichen Diskussionsveranstaltungen.

Einer der bedeutendsten Aufklärer gegen diese antisemitischen Angriffe war der seit 1908 in Graz wirkende Rabbiner David Herzog, der auch als Privatdozent an der Grazer Universität unterrichtete. Er setzte sich in verschiedensten Veröffentlichungen wie auch in öffentlichen Veranstaltungen gegen die Angriffe zur Wehr. Herzog war es auch, der sich erstmalig neben Artur Rosenberg mit der Geschichte der Juden in der Steiermark beschäftigte. Und als führender Repräsentant der Grazer Juden nahm er erstmalig als Stadt- und Landesschulrat eine öffentliche Funktion wahr und erhielt offizielle Ehrungen seitens der Stadt Graz und der Republik Österreich.

Trotz dieses antisemitischen, deutschnationalen Klimas in Graz war es der jüdischen Gemeinde im Zeitraum von etwas mehr als 80 Jahren gelungen, eine eigenständige jüdische Identität aufzubauen, was sich sowohl in der ausgeprägten Vereinslandschaft als auch in der Herausgabe eigener Zeitungen, wie dem Israelitischen Gemeindeboten und den Mitteilungen der IKG widerspiegelt.

 

Das Ende

Einen Abbruch erlebte diese Entwicklung mit dem „Anschluß“ und den Ereignissen der Jahre 1938-45. Bereits vor dem 12. März kam es zu Demonstrationen von Nationalsozialisten, die von antisemitischen Tönen begleitet waren und dadurch das Bild der „Stadt der Volkserhebung“ prägten. Ähnlich anderen österreichischen Städten kam es unmittelbar nach dem „Anschluß“ zu ersten Verhaftungen, die Repräsentanten der IKG und Vertreter der jüdischen Vereine betrafen. Weiters wurde bereits am 17. März ein Schächtverbot verkündet und die jüdische Geschäftstätigkeit gestört. Neben der Zerstörung der religiösen und kulturellen Lebensgrundlagen ging das Regime sehr rasch dazu über, die Juden aus dem Erwerbsleben zu verdrängen und im Zuge der „Arisierungen“ zu berauben. Alle jüdischen Vereine wurden durch die Stillhaltekommission aufgelöst und das Vermögen beschlagnahmt. Ziel war eine völlige Entrechtung, Beraubung und – zu diesem Zeitpunkt noch – Vertreibung aus der Steiermark.

Von den „Erfolgen“ dieser Politik berichtet der Präsident der IKG Sonnenwald im August 1938 der Landeshauptmannschaft, daß seit März 1938 an die 150 Personen abgewandert seien. Eine genaue Aufstellung könne er allerdings nicht angeben, da sich der Stand täglich ändere.

Den traurigen Höhepunkt erreicht diese Politik in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. In einer geplanten Aktion, unter Mitwirkung der lokalen Feuerwehr, die sich um den Schutz der umliegenden Gebäude kümmerte, und in Anwesenheit des Grazer Bürgermeisters wurden die Synagoge und das Amtsgebäude mit eigens von der SA dafür bereitgestellten Benzinfässern in Brand gesteckt. Auch die Zeremonienhalle am Wetzelsdorfer Friedhof wurde eingeäschert. Gleichzeitig wurden rund 300 Männer verhaftet und nach Dachau verschickt.

Mit der Reichspogromnacht änderte sich auch die Gangart der Vertreibungspolitik. Die „Rumpfgemeinde“, die sich fortan „Auswanderungs-, Beratungs- u. Fürsorgestelle“ nannte und am Entenplatz angesiedelt war, wurde von der Gestapo dazu angehalten, „die Auswanderung der Juden zu forcieren und so der Verpflichtung unserer Auswanderungsstelle nachzukommen“, wie dies in einem Schreiben der Fürsorgestelle an den Stillhaltekommissar Brunner im Jänner 1939 beschrieben wird. Tatkräftige Unterstützung erhielten die Grazer Behörden dabei von der „Zentralstelle für Jüdische Auswanderung“ in Wien, die die „Aktion Judenauswanderung aus der Steiermark“ initiierte. Ziel dieser Aktion war die Auswanderung vermögender Juden unter völligem Verzicht ihres Besitzes.

Am 31. Oktober 1939 konnte der Oberbürgermeister von Graz der Landeshauptmannschaft berichten: „Die Israelitische Kultusgemeinde besteht faktisch nicht mehr, da keine Mitglieder vorhanden sind. Die letzten verlegten ihren Wohnsitz nach Wien und werden von der Kultusgemeinde Wien betreut. Hier wohnen nur noch Juden, die mit Ariern verheiratet sind. Das Vermögen des Israelitischen Kultusgemeinde besteht derzeit nur mehr in Liegenschaften, da das ganze Vermögen für Zwecke der Auswanderung verwendet wurde. Den Verkauf der Liegenschaften, welche beim dortigen Bürgermeisteramt bekannt sind, führt der Stillhaltekommissar in Wien, da der Erlös derselben dem Wiederaufbaufonds in der Ostmark (Büro Bürckel) eingewiesen werden wird. Ein Teilbetrag ist noch für jüdische Auswanderung bestimmt. Kultusgeräte wurden, soweit sie beim Tempelbrand nicht zugrunde gegangen sind, dem Joanneum überwiesen. Die Bibliothek, soweit sie noch erhalten ist, wurde an die Nationalbibliothek in Wien abgetreten. Ein rechtlicher Vertreter für die Grazer Kultusgemeinde besteht nicht.“

Letztendlich wird die IKG, die ihre Tätigkeit bereits im Oktober 1939 einstellen mußte, erst im Mai 1941 endgültig aufgelöst. Der Grund für diese Verzögerung lag einzig darin, daß man „rechtlich“ jemanden brauchte, dem man die noch nicht „abgewickelten“ Liegenschaften wegnehmen konnte. Damit war auch formal der Hinweis auf jüdisches Leben in der Steiermark gelöscht und somit ein Schlußstrich unter die „moderne“ jüdische Gemeinde der Steiermark gesetzt worden.

 

Gerald Lamprecht, Historiker und Mitarbeiter am David Herzog Centrum