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Ausgabe 1/02


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Licht und Geschichte als Baustoffe

Die Architekten Ingrid und Jörg (†) Mayr zeichnen verantwortlich für den Entwurf der neuen Synagoge. Sie hatten schon 1989 die Planung für die Zeremonienhalle am Grazer jüdischen Friedhof übernommen, die in den Ausschreitungen der Reichspogromnacht ebenso zerstört wurde, wie die Synagoge. 1991 konnte der Wiederaufbau abgeschlossen und das Gebäude der Israelitischen Kultusgemeinde von der Stadt Graz zurückgegeben werden.

Für die Architekten war es ein Anlass, sich mit der Geschichte der Juden in der Region, und mit jüdischer Liturgie im besonderen auseinander zu setzen. Ein Wissen, auf das die Stadt wieder zurückgreifen sollte.

Mit dem einstimmigen Beschluss vom 21. Oktober 1998, auch die Synagoge wieder zu errichten, trat die Stadt erneut an das Büro Mayr & Mayr heran. Der gestalterische Rahmen war weit gefasst. Die alte Synagoge sollte nicht rekonstruiert werden, die neue aber einen Bezug zur zerstörten herstellen. Am 9. November 2000, auf den Tag 62 Jahre nach den Ausschreitungen der Reichspogromnacht wurde die neue Synagoge feierlich übergeben.

Das Resultat ist ein schlichter und ruhiger Bau. Auf einem annähernd quadratischen Grundriss wird der Zentralraum von einem Quader umschlossen. Funktionen im Innenraum des Gebetshauses durchbrechen dieses Korsett und finden Entsprechung in der Außenhaut, wo sie durch Vorsprünge sichtbar werden und die Fassaden gliedern. Eine gläserne Kuppel schließt das Bauwerk nach oben hin ab und überspannt nahezu den gesamten Zentralraum.

Glas nimmt auch große Teile der Fassaden ein, aber die klaren, roten Ziegelflächen bleiben bestimmend. Der Ziegel verhüllt die Stahlbetonkonstruktion und schafft einen ersten konkreten Bezug zum Backsteinbau der alten Synagoge. Nachdem das Gebäude von den Nationalsozialisten gesprengt worden war, wurde das Grundstück geräumt und eingeebnet. Die unbeschädigten Ziegel verwendete man für den Bau einer Garage. Erst seit 1983 hat eine Installation des Künstlers Fedo Ertl vor Ort den Verbleib der Ziegel in Erinnerung gerufen.

Auf Initiative der Architekten wurde die Garage abgetragen. Die Ziegel wurden gereinigt und an den Ort ihrer Bestimmung zurückgebracht. Das Kellermauerwerk der alten Synagoge war weitgehend erhalten. Mit den alten Steinen wurde es ergänzt und bis auf 1m über das umliegende Gelände hochgezogen. Fragmente der beiden Türme an der Ostseite der alten Synagoge wurden mit den Steinen wieder aufgestellt, sowie ein Teil der Apsis, die dazwischen lag. Es ist wohl die unmittelbarste Verbindung, die damit zum zerstörten Bauwerk geschaffen wurde. Die verwitterte Oberfläche der alten Steine atmet Geschichte, und sie erinnert daran, was geschehen ist. Vielleicht ist sie auch Ausdruck der Hoffnung, an die Zeit davor anschließen zu können.

Symbolisch wächst die neue Synagoge aus den Fundamenten der alten. Sie ist kleiner als der vorangegangene Bau, auch als Zeichen der weit kleineren Gemeinde der Nachkriegszeit. Tatsächlich wurde der Neubau in die Kellerummauerung hineingestellt und ist konstruktiv von ihr unabhängig. Das Untergeschoss nimmt heute einen Mehrzwecksaal auf, der für verschiedene Veranstaltungen genutzt wird, auch für den Religionsunterricht für die Schulkinder der Kultusgemeinde.

Die Innenräume der Synagoge empfangen den Besucher in heller und schlichter Atmosphäre. Die großzügigen Glasflächen, die an den Außenfassaden den Ziegel durchbrechen, treten hier in Kontrast mit den großen Oberflächen der Wände, die einheitlich weiß gestrichen sind.

Kein überflüssiger Dekor beansprucht die Aufmerksamkeit des Betrachters. Nur das Licht, das durch die Kuppel in den Zentralraum der Synagoge fällt, zeichnet in gleißenden Strahlen Schatten auf diese Flächen oder füllt den Raum mit diffusem Licht. Es ist ein Spiel mit unserer üblichen Erwartungshaltung an einen sakralen Ort, mit der Assoziation an den karg und mystisch beleuchteten Raum, in dem ein gebündelter Strahl die Gegenwart Gottes symbolisiert und nicht ein Lichtermeer, und es ist überraschend, wie sakral die Stimmung dennoch ist, die in diesem lichtdurchfluteten Raum entsteht. Mit jeder Tageszeit, mit jeder Wetterlage ändert sich das Lichtspiel und wird gleichsam zu einem liturgischen Bestandteil.

Das großartigste Detail aus der Feder der Architekten liegt in der Tragkonstruktion der Kuppel. 12 schlanke, blaugestrichene Stahlstützen schließen einen Kreis um den Zentralraum und erinnern an die 12 Stämme Israels. Sie ragen empor, vorbei an der Galerie, die ringförmig den Raum umschließt, bis unter den Ansatz der Kuppel, wo sie sich der Wölbung beugen. Über der Mitte des Raumes vereinen sie sich zu einem Davidstern. Symbol und Konstruktion gelangen hier zu vollkommener Übereinstimmung. Wer den Raum betritt, verfängt sich mit seinem Blick im Kreis der blauen Linien, folgt ihnen und verharrt im Anblick der Kuppel. In die gläsernen Scheiben der Kuppel sind Psalmen der Thora eingraviert. Das Gebet als Mittler zwischen den Menschen und Gott wölbt sich gleichsam über den Köpfen der Gemeinde.

 

Manuel Haberger, Architekturstudent und Mitarbeiter der Regionalgruppe Graz