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Ausgabe 1/02


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„Ich habe nie verstanden, warum man uns die Synagoge nicht zurückgegeben hat.“

Interwiev mit Gerard Sonnenschein, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Graz

 

Was hat sich seit ihrem Amtsantritt und der Wiedereröffnung der Synagoge geändert?

Ich und der neue Vorstand der IKG Graz sind mit dem Ziel der Öffnung der Gemeinde nach außen und nach innen angetreten. Die Öffnung nach innen ist uns absolut gelungen, wir sind von 100 Mitgliedern auf etwa 130 gewachsen. Wir haben jetzt drei Schulklassen und Gottesdienste werden heute häufiger gefeiert als noch vor einem Jahr. Die Öffnung nach außen ist uns noch besser gelungen. Die Ängste, dass es Ressentiments von Seiten der Bevölkerung oder Probleme mit Neonazis geben könnte, haben sich als völlig unbegründet erwiesen. Im abgelaufenen Jahr gab es eine Vielzahl von Veranstaltungen in der Synagoge, die bei der Grazer Bevölkerung auf reges Interesse stießen. Wenn dieser Trend anhält, bin ich sehr zufrieden.

 

Sind sie bestrebt auch in Zukunft vermehrt an die Öffentlichkeit zu treten und wenn, in welcher Form?

Wir planen mit Informationen über das Judentum verstärkt an die Schulen zu gehen. Es wird derzeit auch eine Dokumentation über die Grazer Kultusgemeinde gedreht. Ich hoffe, dass spätestens 2003 die Kinder dieses Video in den Schulen haben werden. Es gibt auch eine Dame vom ORF, die das jüdische Leben das gesamte Jahr über filmt. Das wird sicher eine ganz gute Sache.

 

Bei der Eröffnung der Synagoge wurde die Kritik laut, dass es zwar schön sei, dass es sie jetzt gibt, aber man wisse nicht, ob es jetzt nicht schon zu spät sei. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Ich persönlich habe nie verstanden, warum man uns die Synagoge nicht zurückgegeben hat. Allerdings: wir haben das ja auch nicht gefordert. Nicht alle Mitglieder der Gemeinde waren damit einverstanden. Es war aber auch nicht so, dass wir gesagt haben, wir wollen jetzt eine Synagoge und dann ist sie gebaut worden – überhaupt nicht. Sondern, und das möchte ich betonen, alle in der Grazer Stadtregierung vertretenen Parteien haben einstimmig beschlossen, uns diese Synagoge quasi zurückzugeben.

 

Ist die Angst unter den Mitgliedern geringer geworden?

Ja. Die Entwicklung war ja auch unerwartet positiv. Unsere Veranstaltungen sind bestens besucht, kürzlich hatten wir Fritz Muliar zu Gast, da kamen 265 Besucher! Mehr als eigentlich in die Synagoge hineingehen.

 

Haben sie das Gefühl, dass sich die Situation in Graz, dem von den Nationalsozialisten der zweifelhafte Ehrentitel „Stadt der Volkserhebung“ verliehen worden war, tatsächlich verbessert hat, oder dass man sich einfach öffentlich nicht mehr traut, antisemitisch aufzutreten?

Der Antisemitismus ist natürlich latent vorhanden. Aber ich habe das Gefühl, dass dieser Antisemitismus irgendwie eigenartig geworden ist. Wir Juden, das Gefühl habe ich, sind mittlerweile „in“ und Israel ist „out“. Das finde ich seltsam. Allerdings ist der vorhandene Antisemitismus in den letzten Jahrzehnten ohnehin immer ohne Juden ausgekommen. Nach dem Krieg hat ja kein Mensch gewusst, was oder wer ein Jude ist. Juden waren noch immer so im Bewusstsein der Menschen, wie sie im „Völkischen Beobachter“ dargestellt wurden, mit den typischen Nasen und Ohren und dergleichen. Jetzt gibt es in Graz wieder eine Synagoge, die Leute gehen da hin, sehen, das sind Juden, die schauen aus wie alle anderen. Die gibt es in allen Farben, in allen „Rassen“; also man sieht, dass die Juden ganz gleich sind wie alle anderen. Das ist eine sehr positive Entwicklung.

 

Sie waren in der Kultusgemeinde von klein auf dabei?

Ich bin heute nicht wirklich religiös, war es als Kind aber schon. Ich bin teilweise in Marokko und teilweise in Österreich aufgewachsen. Mein Vater war in erster Linie Österreicher und in zweiter Linie war er jüdischer Religion. Mein Großvater mütterlicherseits war allerdings Rabbiner, also sehr religiös. Mir hat das als Kind immer gefallen, wenn ich in Marokko war und mit meinem Onkel in die Synagoge gegangen bin.

 

Juden im allgemeinen werden häufig mit dem Staat Israel identifiziert werden. Wie sehen Sie diese Problematik?

Wenn ich von mir persönlich spreche: Ich bin Österreicher, ich fühle als Österreicher, ich war auch beim Bundesheer, nicht gerne, aber immerhin. Natürlich habe ich auch eine innere Bindung zu Israel. Ich habe dort auch Familie. Aber ich bin Österreicher. Wenn Österreich gegen Israel Fußball spielt, drücke ich Österreich die Daumen.

 

Sie leben seit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Graz. Wenn Sie jetzt zurückblicken, wie war es in den 50er und 60er Jahren, Jude in Graz zu sein, und wie ist es heute. Gibt es da Unterschiede?

Für mich schon. Gut, ich bin älter geworden und die Umgebung jünger und weniger belastet. Natürlich hatte ich in der Schule Probleme. Ich hatte einen Professor, der offener Antisemit war. Beim Bundesheer hatte ich Probleme mit meinem Ausbildner. Ich hatte Schwierigkeiten, weil ich immer offen Jude war. Das ist so weit gegangen, dass ich dann, so mit 20, 30, als ich auch sportlich tätig war, mit einem T-Shirt mit einem großen Davidstern darauf Tennis gespielt habe. Das war natürlich provokant, aber das war eben das Alter. Heute ist Multikulturalität normal, früher gab es zum Beispiel nicht so viele Moslems, nicht so viele Schwarze. Ich hatte seinerzeit einen Freund, der Untermieter bei meiner Mutter war, der war aus Schwarzafrika; das war so, dass ich mit ihm auf der Straße gegangen bin und da hat ein Kind geschrien: „Schau Mama, a Neger!“ Heute schaut kein Mensch mehr. Also da hat sich schon viel geändert.

 

Wie sehen die Kontakte zu den während der nationalsozialistischen Herrschaft vertriebenen jüdischen Grazern aus?

Zur Wiedereröffnung der Synagoge wurden die, die man noch gefunden hat, eingeladen. Es waren ziemlich viele da, die meisten aus Israel, aber auch aus Südamerika war jemand dabei, und aus Kanada, aber vorwiegend eben Israelis. Ich empfand diese Begegnungen als sehr berührend. Die Besucher wurden alle zu Ehrenmitgliedern der Kultusgemeinde Graz ernannt Der ehemalige Vizepräsident der Kultusgemeinde hat auch weiterhin Kontakt zu diesen Leuten. Es gibt einen regen Austausch, die Vertriebenen wissen Bescheid, kriegen auch Briefe. Wir schauen wirklich, dass wir diese Kontakte jetzt auch aufrecht erhalten.

 

Kommen manche der Vertriebenen jetzt wieder lieber nach Graz? Oder ist alles einfach zu lange her?

Einer hat erzählt, er habe seine Küche mit „Graz“ austapeziert. Beim Frühstück hat er den Schloßberg vor sich. Ich kenne einen, der immer wieder kommt. Die meisten jedoch nicht. Man muss differenzieren, es gibt ja auch Leute, die sich weigern, wieder Deutsch zu sprechen und es gibt Leute, die halt wieder herkommen. Ich weiß nicht, was ich machen würde, wenn ich der Generation angehören würde, die den Holocaust und die Vertreibung bewusst miterlebt hat. Aber als Kind habe ich es beispielsweise überhaupt nicht verstanden, warum mein Vater sofort nach dem Krieg von Marokko nach Graz zurückgekehrt ist. Ich habe das überhaupt nicht kapiert damals, warum ich woanders hin soll. Aber nochmals, heute fühle ich mich sehr wohl in Graz.

 

Sind sie auf Unverständnis gestoßen von emigrierten, ehemaligen Grazerinnen und Grazern, wie sie als Jude überhaupt in Österreich leben können?

Das Unverständnis gibt es nur bei Leuten, die wirklich religiös sind. Die verstehen nicht, dass wir hier leben können, dass man als Jude sozusagen „nicht-religiös“ leben kann.

 

Zur Altersstruktur in der Kultusgemeinde. Gibt es viele junge Mitglieder?

Wir hatten das Problem, dass wir überaltert waren. Viele sind leider verstorben. Wir sind heute – da zähle ich mich jetzt natürlich nicht dazu – im Vorstand alles junge Leute. Ich darf sagen, dass wir jetzt, durch die vielen Kinder, eher eine junge Gemeinde sind.

 

Worauf führen sie zurück, dass es heute um dreißig Mitglieder mehr als vor einem Jahr gibt?

Die Synagoge hat uns natürlich neue Möglichkeiten eröffnet. Es ist ein Unterschied ob ich eine Synagoge habe oder irgendeinen Betraum. Vor allem aber sind es die Aktivitäten, die wir gesetzt haben. Dazu kommt die neue Religionslehrerin, die dafür gesorgt hat, dass die Kinder wieder gekommen sind.

 

Ist es schon seit der Eröffnung der Zeremonienhalle am Zentralfriedhof vor mehr als zehn Jahren zu positiven Entwicklungen in diese Richtung gekommen?

Nein. Gut, das ist ja auch ein Unterschied. Dorthin geht man sterben, und dahin geht man leben.

 

Es ist ja alles sehr positiv, wie sie es schildern, hat es auch negative Dinge gegeben oder war da überhaupt nichts?

Nein! Sie können das Gästebuch auf unserer Homepage lesen, da habe ich mir auch gedacht, dass es da vielleicht irgendwas geben würde. Aber: Alle Reaktionen sind und waren positiv.

 

Hat es nach dem Regierungswechsel vor zwei Jahren irgendwelche Änderungen gegeben? Man hört öfters den Vorwurf, dass der Antisemitismus wieder stärker im Kommen sei.

In der Steiermark war davon nichts zu bemerken. Erstens einmal haben wir in Graz den sozialdemokratischen Bürgermeister Alfred Stingl, der ja wirklich sehr viel getan hat und alles was er tut, tut er aus Überzeugung. Auch der ehemalige VP-Landeshauptmann Josef Krainer hat sehr positiv mitgewirkt, vor allem auch der frühere Kulturstadtrat Helmut Strobl von der ÖVP, aber auch Vizebürgermeister Peter Weinmeister von der FPÖ. Wie gesagt: Der Neubau der Synagoge wurde von allen Parteien unterstützt. Den Antisemitismus gibt es natürlich bei vielen Alten immer noch. Aber ich meine, generell ist es so, dass viele Menschen auf Grund des ungelösten Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern Vorbehalte gegen Israel haben. Viele Menschen unterscheiden mittlerweile aber zwischen dem Staat Israel und beispielsweise den in Österreich lebenden Juden. Das positive Klima zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Grazern können sie sehen, wenn sie einmal zu einer unserer Veranstaltungen in die Synagoge kommen - falls sie einen Platz bekommen. Aber ich möchte abschließend vielleicht doch etwas negatives sagen, trotz aller positiven Geschichten. Ich bin neben der Steiermark ja auch für Kärnten und das südliche Burgenland zuständig. In ganz Kärnten gibt es drei Juden, wobei einer übergetreten ist zum Judentum. Im südlichen Burgenland keinen. Die übrigen hat man ganz einfach umgebracht oder vertrieben. Man hat es also doch fast geschafft.

 

Gerard Sonnenschein, in Casablanca (Marokko) geboren, ist Versicherungsmakler in Graz und seit 15.12.2000 Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde für Steiermark, Kärnten und das südliche Burgenland.

 

Das Interview führten:

Hermann Zwanzger, Jusstudent

Stefan Onzek, Jurist und Gedenkdienstleistender 2002/03

Wolfgang Weritsch, Spanisch- und Russischstudent und Gedenkdienstleistender 2002/03 Martin Schemeth Geschichtestudent