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Ausgabe 1/02


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Eine neue Zeit

Die Grazer jüdische Gemeinde ist aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht und tritt mit neuem Selbstvertrauen in die Öffentlichkeit.

 

Am 9. November 2000 begann für die jüdische Gemeinde der Steiermark eine neue Zeitrechnung. Mit der Eröffnung der wiedererrichteten Grazer Synagoge verband man die Hoffnung auf ein Aufblühen des jüdischen Lebens in Österreichs Süden. Aber auch Ängste vor einem erneuten Aufleben des Antisemitismus dominierten das Befinden mancher jüdischer Grazer. Nach einem Jahr ist die Zwischenbilanz eine rundweg positive. Die Gemeinde ist gewachsen, ein anspruchsvolles Kulturprogramm hat viele Grazer zu regelmäßigen Besuchern der Synagoge gemacht. Bei Vorträgen, Diskussionen oder Musikabenden platzte die Synagoge meist aus ihren Nähten (siehe Interview mit Gerard Sonnenschein).

Eine Entwicklung, die für Graz nicht selbstverständlich ist. Bis in die Achtziger Jahre verweilte die Israelitische Kultusgemeinde in einer Art „Dornröschenschlaf“.

Die Gemeinde präsentierte sich nach 1945 völlig verschlossen, die wenigen verbliebenen Mitglieder der einstmals mehr als 2000 Angehörige zählenden Gemeinschaft zogen sich fast völlig aus der Öffentlichkeit zurück. Die Angst, dass durch zu selbstbewusstes Auftreten dem in Graz traditionell verwurzelten Antisemitismus neue Angriffsflächen geboten würden, überwiegte.

Auch das Umfeld blieb schwierig. 1988 wurde nicht nur des Anschlusses im Jahr 1938 gedacht. Eine Grazer Firma, ein 1938 „arisierter“ Betrieb, feierte damals auch wie selbstverständlich das 50-jährige Jubiläum ihres Bestehens mit einem großen Fest. Sich kritisch mit der Vergangenheit auseinander zusetzen, war in Graz bis in die 90er Jahre schwierig.

Dass sich die Situation heute doch grundlegend anders präsentiert, ist mehreren Umständen zu verdanken. Die (sehr späte) Gründung der Abteilung für Zeitgeschichte an der Karl-Franzens Universität im Jahr 1983 trug das ihre dazu bei, dass zumindest im akademischen Umfeld mehr Bewusstsein für die neuere Geschichte der Steiermark geschaffen wurde.

Aber auch einige Politiker, allen voran der Grazer Bürgermeister Alfred Stingl, setzten sich zunehmend für einen kritischeren Umgang mit der Geschichte ein. Das führte dazu, dass die Israelitische Kultusgemeinde im Jahr 1989 eine neue Zeremonienhalle am jüdischen Friedhof erhielt. Als Konsequenz fiel auch der Beschluss im Grazer Stadtsenat, die Synagoge wiederzuerrichten, einstimmig, und wurde in Folge auch von allen Fraktionen mitgetragen.

Kurz nach der Eröffnung der Synagoge erschien im Jahr 2001 im Styria-Verlag das Buch „Es gibt nur einen Gott und eine Menschheit“. In diesem Buch geht der Grazer Journalist Wolfgang Sotill der Geschichte und Gegenwart der jüdischen Bürger von Graz auf die Spur. Seit dem Jahr 2000 hat Graz auch auf universitärer Ebene eine neue Institution, die sich ausschließlich mit jüdischer Kultur und Geschichte beschäftigt.

Das „David-Herzog-Centrum“, benannt nach dem 1938 vertriebenen letzten Landesrabbiner, entstand im Umfeld der Abteilung für Zeitgeschichte an der Uni Graz. Dadurch wird es in Zukunft den Studierenden ermöglicht, vermehrt Lehrveranstaltungen zu jüdischen Themen zu belegen.

Durch die wiedererrichtete Synagoge und die gesteigerte mediale Präsenz stieg auch das Interesse nicht-jüdischer Grazer an Geschichte und Gegenwart der jüdischen Gemeinde in der Murstadt merkbar an. Die neue Synagoge ist für Graz nicht nur eine architektonische Bereicherung an sehr exponierter Stelle, direkt an der Mur. Sie ist vor allem nicht zu übersehen; und damit ein Symbol für die jüdische Geschichte und Zukunft der Stadt an der Mur.

Für die Israelitische Kultusgemeinde ist sie vor allem Zeichen eines neuen Selbstbewusstseins, mit dem man seither auftritt. Und ein Zeichen für die Rückkehr der jüdischen Gemeinde ins Zentrum des religiösen und kulturellen Lebens der steirischen Landeshauptstadt.

Dass diese Öffnung gelungen ist, beweisen die Tausenden Besucher, die im ersten Jahr ihres Bestehens die neue Synagoge besuchten.

 

Martin Schemeth, Geschichtestudent und Mitarbeiter der Regionalgruppe Graz