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Ausgabe 1/02


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Antisemitismus in Vorarlberg

Im Juni 2001 wurde in Hohenems der einzige jüdische Friedhof Vorarlbergs geschändet. Die Reaktion der verantwortlichen Stellen war bemerkenswert. Das Umwerfen von 18 Grabsteinen wurde der Öffentlichkeit praktisch umgehend als „Jugendstreich ohne rassistischen Hintergrund“ vermittelt, obwohl es bis heute nicht zur Ausforschung des oder der Täter(s) gekommen ist.

Öffentlichkeitswirksam gab es kaum Stimmen, die den Vandalenakt als Symptom für einen gesellschaftlichen Zustand bewerteten. Dr. Werner Bundschuh wies als Obmann der Johann- August-Malin-Gesellschaft, eines Historiker-Vereins, mehrfach auf diesen Missstand hin. Der Hohenemser Bürgermeister hatte ja sogar eine ganz eigene Theorie aufgestellt: Die mit offensichtlicher Brachialgewalt zerstörten Grabsteine seien wegen eines Unwetters einfach „umgefallen“. Erst eine eigens bestellte Geologin stellte auch für die Öffentlichkeit klar, dass die seit Jahrhunderten stehenden Grabsteine nicht durch Erosion umgefallen sein konnten.

 

„Tod den Juden“

Antisemitismus hat in Vorarlberg leider Tradition. Lange Zeit wurde das von der historischen Forschung des Landes ignoriert. Erst seitdem sich Historiker der Malin-Gesellschaft mit diesem Aspekt der Geschichte befassten, ließen sich bestimmte Fakten nicht mehr leugnen: Etwa dass sich im Jahre 1888 an zahlreichen Stellen in der Gemeinde Hohenems die Aufschrift „Tod den Juden“ fand. Oder die Tatsache, dass die größte Vorarlberger Tageszeitung, das christlichsoziale „Vorarlberger Volksblatt“, kurz vor der Jahrhundertwende tagtäglich mit dem Hinweis „Kauft nur bei Christen“ erschien. Ein aus einer Faust gestreckter Zeigefinger links und rechts des Textes hob die Einschaltung jeweils noch zusätzlich hervor. Der Hohenemser Korrespondent des Blattes erging sich immer wieder in wüsten antisemitischen Beschimpfungen: „Wer auf Hohenems blickt und sieht, was durch die aufgezwungene Beimischung des schwer verträglichen Elementes aus der großen blühenden Gemeinde geworden, begreift, wie man sich im Norden und Süden, im Osten und Westen Europas gegen die Juden aufbäumt.“ Die Juden werden vor „einem dauerhaften und steigenden Hass“ gewarnt, „der eines Tages, wenn auch vielleicht nicht in Hohenems, zum Ausbruch kommen wird“. Eine beklemmende Prophezeiung.

Neben den deutschnationalen Parteien und ab den 20er Jahren der NSDAP war es vor allem die dominierende christlichsoziale Partei, die mit antisemitischer Propaganda erfolgreich Politik betrieb. In ihrem Parteiprogramm aus dem Jahre 1918 hieß es im Kapitel acht über die Ziele der Partei: „Sie (die christlichsoziale Partei, d. Verf.) bekämpft mit aller Entschiedenheit die Vorherrschaft des Judentums, sowie überhaupt den unheilvollen Einfluß des jüdischen Geistes auf allen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Gebieten.“

Antisemitismus war nicht nur in den erwähnten Parteien vorhanden, er war gesellschaftsfähig. Der „Arierparagraph“ schloss Juden von der Mitgliedschaft in sehr vielen kulturellen Organisationen und Sportvereinen aus. In Feldkirch musste beispielsweise ein getaufter und sehr angesehner Kaufmann – er war sogar Absolvent des katholischen Elitegymnasiums Stella Matutina – in den 20er Jahren aus dem Alpenverein austreten – seit 1908 hatte er ihm angehört, dann entdeckte man seine „jüdischen Wurzeln“.

Das war nicht das Klima für eine fruchtbares Nebeneinander: Nachdem die Verfassung von 1867 auch den Juden das freie Niederlassungsrecht gewährte, halbierte sich in Hohenems von einem Jahr auf das andere die jüdische Bevölkerung. Die antisemitische Propaganda im Land und das Aufkommen der NSDAP in den späten 30er Jahren taten ein Übriges.

In der kleinen Gemeinde Röthis kam es beispielsweise im August 1922 zu antisemitischen Ausschreitungen, weil in einer Gruppe von Urlaubern auch jüdische Studenten ausgemacht worden waren. 100 bis 150 aufgebrachte Dorfbewohner forderten laut Gendarmeriebericht deren sofortige Abreise.

Für den damaligen Landeshauptmann und späteren Bundeskanzler Otto Ender waren die Juden „ein Gastvolk“. Er hatte nichts dagegen, dass etwa 1925 in Götzis ein Vortrag über „Die zersetzende Macht des Judentums“ abgehalten wurde. Dies mit der Begründung, nicht die einheimischen, sehr wohl aber „die Ostjuden seien eine Gefahr“. Schon zwei Jahre vor der nationalsozialistischen Machtübernahme veröffentlichte die zweitgrößte Tageszeitung des Landes, das Vorarlberger Tagblatt, eine Liste angeblich „jüdischer Geschäfte“ und deren Inhaber – darunter befanden sich etliche katholische und evangelische Christen – mit der Aufforderung zum Boykott: In Vorarlberg sei „für eine jüdische Kolonie kein Bedarf und kein Platz vorhanden“. Es gelte der Ruf: „Vorarlberg den Vorarlbergern!“

Das war ein idealer Nährboden für die NSDAP, die im Land seit 1932 enormen Zulauf hatte. Die Lage war für die Sicherheitsbehörden zum Verzweifeln. Seit dem 19. Juni 1933 war die Partei in Österreich zwar verboten, in Dornbirn – der größten Stadt des Landes – beherrschte sie aber praktisch die öffentliche Diskussion. Peinlich für den Vorarlberger Sicherheitsdirektor Ludwig Bechinie. Schließlich erhielt er vom Bundeskanzleramt den Auftrag, einen Bericht über die Hintergründe dieser Situation nach Wien zu schicken. Die führenden Industriellenfamilien der Stadt, so berichtete Bechinie schließlich im Mai 1934 nach Wien, seien „fast in ihrer Gesamtheit ins nationalsozialistische Lager“ übergegangen und hätten „fast ganz Dornbirn und Umgebung in diese Richtung“ gezwungen, seien „doch Arbeiter, Gastwirte und Geschäftsleute aller Art von ihr abhängig“. Diese Übermacht habe eine Atmosphäre geschaffen, „in der die Bevölkerung nicht einmal mehr zu atmen wagte“, der Kampf der Behörden gegen die Nazis sei wegen der Übermacht der NSDAP und ihrer Hintermänner „defensiv und wirkungslos“ gewesen.

Politisch motivierte Entlassungen standen in den großen „NS-Betrieben“ des Landes auf der Tagesordnung. Leidtragende waren nicht nur Sozialdemokraten und Kommunisten – das wäre in der Logik des austrofaschistischen Ständestaates gelegen – sondern auch „Schwarze“, also Anhänger der einzigen zugelassenen Partei!

 

„Arisierungen“ als Lohn

Nach dem „Anschluss“ gab es dafür den „verdienten“ Lohn. Die Eigentümer von F. M. Hämmerle und Franz M. Rhomberg konnten in Wien von der für „Arisierungen“ zuständigen „Vermögensverkehrsstelle“ eines der europaweit größten Kaufhäuser erwerben: Die Herzmansky KG ging um vergleichsweise bescheidene 600.000 Reichsmark an die Dornbirner NS-Fabrikanten. Allein der Gewinn des vorangegangenen Geschäftsjahres hatte über 810.000 Reichsmark ausgemacht. Die Umsätze des Kaufhauses hatten sich im Kaufrausch der „Anschluss-Zeit“ zudem praktisch verdoppelt. Zum Vergleich: Der Landesvoranschlag für das Land Vorarlberg sah für 1938 Ausgaben in der Höhe von umgerechnet etwa sechs Millionen Reichsmark vor, der Umsatz des Kaufhauses Herzmansky dürfte im Jahr 1939 etwa 29 Millionen Reichsmark betragen haben. Aus diesen Gründen forderte die „Arisierungsstelle“ 1939 eine „Nachbesserung“ von 700.000 Reichsmark und eine Überprüfung des gesamten Verfahrens. Das allerdings verlief im Sand ...

Auch die persönliche Karriere der führenden Dornbirner Nazis kann sich sehen lassen. Hermann Rhomberg etwa war als Firmenchef von Franz M. Rhomberg Österreichs größter Seidenspinner und einer der wichtigsten Baumwollspinner. Als Luftwaffenbeauftragter für den Wehrkreis XVIII war er für die Vergabe lukrativer Großaufträge für Vorarlberg, Tirol, Salzburg, Kärnten, die Steiermark und die angrenzenden südlichen Gebiete zuständig. Zudem wurde er Vizepräsident der Gauwirtschaftskammer, erhielt eine „privilegierte“ NSDAP-Parteinummer und eine bedeutende Position im NSKK. Dass sein Unternehmen als NSMusterbetrieb ausgezeichnet wurde, versteht sich fast von selbst.

Kaum mehr von Interesse war zu diesem Zeitpunkt das Schicksal der einheimischen Juden. Zu Beginn der NS-Zeit lebte nur noch ein gutes Dutzend Juden in der Gemeinde Hohenems, etwas über hundert nach den „Nürnberger Gesetzen“ als Juden eingestufte Menschen in ganz Vorarlberg. Ein Großteil konnte fliehen. Eine bis heute nicht exakt rekonstruierbare Zahl von Menschen wurde in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches ermordet.

Ein bedrückendes Exempel für ein Verfolgungsschicksal im NS-Staat ist das eher ungewöhnliche Beispiel der Frieda Nagelberg (1889-1942) aus Hohenems. Hier wird dokumentiert, dass der nationalsozialistische Vernichtungswahn gegenüber Juden im Einzelfall auch Mitglieder anderer religiöser Minderheiten treffen konnte. Die aus Galizien stammende Frau war 1930 von einem Prediger der Siebenten-Tags-Adventisten in Vorarlberg getauft worden. 1940 gab sie vor der Gestapo zu Protokoll, dass sie in dieser Glaubensgemeinschaft seit längerer Zeit nicht mehr aktiv mitgewirkt habe. Von Augenzeugen wird berichtet, dass sich Frieda Nagelberg im Laufe der 30er-Jahre den Zeugen Jehovas zugewandt habe.

Als im Frühsommer 1940, wie überall in Deutschland, die Vorbereitungen zur zentralen Erfassung und „Zwangsumsiedlung“ der Juden in Angriff genommen wurden, protestierte der Bürgermeister und NSDAP-Ortsgruppenleiter des Marktes Hohenems, Josef Wolfgang, gegen die Zurückbehaltung von Frieda Nagelberg an ihrem Wohnort. Der Vorstand der jüdischen Kultusgemeinde, Theodor Elkan, der mit der organisatorisch-technischen Abwicklung der „Umsiedlung“ beauftragt war, hatte die als „Rassejüdin“ eingestufte Frau in die Aktion nicht mit einbezogen. Dass die frühere Jüdin inzwischen „einer anderen Glaubenssekte“ angehöre, wollte der Bürgermeister nicht gelten lassen. „Nachdem durch diese Umsiedlungsaktion nun alle anderen Juden aus Vorarlberg entfernt“ worden seien, teilte er dem Landrat in Feldkirch mit, „halte ich es für angezeigt, dass auch Frieda Nagelberg aus dem Lande entfernt wird, trotzdem sie im Versorgungsheim regelmäßig als Wäscherin schon seit Jahren verwendet wird und ihr Verhalten zu keinerlei Klagen Anstoß gibt. Ich bitte Sie zu veranlassen, dass auch Frieda Nagelberg den Auftrag zur Umsiedlung nach Wien erhält“.

Unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit wurde sie schließlich als so genannte „letzte Jüdin“ am 25. Februar 1942 nach Wien und kurze Zeit später in den Osten deportiert, von wo sie nicht mehr zurückkehrte. Letzte Hinweise zu ihrer Person datieren vom 9. April 1942 im „Durchgangslager“ Izbica/Polen, unweit vom Vernichtungslager Majdanek/ Lublin entfernt.

Gerade für einen Hohenemser Bürgermeister wäre es heute angebracht, auch schon den kleinsten antisemitischen Strömungen – geschweige denn der Schändung eines Friedhofs – mit aller Konsequenz und unzweideutig entgegenzutreten.

 

Harald Walser, Historiker